Zukunft zum Anfassen

Aug 11, 2021 | SCHAU INS LAND

Fliegende Autos, Knorpeldrucker und Schnitzeljagden in 3D – was klingt wie Schlagworte aus einem SciFi-Film, wird nicht nur sehr bald Realität, sondern ist es bereits: Im „Zukunftsmuseum Nürnberg“ spüren alle Generationen visionären Ideen, modernstem Fortschritt und ewigen Fantasien nach.
Text: Katharina Wasmeier

Wer in die Zukunft blicken möchte, verdunkelt für gewöhnlich einen Raum, setzt sich einen spannenden Hut mit großer Feder auf den Kopf und murmelt magische Formeln in eine Glaskugel. Die Ergebnisse sind oft schwer kalkulierbar, die Interpretation obliegt der Fähigkeit des Orakels, die Akzeptanz der der Bevölkerung. Im Augustinerhof praktiziert man das künftig anders. Denn hier, mitten im historischen Zentrum Nürnbergs, das sich in Sachen modernen Zukunftsbestrebens bislang wenig verdächtig gemacht hat, ist ein Raumschiff gelandet.

Was sich von außen dem Fachwerkpuzzle so fein ungeschmeidig kachelartig widersetzt, ist von innen ein futuristischer Betonbau. Er birgt in verschachtelten Gängen Geheimnisse und öffnet Räume so groß wie Möglichkeiten öffnet. Hier, so das Versprechen, „wartet schon heute die Welt von morgen“. Vor allem wartet sie darauf, angefasst zu werden – und ausprobiert, betatscht, bestaunt, beschnüffelt. Ein „interaktives Konzept – das ist uns wichtig“, sagt Melanie Saverimuthu, kuratorische Leiterin des Hauses, das offiziell „Deutsches Museum Nürnberg“ heißt und sich seit 2016 mit der Konzeption befasst. Museum, das bedeutet meistens psst! und langsam, Finger weg und stillgestanden! Hier: nicht.

Zukunft zum Anfassen

Fünf Themenbereiche erstrecken sich über eine Ausstellungsfläche von 2900 Quadratmetern, die pickepackevoll sind mit „sowohl Science als auch Fiction“, sagt Melanie Saverimuthu. „Wir wollen zeigen, was der aktuelle Stand der Wissenschaft ist – aber auch, welche Visionen es in Literatur oder Film gibt.“ Und wo die Grenzen vielleicht schon verschwimmen wie beim „Pop.Up Next“, einem riesigen Gerät wie aus dem Kino, das Ideen von Elektro-Auto und Flugtaxi vereint. Firlefanz? Nö: Schon 2025 sollen am Flughafen Nürnberg Flugtaxis starten. Hier kommt also die Vorhut. Eigentlich: Vorhuten, denn die „Zukunft zum Anfassen“ ist so reich an Facetten wie das Leben auf der Erde (und darin, darunter und darüber): Arbeit und Alltag, Körper und Geist, Raum und Zeit sowie die Systeme Stadt und Erde werden behandelt in dem weitläufigen Bau, der teils gigantische Exponate beherbergt.

Das Wichtigste bei allem: nicht nur schauen, sondern erleben. Ganz schön aufregend für ein Museum, und damit sich das auch jeder traut, stehen hier statt wie sonst üblich keine strengen Wärter bereit zur Disziplinierung, sondern sogenannte „F-Coms“ (Future Communicators) hilfsbereit zur Seite, um das „multisensorische Erfahrungsfeld“ mit Infotexten und Grafiken, Medienstationen und authentischen Exponaten zu erkunden – und die ethische Ebene zu be-greifen. Denn die ist immer mit dabei.

Zukunft gestalten

Beispiel Roboter und Computer: Im Kino sind die manchmal süß (WALL·E) und meistens hilfreich (R2D2), gelegentlich auch furchteinflößend (Terminator). In echt können sie lächeln, Autos bauen, gestreichelt werden und noch so manches mehr, doch kann die künstliche Intelligenz (KI) die echte, menschliche ersetzen? Was sind Algorithmen, was neuronale Netze? Was kann man programmieren, was trainieren – und wo sind die Fallstricke, die in der Technik lauern? Das Museum, sagt Melanie Saverimuthu, will zugleich demonstrieren wie sensibilisieren, und reicht deshalb zur Theorie überall die Praxis. So auch hier: An einer Mitmachstation kann gechattet werden. Unklar bleibt: Plaudere ich gerade mit meinem Stationsnachbarn – oder antwortet ein Algorithmus? Und wohin gehen eigentlich meine Daten, wenn sie erst einmal im Tornado des Datenstrudels verschwunden sind? Und wie praktisch ist eigentlich so ein Smart Home, das zwar weiß, welche Musik ich hören möchte, aber auch, wie es gerade um meinen Kontostand bestellt ist oder meine Gesundheit? „Wir wollen hier spielerisch bilden, nicht mit dem ausgesteckten Zeigefinger belehren“, sagt Melanie Saverimuthu. „Zukunft entsteht nicht, sondern wird gestaltet.“

Fragen für die Zukunft

Um Entscheidungen treffen zu können, brauchen wir Wissen, müssen abwägen: Schrittzähler und Fitness-Tracker sind toll, aber wollen wir „Social Scoring“ wie in China, wo „gutes“ Verhalten belohnt und „schlechtes“ bestraft wird? Bin ich ein Cyborg, wenn ich mit einer modernen Beinprothese Sport betreibe – und gar im Vorteil gegenüber gesunden Menschen? Und was passiert eigentlich, wenn in einer hochtechnologisierten Stadt der Strom ausfällt, einfach, weil ein Hacker das so will? Denn auch im „System Stadt“ geht es darum, die Komplexität der Dinge zu veranschaulichen und Ideen beizusteuern: am Spieltisch eine lebenswerte Stadt zu bauen und Zukunftsgeräuschen zu lauschen, mit großen Augen um den „Hyperloop“ zu streichen – ein 1000-km/h-Gefährt, das es schon gibt, nicht aber die Systeme, in denen es sich fortbewegen könnte. Erfahren, wie Ernährung anders funktionieren könnte, und so globale Sorgen lösen – und auch, wie viel ich eigentlich auf einem Fahrrad strampeln muss, um welche Energie zu gewinnen – und wie lange kann ich damit dann meine Lieblingsserie streamen?

Zukunft, das bedeutet nicht nur technische oder medizinische Errungenschaften, sondern auch existenzielle Fragen der Bewahrung und des Schutzes: Müll und dessen Vermeidung und Entsorgung auf der Erde wie im Weltall, in dem ein gigantischer Globus veranschaulicht, wie fragil unser blauer Planet eigentlich ist, neben dem eine waschechte und ziemlich ramponierte Raumfahrtkapsel ganz schön ungrazil daherkommt: „ein Sinnbild für die brachiale Gewalt und Massivität“, so Melanie Saverimuthu, die Weltraumforschung bedeutet – und die so gar nichts zu tun hat mit der schwebenden Feingeistigkeit von Star Trek & Co.

Erholung vom Jetzt

Es ist eine sorgfältige Mischung aus Altbekanntem in neuem Gewand und nie zuvor Gesehenem auf vermeintlich bekanntem Terrain, der ein Live-Erlebnis der besonderen Art die Zukunftskrone aufsetzt. Neben dem vorausschauend kalkulierten, weil dringend benötigten „Raum der Ruhe“, der die Ohren verschnaufen und die Augen kurz Luft holen lässt, sowie einer eigens eingerichteten Bibliothek für einschlägige Literatur hält ein separater Raum echten Urlaub bereit: Erholung vom Jetzt in der Virtuellen Realität der 2050er, in der dank modernster Technik im zukünftigen Nürnberg gemeinsam auf Schnitzeljagd gegangen werden kann. Der Raum verdunkelt, ein spannender Hut auf dem Kopf und garantiert das ein oder andere Gemurmel – die Voraussetzungen des klassischen Weissagens sind, so viel sei gesagt, zumindest hier erfüllt. Wie ihr mit euren Entdeckungen der Zukunft umgeht, bleibt hingegen allein euch überlassen.

Das Deutsche Museum Nürnberg oder kurz „Zukunftsmuseum“ wurde vor über fünf Jahren als Zweigstelle des Münchner Stammhauses beschlossen und als Mitmach- und Labormuseum konzeptioniert. Unter dem wachsamen Blick der Eule als Symbol der Weisheit entwickeln sich hier Fragen der Zukunft von Technik und Gesellschaft. Die Eröffnung ist für September 2021 geplant. Infos unter deutsches-museum.de/Nuernberg

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