Für den perfekten Biss

Aug 10, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Viele Zahnfehlstellungen machen den Besuch beim Kieferorthopäden unumgänglich. Prof. Dr. Lina Gölz, Direktorin der Zahnklinik für Kieferorthopädie an der Universitätsklinik Erlangen, erklärt, worauf Eltern achten sollten.
Text: Kerstin Smirr

In vielen Familien stehen regelmäßig Termine beim Kieferorthopäden im Kalender. Schätzungen zufolge wird etwa jedes zweite Kind in Deutschland bis zu seinem 18. Lebensjahr kieferorthopädisch behandelt. Die Anomalien sind vielfältig. „Ein sehr hoher Prozentsatz unserer Patienten kommt wegen Engständen zu uns“, sagt Prof. Dr. Lina Gölz, die die Zahnklinik für Kieferorthopädie am Universitätsklinikum Erlangen leitet. Bei einem Engstand haben die Zähne nicht genügend Platz im Kiefer, weil sie zu groß sind oder der Kiefer zu klein ist. „Häufig sehen wir auch Kinder, die einen deutlichen Überbiss haben. Dies bedeutet, dass der Abstand zwischen den Ober- und Unterkieferfrontzähnen zu groß ist. Wenn diese Kinder an dieser Stelle eine Schaukel oder einen Ball abbekommen, ist das Risiko stark erhöht, dass die oberen Frontzähne brechen oder ausgeschlagen werden. Oft treten auch Kreuzbisse auf. Bei diesen ist der Oberkiefer zu schmal und stimmt in der Breite nicht zum Unterkiefer“, erklärt die Fachärztin für Kieferorthopädie. Doch wie kommt es dazu, dass sich Zähne oder Kiefer nicht ideal entwickeln? Dafür gibt es verschiedene Ursachen, je nach Fehlstellung. Mal spielen verschiedene Gene in ihrem Zusammenwirken eine Rolle. „Wenn bei einem Elternteil ein Engstand sehr ausgeprägt war, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch das Kind betreffen wird“, sagt Lina Gölz. Manche Zahnfehlstellungen sind auch ein Zeichen unserer Zeit. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass veränderte Essgewohnheiten dafür sorgten, dass sich der Kiefer nach und nach verkleinerte, da gekochte Nahrung die Kaumuskulatur weniger beansprucht.

Schlechte Gewohnheiten

Zudem können Unfälle, bei denen Zähne beschädigt werden oder ausfallen, sowie das langjährige Nuckeln ihre Auswirkungen zeigen. Um Fehlstellungen vorzubeugen, sei es wichtig, den Schnuller ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr des Kindes langsam abzugewöhnen, sagt Lina Gölz. „Spätestens beim Zahnwechsel um das sechste Lebensjahr sollten die Kinder weg vom Schnuller sein. Andernfalls übertragen sich Fehlstellungen auf die bleibenden Zähne und verursachen therapiebedürftige Kieferfehlstellungen.“ Zahnärzte sind dafür ausgebildet, sich anbahnende Anomalien rechtzeitig zu erkennen. Eine regelmäßige Kontrolle ist also nicht nur angebracht, um Karies vorzubeugen. Wer das Gebiss des eigenen Kindes gleich vom Kieferorthopäden anschauen lassen möchte, kann sich auch direkt an eine Fachpraxis wenden. Eine Überweisung ist nicht notwendig. Lina Gölz rät dazu, bei der Suche auf eine Facharztausbildung des Kieferorthopäden zu achten, denn dieser habe die beste Expertise auf seinem Gebiet. Die Behandlungsmöglichkeiten sind – ebenso wie die Zahnfehlstellungen mit all ihren Ausprägungen – vielfältig. Sie reichen von herausnehmbaren Spangen bis zu festsitzenden Apparaturen in verschiedensten Ausführungen und Materialien. Die Geräte helfen nicht nur dabei, Fehlstellungen zu reduzieren oder komplett zu korrigieren, sondern  dienen auch der Prävention, um Folgeerkrankungen zu verhindern. Denn je nach Art der Anomalie drohen ohne Behandlung Karies, Entzündungen am Zahnfleisch, Schmerzen in den Kiefergelenken, Einschränkungen beim Beißen, Kauen und in der Atmung, Verdauungsbeschwerden sowie der Ausfall von Zähnen. Lina Gölz verweist auch darauf, dass die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen gesteigert werde: „Es kommen Kinder zu uns, die nicht mehr lachen, weil sie gehänselt werden. Wir helfen frühzeitig, bevor psychische Folgen auftreten.“

Auf umfassende Beratung achten

Welche Therapie angesichts der zahlreichen Behandlungsmöglichkeiten für das eigene Kind ideal ist, ist für Eltern nicht leicht zu ergründen. Aktuell arbeiten die Fachgesellschaften an einer Leitlinie, um die Studienlage zusammenzufassen und die Aufklärung der jungen Patienten und ihrer Eltern zu fördern. Familien müssen derzeit also vor allem auf eine umfassende Beratung des Kieferorthopäden vertrauen, der möglicherweise auch privat zu tragende Zusatzleistungen anbietet. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten erst ab einer bestimmten Schwere der Zahnfehlstellung (siehe Infokasten) und dann in einer Basisvariante. Wer beispielsweise weniger auffällige Brackets aus Keramik oder die innenliegende feste Zahnspange wünscht, muss selbst zahlen. Lina Gölz empfiehlt, sich die Gesprächssituation mit dem Arzt zu vergegenwärtigen. „Wenn es vorrangig um die Sichtbarkeit von Brackets geht und nicht darum, weshalb eine Therapie in welcher Form medizinisch sinnvoll ist, sollten Eltern sich eine Zweitmeinung einholen oder sich bei uns an der Universitätsklinik beraten lassen“, sagt sie. Das Krankenkassensystem erfasse 80 bis 90 Prozent der medizinisch notwendigen Fälle. Mit den Apparaturen, die die Kassen zahlten, erreichten Kinder genauso gut und schnell das Ziel – ein nicht nur schönes, sondern vor allem gesundes Gebiss.

Kostenfaktor Kieferorthopädie

Zahn- und Kieferfehlstellungen werden je nach ihrer Schwere in eine von fünf „kieferorthopädischen Indikationsgruppen“ (KIG) eingeordnet. In den ersten beiden Stufen leisten die gesetzlichen Krankenkassen nicht. Bei KIG 3 bis 5 übernehmen Eltern zunächst 20 Prozent der Behandlungskosten als Eigenanteil, erhalten diesen jedoch nach Abschluss der Therapie erstattet. Ab dem zweiten Kind in kieferorthopädischer Behandlung reduziert sich der Eigenanteil auf zehn Prozent. Zahnzusatzversicherungen für Kinder springen bei Wunschzusatzleistungen und einer Behandlung in KIG 1 und 2 ein. „Die Beiträge beginnen ab etwa zehn Euro pro Monat. Ab 13, 14 Euro lassen sich solide Verträge finden“, sagt Bastian Landorff, Fachberater Krankenversicherung bei der Verbraucherzentrale Bayern. Über die Jahre können sich die Beiträge auf eine vierstellige Summe läppern.

Lohnt es sich da nicht eher, das Geld für den Fall der Fälle zur Seite zu legen? Das lässt sich vorab individuell kaum abschätzen, denn der Versicherungsvertrag sollte spätestens im Vorschulalter abgeschlossen werden. Ist eine Fehlstellung erst einmal diagnostiziert, schließen die Versicherer eine Leistung aus. Zudem bauen viele Anbieter Wartezeiten ein. Absehbar ist kaum, wie hoch die Kosten im eigenen Fall sein könnten. Laut einer Studie von 2016, für die Daten der Barmer genutzt wurden, nahmen 85 Prozent der befragten Familien, bei denen sich das Kind in kieferorthopädischer Behandlung befand, Zusatzleistungen in Anspruch. Durchschnittlich lag die private Zuzahlung bei rund 1.200 Euro. „Eine Zahnzusatzversicherung für Kinder abzuschließen, ist Geschmackssache. Sie ist in erster Linie interessant, wenn Sie bei leichten Fehlstellungen eingreifen oder bei schwereren Ausprägungen Extras wählen möchten“, sagt Bastian Landorff. Die Bedingungen variierten stark. Vor Abschluss sollten Eltern die einzelnen Leistungen vergleichen. Oft begrenzen die Versicherer die Kostenübernahme bei Kieferorthopädie.

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