Der Krebs-Pieks

Aug 10, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs? Und schon sind sie raus bei der elenden Entscheidung, ob ein Kind geimpft wird, gegen was ein Kind geimpft wird, wann ein Kind gegen was geimpft wird, denken sich die Eltern von Söhnen … Aber dem ist leider nicht so. Denn tatsächlich empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die HPV-Impfung seit 2018 auch für Jungs, und zwar ab 9 Jahren.
Text: Simone Blaß

HP-Viren lösen zu fast 100 Prozent Gebärmutterhalskrebs aus. Klar, dass man zuerst die Mädchen auf dem Schirm hatte. Aber: Auch Männer können an Krebs durch HPV erkranken. Laut Zentrum für Krebsregisterdaten sind es jährlich immerhin rund 1.600 – betroffene Regionen: Penis, Anus und der Mund- und Rachenraum. Die HP-Viren werden, das lässt sich leicht vermuten, beim Sex übertragen. Und zwar nicht nur direkt, sondern auch über klitzekleine Verletzungen – Kondome schützen also in diesem Fall leider nur bedingt. „Einer trägt die Viren in sich, der andere steckt sich an“, erklärt der Nürnberger Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin Dr. Michael Kandler. „Und zwar je nachdem, wie er dem- oder derjenigen zugewandt ist, sozusagen.“ Der berühmte Schauspieler Michael Douglas zum Beispiel hat in einem Interview mit dem Guardian einmal in Erwägung gezogen, dass HP-Viren durchaus die Ursache für seinen Kehlkopfkrebs sein könnten.

Wann impfen?

Empfohlen wird die Impfung zwischen 9 und 14 Jahren – am besten dann, wenn der Gedanke an Sex noch völlig skurril erscheint. „Der Ansteckungsweg ist nämlich immer von Mensch zu Mensch“, so Brigitte Dietz, die Impfbeauftragte vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. „Da die Viren auch im Kopf-Hals-Bereich sein können, kann Küssen schon genügen. Meistens aber werden sie über Petting und Geschlechtsverkehr übertragen.“ Eine Übertragung auf anderem Weg, zum Beispiel durch eine Schmierinfektion, ist eher selten. „Die theoretische Möglichkeit spielt praktisch keine Rolle“, fasst es Michael Kandler zusammen. Doch auch nach dem ersten, zweiten oder dritten Sexualkontakt macht die Impfung noch Sinn. Sie wirkt zwar nicht mehr gegen Virentypen, mit denen man sich möglicherweise bereits infiziert hat, schützt aber noch gegen die anderen HPV-Typen, die im Impfstoff enthalten sind.

Einmal angesteckt, besteht die Gefahr, dass der Virus im Gewebe bleibt und dort zu Zellveränderungen führt. Werden solche sogenannten Krebsvorstufen nicht behandelt, kann das im wahrsten Sinne des Wortes böse ausgehen. Manchmal auch erst 30 Jahre später. Modellrechnungen des Robert-Koch-Instituts haben ergeben, dass allein durch die derzeitige Impfquote von etwa 50 Prozent bei den Mädchen in den nächsten 100 Jahren 163.000 Krebserkrankungen vermieden werden können. Würden die Jungs auf die gleiche Impfdosenanzahl kommen, kämen weitere 76.000 dazu.

Mehrfacheffekt

Kein Pappenstiel. Sind sowohl Mädchen als auch Jungs geimpft, können sie sich zusätzlich gegenseitig schützen. Wobei der beste Weg, ein Virus zu bekämpfen, das wissen wir inzwischen alle, die Herdenimmunität ist. Die aber haben wir erst, wenn mindestens 70 Prozent geimpft oder immun sind. Die Virengruppe beinhaltet Hunderte verschiedener Typen – viele davon sind für uns nicht gefährlich und werden vom Immunsystem einfach niedergeknüppelt, ohne dass wir davon irgendetwas bemerken. Die, von denen man weiß, dass sie krebsauslösend sein können, hat man in die Impfung gepackt. Heute gibt es einen Zweifach-HPV-Impfstoff mit den Krebs-Hauptauslösern sowie einen Neunfach-Impfstoff, der vor weiteren Hochrisikotypen sowie vor den Hauptauslösern für Feigwarzen schützt. „Diese hässlichen Warzen“, so Michael Kandler, „treten im Genitalbereich auf, können sich aber auch zum Beispiel im Mund oder der Harnröhre verstecken und sind so für den Partner unsichtbar.“ Die Verhinderung der Genitalwarzen ist zwar ein positiver Nebeneffekt, natürlich aber nicht das Ziel der Impfung.

Krebsprävention

Das ist ganz klar die Krebsprävention. „Durch die Impfung ist ein über 90-prozentiger Schutz vor Gebärmutterhalskrebs und ein hoher Schutz vor den anderen Krebsarten gewährleistet.“ Die Kinder- und Jugendärztin verweist auf den „gigantischen Erfolg“, den die Impfung in den ersten Monaten hatte. Bis es zu zwei Todesfällen im Herbst 2007 kam: Zwei junge Frauen starben am Sudden Adult Death Syndrome (SADS), einem plötzlichen Herzstillstand, der laut Statistischem Bundesamt pro Jahr deutschlandweit rund 60 Mal in der Altersgruppe zwischen 15 und 20 vorkommt. „Aber die Impfgegner hatten durch den zeitlichen Zusammenhang zur Impfung Oberwasser, die ursprüngliche Euphorie war weg. Als sich im Jahr 2008 noch 13 Wissenschaftler gegen die Impfung positioniert haben, war das Maß so voll, dass der Impfung jahrelang ein schlechter Ruf anhaftete, gegen den wir Niedergelassenen ankämpfen mussten. Das wirkt jetzt noch immer nach.“ Und Michael Kandler ergänzt: „Wir arbeiten mit Freiwilligkeit – aber so werden wir das wohl nicht stoppen.“ Vielleicht sollten wir uns hier ein Beispiel an Australien oder Schweden nehmen. Krebs durch HPV gibt es dort nämlich so gut wie nicht mehr.

Meilenstein gegen Krebs
Die HPV-Impfung ist durch zahlreiche großangelegte Studien belegt. 270 Millionen Impfdosen wurden bisher weltweit verimpft, die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen. Einzelne Fälle von heftigen Autoimmunreaktionen, die in einem bestimmten Zeitraum nach der Impfung aufgetreten sind, werden gründlich untersucht. Das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für die Bewertung und Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist, sieht allerdings keinen kausalen Zusammenhang.

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