VOLLE WUT VORAUS!

Aug 10, 2021 | BILDUNG UND ERZIEHUNG

IM ALTER ZWISCHEN ZWEI UND FÜNF SIND UNSERE KLEINEN SCHNELLER VON NULL AUF HUNDERT ALS EIN RENN-BOLIDE. WIE SOLL MAN MIT DEN HEFTIGEN GEFÜHLSAUSBRÜCHEN UMGEHEN? ES HILFT, WENN MAN VERSTEHT, WARUM ES SIE ÜBERHAUPT GIBT, DIESE FÜR ALLE SO WAHNSINNIG ANSTRENGENDE TROTZPHASE.
Text Manuela Prill

Es müssen die Sandalen sein. Unbedingt! Das geht nicht, Schätzchen, es ist eiskalt draußen. Kawumm! Schon zieht es heran, das Gefühls-Gewitter: Zorn blitzt auf, Tränen strömen und es donnert „Ich will aber!“. Jeder, der kleine Kinder hat(te), kennt wohl solche Szenen. Und das ist gleich die gute Nachricht. Ins Trotzalter kommen sie alle, und wenn aus unseren Sonnenscheinchen zeitweise bockige Wutmonster werden, heißt das nicht, dass man bis dato in Sachen Erziehung etwas falsch gemacht hat. Die Trotzphase ist sogar ein wichtiger Entwicklungsschritt, weshalb Pädagogen und Psychologen sie auch lieber als „Autonomiephase“ bezeichnen.

Etwa ab dem Alter von zwei Jahren beginnen Kinder sich selbst als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen. Sie entdecken ihre Bedürfnisse, möchten sich ausprobieren und Dinge selbst entscheiden. „Ich will aber!“ ist in dieser Zeit einer ihrer Lieblingssätze. Wenn aber die Bedürfnisse nicht befriedigt werden, sei es, weil die Eltern dies ausbremsen oder weil die Kleinen an eigene motorische oder sprachliche Grenzen stoßen und deshalb etwas nicht schaffen, löst das heftige Emotionenaus: Frust, Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Angst vermischen sich. Ein Gefühls-Potpourri, das Kinder in diesem Alter weder verstehen noch regulieren können. Es bricht regelrecht über sie herein. Damit umzugehen müssen sie erst üben.

Trotzphase = Gefühle aushalten

Genau darin liegt die Chance während der Trotzphase. „Es ist ganz wichtig, dass Kinder lernen, negative Gefühle auszuhalten“, sagt Christiane Merkl, Leiterin des Evangelischen Kindergartens St. Lorenz in Nürnberg. „Neins“ und der damit verbundene Frust und Schmerz gehörten nun mal zum Großwerden dazu, die Fähigkeit, damit umzugehen, brauchen wir ein Leben lang. „Wenn Kinder nie die Chance haben, dies zu lernen, wird es später problematisch.“ Die Pädagogin erlebt in Elterngesprächen immer wieder, dass Mütter und Väter sich damit aber oft sehr schwertun. Natürlich ist es nicht leicht auszuhalten, wenn das eigene Kind weint und tobt, man möchte nicht schuld sein an seinem Schmerz. Manche wollen einen partnerschaftlichen Erziehungsstil pflegen und den Nachwuchs in alle Entscheidungen miteinbeziehen. Willst du lieber Apfelsaft oder Wasser? Sollen wir auf den Spielplatz gehen oder in den Park? Aber ein Zuviel davon überfordert Kinder, zum anderen erleben sie dadurch nur positive Gefühle, weil ja scheinbar immer alles nach ihrem Willen geschieht. Christiane Merkl empfiehlt ein kleines Gedankenspiel: „Man muss sich fragen, wie will ich, dass mein Kind mit 15 ist?“ Wie reagiert es zum Beispiel, wenn am Ausbildungsplatz plötzlich andere das Sagen haben? Kommt es damit klar?

Ich will aber!

Möchte ich, dass mein Kind das nötige Rüstzeug hat, um negative Situationen zu meistern? „Niemand will doch eine Diva oder einen kleinen Prinzen zu Hause haben“, betont Merkl. Auch wer bei einem Trotzanfall einknickt, hilft seinem Kind nicht.  Ein Klassiker-Beispiel in Kurzform:
Ein Knirps greift an der Supermarktkasse nach einem Schokoriegel.
MAMA, KANN ICH DAS HABEN?
NEIN, WIR HABEN NOCH SÜSSIGKEITEN ZU HAUSE.
DAS ABER NICHT!
ICH HABE NEIN GESAGT, LEG ES BITTE WIEDER ZURÜCK.
ICH WILL ABER!
NEIN! ICH WILL ABER!!!
GUT, ABER NUR EINS.

Was lernt das Kind daraus? „Es lernt, dass es nicht machen muss, was es soll“, bringt es Christiane Merkl auf den Punkt. Anders ausgedrückt: die Botschaft, die hängenbleibt: Geht doch! Ich muss nur lange genug quengeln, dann krieg’ ich meinen Willen. Ohne Frage: Ruhe zu bewahren und konsequent zu bleiben ist leichter gesagt als getan. Wir Eltern sind ja auch nur Menschen, und Trotzanfälle lösen ebenso bei uns Stress und Wut aus. Aber es hilft nichts: Der Weg des geringsten Widerstandes – also Nachgeben – schont nur kurzfristig die Nerven. Wie also reagieren? Zunächst: Egal ob gutes Zureden, Argumentieren oder Schimpfen, all das bringt in der akuten Situation rein gar nichts. Der Teil des Gehirns, der für Logik und Sprache zuständig ist, schaltet in Stresssituationen schlichtweg ab.

Kompromisse

„Die Kinder verstehen dann nur ‚bla, bla, bla‘“, verdeutlicht Merkl. Reden mache erst später Sinn, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben. Balsam für die trotzige Kinderseele ist Verständnis und Trost. „Ich kann meinem Kind in einem ruhigen Ton sagen: ja, ich habe verstanden, dass das jetzt wichtig ist für dich, ich verstehe, dass es dich wütend macht, ich bleibe aber trotzdem bei meiner Entscheidung“, empfiehlt die Pädagogin. Regeln müssen nachvollziehbar sein und eingehalten werden, dann braucht man nicht stets aufs Neue darüber diskutieren. Letztendlich vermittelt man seinem Kind durch Konsequenz auch Sicherheit. „Menno, immer bist du der Bestimmer!“ Ein denkbar gutes Argument der lieben Kleinen. „Man kann gemeinsam festlegen, welche Entscheidungen das Kind tatsächlich selber treffen darf“, rät Christiane Merkl. Etwa, was es zum Abendessen möchte oder welches Buch am Abend vorgelesen wird. Und um Gefühls-Gewittern am Morgen vorzubeugen, könne man die Kleider schon am Tag vorher rauslegen. Vielleicht sogar die Sandalen, kombiniert mit einer Strumpfhose. Wäre doch ein Kompromiss.

X