Baumhaushotel

Feb 14, 2020 | Schau ins Land

Eine Nacht unter den Schwingen der Eule

Text Simone Blaß

Campen ist Urlaub im Einklang mit der Natur. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite bedeutet es aber auch kalte Füße, klamme Schlafsäcke und ab einem bestimmten Alter das Gefühl, jeder Stein prägt sich direkt durch die Isomatte für immer in den Rücken. 

Was also tun, wenn man das eine möchte, auf das andere aber gut verzichten kann? Die Lösung ist ganz einfach: Glamping – ein Mix aus Glamour und Camping. Der Luxus-Camping-Trend ist Anfang 2000 in den USA entstanden und seit einiger Zeit auch in Deutschland angekommen. Inzwischen kann man in Hausbooten, in Bubbles, in Schwebezelten und Gurkenfässern übernachten. Oder in einem Baumhaus.

„Ihr wollt ernsthaft mitten im Winter in einem Baumhaus übernachten? Nehmt bloß genug warme Sachen mit!“, ist die einhellige Reaktion, wenn mein zehnjähriger Sohn Luc und ich jemandem von unserem Vorhaben am Wochenende erzählen. Und langsam werde ich unsicher. Packe lieber mal zwei Jogginghosen, einen Pullover mehr sowie warme Decken ein und bereite eine große Thermoskanne mit Tee vor. 

Als wir am Nachmittag im ersten fränkisch-bayerischen Schäferwagenhotel in Leinach ankommen, ist es schon dunkel. Nach einer Fahrt durch das Nichts zwischen Stadt Lauringen und Oberlauringen können wir unser Ziel nur erahnen. Wir folgen den vielen kleinen Lichtern, die durch die Bäume und Hecken leuchten, und lassen uns von ihnen zum Eingang lotsen. Dort erwartet uns nicht nur eine Wegbeschreibung zu dem von uns gebuchten Baumhaus, dem Eulennest, sondern auch Matthias Fahl, Chef des Schäferwagenhotels und Schreiner von Beruf. Sein Angebot an Luc, später ein bisschen in der Schreinerei mitzuhelfen, lässt die Jungsaugen leuchten.  

Ein kleiner Palast im Grünen

Ich möchte lieber erst einmal wissen, wo und vor allem wie wir die heutige Nacht verbringen. Wir erreichen unsere Unterkunft über schmale Kieswege, an Hecken entlang und unter Bäumen hindurch und stellen schnell fest: Das ganze Zusatz-Camping-Schutz-vor-Kälte-und-Widrigkeiten-Gepäck ist völlig überflüssig. Denn dieses kleine Nest hat alles, was man sich in einer kalten Winternacht nur wünschen kann: ein richtiges gemütliches Doppelbett, Strom, Heizung und sogar eine Kaffeemaschine. Das achteckige Häuschen, in das wir uns einnisten, ist liebevoll mit kleinen Details ausgestattet und mit einer Terrasse inmitten von Baumwipfeln versehen, auf der schon Decken bereitliegen, um sich einzukuscheln. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man hier ab dem späteren Frühjahr nichts anderes mehr als grün sieht und die noch vom Sommer hängenden Äpfel zeigen, dass es zur Erntezeit nur einen Handgriff braucht, um sich eine Frucht direkt vom Baum zu pflücken.  

Während ich noch begeistert damit beschäftigt bin, die verschiedenen Lichtschalter auszuprobieren und das kleine, leicht orientalisch anmutende Eulennest in immer wieder andere Farbtöne zu tauchen, scharrt mein Sohn bereits mit den Hufen. Ihn zieht es zu Holz, Hobel und Hammer. Also verstauen wir schnell unsere Sachen und machen uns auf in die Schreinerwerkstatt, in der man hinter jeder Ecke einen Kobold vermutet. Es riecht fantastisch nach Holzstaub. Überall stehen liebevoll geschreinerte Kleinigkeiten und auch der Schreinermeister selbst gleicht Meister Eder: stattlich, polterig und gutmütig. Schreinern ist für ihn Hobby und Beruf zugleich und genau diese Liebe zum Handwerk spürt man auf dem ganzen Gelände – genau wie die Liebe zu den Materialien der Natur. Luc wird sofort als Stift eingestellt, wie man die Lehrlinge in dieser Gegend noch immer nennt, und während ich es mir in unserem Nest schon einmal mit einem Buch gemütlich mache, ist er für die nächsten zwei Stunden verschwunden. Als er wiederkommt, strahlt er übers ganze Gesicht und ist von oben bis unten voller Holzstaub.

Genau die richtige Größe zum Wohlfühlen

„Im nächsten Sommer wollen wir unseren Gästen wieder anbieten, selbst zu schreinern. Wir bereiten kleine Pakete mit Holzteilen vor und geben dann Groß und Klein die Möglichkeit, nach Herzenslust zu hobeln, zu sägen und zu hämmern“, erzählt Matthias Fahl. Vom „Biertragerl“ bis zum Vogelhäuschen. Ihm ist wichtig, dass sich seine Gäste durch und durch wohlfühlen. Und weil Glamping nicht nur Schlafluxus bedeutet, bietet das Schäferwagenhotel auch eine kleine Sauna, im Sommer ein überdachtes Schwimmbad, viele Grillstellen und am Morgen ein leckeres Frühstück in der Jägerstube. „Natürlich könnte ich das hier auch noch ausbauen, aber das möchte ich gar nicht. Denn dann wird es unpersönlich.“ Was nicht heißt, dass der Hausherr nicht tausend neue Ideen im Kopf hat.    

Über 38 Betten verfügt das kleine Hotel. Überall auf der großen Wiese mit ihren zahlreichen Obstbäumen und bunten Hecken stehen die liebevoll gezimmerten Schäferwagen und in den Bäumen hier und da ein Baumhaus, mal absichtlich windschief, mal mit Hexenhutdach. Auf die Frage, wie er auf die Idee gekommen ist, diese außergewöhnlichen kleinen Häuschen zu bauen, grinst Matthias Fahl. „Eigentlich ganz einfach: Kindheitsträume, ein gemütliches Glas Wein, ein Stift und Papier.“ Jedes Baumhaus, jeder Schäferwagen ist anders. In manchen kann eine ganze Familie übernachten, andere lassen sich in sommerlichen Nächten komplett öffnen, um – geschützt durch ein Moskitonetz – unter freiem Himmel zu schlafen und die Sterne zu bewundern, die hier, weit weg von jedem Lichtsmog, am Himmel erstrahlen. Eine romantische Kulisse für eine kleine Auszeit, denke ich und frage in Gedanken schon mal die Oma, ob sie sich nicht mal für ein, zwei Nächte um die Kinder kümmern möchte. 

Das Leben ist kein Wunschkonzert, oder doch?

Der erste Schäferwagen entstand, als der heute 16-jährige Sohn der Fahls als kleines Kind für lange Zeit ins Krankenhaus musste. Um ihn zu trösten, versprach ihm sein Vater damals die Erfüllung eines Wunsches. Schäfchen sollten es sein. Und wo Schafe sind, da braucht es auch einen Schäferwagen. „Also habe ich mich an die Arbeit gemacht und unserem Jungen einen kleinen, gemütlichen Schäferwagen gebaut. Als es ihm besser ging, haben wir oft den Traktor davor gespannt und sind über die Felder bis nach Pottenstein auf den Campingplatz getuckert.“ 

Es dauerte nicht lange, bis nicht nur Matthias und seine Familie die Vorzüge einer Nacht im Schäferwagen zu schätzen wussten. Heute sind es bis zu 4.000 Übernachtungen im Jahr in mittlerweile acht Wagen und vier Baumhäusern.  

Als Luc und ich uns später in unser Nest kuscheln und uns unsere Decken über die Köpfe ziehen, ist es noch nicht spät und wir fühlen uns ein bisschen wie Vögel. Wir löschen die Lichter und lauschen zum Einschlafen den ungewohnten Geräuschen der Natur. Beobachten die Schatten der die Fenster streifenden Äste, die sich im Wind wiegen und fühlen uns in luftiger Höhe so sicher und geborgen, dass wir innerhalb kürzester Zeit tief einschlafen. Und entsprechend früh aufwachen. Um uns herum zwitschern die Vögel und wir sind hellwach. Bei einem kleinen Spaziergang im Morgennebel begegnen uns sogar drei Rehe, die sich durch unsere Anwesenheit nicht im Geringsten stören lassen und die wir Stadtkinder in Ruhe beobachten dürfen. Obwohl wir nach unserem Frühstück schon wieder zusammenpacken müssen, haben wir das Gefühl, schon viel länger hier zu sein. Eine Nacht im Eulennest ist wie ein kleiner Urlaub vom Alltag. 

www.schaeferwagenhotel.de

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