Wolfsgarten

Jul 6, 2020 | AKTUELLES

Stell dir vor, mitten in der Stadt liegt ein fußballfeldgroßer Park und keiner schaut hin … Was in Coronazeiten unverhofft normal klingt, hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte: Nämlich im Nürnberger Stadtteil Gostenhof, wo zwischen Pegnitz und Parkplatz einst in einem Hochseilgarten balanciert wurde. Rund zehn Jahre politisch ungeliebtes Brachendasein hat das 3000 Quadratmeter große Filetstück hinter sich, ein Urwald, ein grüner Schatz, mitten im Beton – der zwar nicht von der Stadt, dafür einer winzigen privaten Initiative geborgen wurde, um mit dem sozialen und kulturellen Engagement eines ganzen Wolfsherzens aufbereitet, poliert und an die Bürger zurückgegeben zu werden. 

Text Katharina Wasmeier

„Was man da nicht alles machen könnte“, hatten Silke und Phil Würzberger von der Wolfsherz gUG schon viele Jahre im Vorbeispazieren erträumt – und sich dann an ihre Devise „nicht reden, sondern machen“ erinnert, mit der das Ehepaar schon Läden und Theaterprojekte, Open-Air-Konzerte und Spenden-Marathons für schwerstbehinderte Kinder realisiert und sich aktiv im Stadtteil engagiert hat. Ein Stadtteil, der nicht gerade mit Spielplätzen und Grünanlagen glänzt. Das weiß der Nürnberger Baureferent Daniel Ulrich, das weiß Markus Schwendinger vom hiesigen Stadtplanungsamt: „Wir sehen einen unbedingten Bedarf an Flächen für Kinder und Jugendliche“, so der Stadtteilentwickler. Nur: Warum habt ihr denn dann nichts gemacht, da draußen? Zugeschaut, wie alles verwächst, verwuchert, verfällt? 

Am Grundstück, sagt Schwendinger, sei man freilich interessiert gewesen – allein der Eigentümer nicht daran, es anders zu entwickeln als mit Gebäudebau. Das aber ist in dem sogenannten „Biosphärenschutzgebiet“ nicht erlaubt. Und wenn zwei sich streiten, freut sich Silke Würzberger, denn „sie war zur richtigen Zeit da“, weiß Markus Schwendinger, überzeugte die müden Berliner Grundstückseigentümer vom Gartenkonzept und bekam Ende 2019 prompt den Zuschlag. Für mindestens zwei Jahre pachtet Wolfsherz – man möchte sagen: für einen Obolus – nun das Gelände und hat ein Konzept entwickelt, zu dem man Gostenhof nur gratulieren kann. 

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„Ein öffentlicher Nachbarschafts- und Nutzgarten für ökologische, nachhaltige und kulturelle Themen und Projekte“, versucht Silke Würzberger zusammenzufassen, was längst mit Gartenbauern, Pädagogen, Künstlern formuliert und auf drei Seiten nachzulesen ist. Da geht’s um Kräuterbeet und Ruheflächen, Sportpädagogik und Theaterworkshops, um Kooperation mit Schulen, Kitas, Förderzentren, um Kunst am Bau und Ateliers, Ferienprogramme und Konzerte, um Kooperationen aus dem gesamten soziokulturellen Apparat, so er denn möchte. Vor allem geht es darum, „Kinder und Jugendliche zu erreichen und zu erden“, erklärt die Theaterpädagogin und zweifache Mutter ihr Anliegen, erlebt sie doch in ihrer täglichen Arbeit, dass „die Kids zu nichts mehr Bezug haben außer zu ihrem Handy“ und es ihnen „so gut tun würde, einfach die Hände in die Erde zu stecken, einen Regenwurm zu finden oder sich auch nur um eine eigene Salatpflanze zu kümmern.“ Einen Zugang zur Umwelt, zur Natur zu vermitteln zum einen, zum anderen aber einen künstlerischen Freiraum zu bieten, in dem gestaltet, ausprobiert, gelernt und gewachsen werden kann, in dem das große soziokulturelle Netzwerk gemeinsam etwas schaffen und bewegen kann, das ist die Wolfsherz-Idee, die im Plan auch ein Bauwagen-Café, Künstlerzelte und ein Amphitheater vorsieht, „um endlich Sommertheater machen zu können.“ Alles denkbar, alles möglich – unter Einhaltung der Nutzungsvorschrift, versteht sich, und „was sich mit der Grünfläche verträgt“, sagt Daniel Ulrich. 

Das muss gerade im Bauantrag geprüft werden, obwohl eigentlich nichts gebaut wird, doch es gibt eine bürokratische Ordnung, die das Konzept jedoch „wohlwollend anguckt“, versichert Markus Schwendinger. Allerorten Zuversicht. „Wir packen das auf alle Fälle an“, verspricht Silke Würzberger und erzählt vom großen ehrenamtlichen Engagement, das seit Wochen und Monaten geleistet wird: Das verwilderte Gelände muss gebändigt, der alte Hochseilgarten ab- und umgebaut werden. Bislang geschieht das unentgeltlich und mit Spenden, doch das geht freilich nicht für immer so. Bereits jetzt „grenzt das an ungesunde Selbstaufgabe“, so Würzberger, die neben dem ideellen auch einen gewissen kommerziellen Aspekt im Auge hat. Nicht nur die Pacht muss bezahlt werden, sondern perspektivisch auch der Lohn für mindestens zwei Mitarbeiter finanziert, die den Garten zu den Öffnungszeiten betreuen, sich um anfallende Aufgaben kümmern können. Später. 

„Damit wir konkret weitermachen können, brauchen wir mindestens 10.000, besser 20.000 Euro“, hatte Silke Würzberger Anfang des Jahres gesagt, und meinte Stromanschluss, Komposttoiletten, Amphitheater, Bauwagen – und aktivierte neben all den vielen Menschen, den Förstern, Permakultur-Spezialisten und Schreinern, die ihr Fachwissen und Engagement schon einbringen, die Crowd. 

Binnen kürzester Zeit generierte eine entsprechende Startnext-Kampagne den erforderlichen Betrag – und machte in Zahlen deutlich, wie positiv die Resonanz im Viertel, wie groß die Sehnsucht nach einem solchen Ort ist. Der hat sich auch vom Virus nicht mehr bremsen lassen, höchstens ein bisschen entschleunigen. „Wir bauen aus den Dingen, die schon da sind“, erzählt Silke Würzberger Anfang April, meint alte Zäune, alte Fenster, Holzschnitt, aus denen man flugs ein „charmantes Hexengewächshaus“ zaubert. Man ist kreativ im „Wolfsgarten“, so heißt jetzt dieser Urwald, der behutsam geformt und fürs bunte Leben umgebastelt wird. Hügelbeete, Hochbeete, Komposttoiletten, Café, Containerschuppen. Im Schichtbetrieb, ganz coronakonform. Leider. „Es gab schon Samstage, an denen mussten wir 15 Leute wieder wegschicken, die freiwillig mithelfen wollten“, erzählt die Wolfsgärtnerin. „Bitter“, sagt sie, sei das, denn „jetzt fängt die Zeit an, wo die Leute darauf Lust haben.“ 

Aber verzagen ist nicht. „Sobald es wieder erlaubt ist, freuen wir uns über alle Helfer, die an den Samstagen mitanpacken wollen.“ Sie stehen in den Startlöchern. „Unser Vorteil ist: Wir können super flexibel, schnell und simpel auf die Situation reagieren.“ Der Weg wurde im April 2020 honoriert: mit dem Umweltpreis der Stadt Nürnberg. Die Wolfsherzen können ihn also stolz weitergehen. Und Kultur machen. Für alle. Mit allen. Ein echtes Wolfsrudel eben.

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