Teil 5: SAG MAL HALLO! Höfflichkeit und wie wir miteinander umgehen

Jun 11, 2021 | TITELTHEMA

Net(t)iquette – wie geht Höflichkeit im Internet?

Bei der Netiquette geht es um Online-Anstandsregeln. Darum, die Etikette auch in diesem vermeintlich rechtsfreien Raum zu wahren. Die allgemein gültigen Regeln im sozialen Umgang auch dann einzuhalten, wenn man möglicherweise nicht so einfach identifiziert werden kann. 

Text: Simone Blaß

Wer heute zwischen zehn und zwanzig Jahren alt ist, von dem wird fast schon automatisch erwartet, dass er sich mit absoluter Sicherheit im Netz bewegt – also ein Digital Native ist. Was hier allerdings oft übersehen wird: Mit der Technologie mögen die Youngsters durchaus vertraut sein, aber es fehlt an Lebenserfahrung. Sie wissen nicht, was das Internet mit seinen vielen dunklen Räumen mit ihnen wirklich anstellen kann, ahnen oft nicht einmal, was sie selbst anrichten mit ein paar unüberlegten Worten, die für immer in die Nullen und Einsen des Nets gebrannt sind und vielleicht sogar einen Shitstorm auslösen, dem kaum ein Erwachsener psychisch wirklich gut standhalten könnte. „Das Schlimme ist ja, dass diese sogenannten Trolle Aufmerksamkeit bekommen. Ihr negatives Verhalten hat oft vermeintlich positive Konsequenzen für den, der trollt, schon allein deswegen, weil so die Sichtbarkeit des Nutzers erhöht wird – das Ziel schlechthin im Internet.“ Der Sozialpsychologe Johannes Leder von der Universität Bamberg sieht gerade die Anonymität im Netz als besonders kritisch. „Wir lernen vom Verhalten anderer und benehmen uns im realen Leben vor allem deshalb, weil wir damit rechnen müssen, dass ein negatives Verhalten direkt Konsequenzen hat. Wir richten uns nach sozialen Normen, und diese geben uns eine klare Vorgabe in Bezug auf Höflichkeit. Diese soziale Norm fehlt aber im Netz. Hier bilden sich neue Normen der Interaktion, und gerade Jugendliche identifizieren sich stark über ihre Gruppen, wollen sich als besonders gute Gruppenmitglieder auszeichnen, und wenn die Personen, die zu dieser Gruppe gehören, uns zum einen eigentlich unbekannt sind und sich zum anderen negativ benehmen, dann kann sich das vor allem im Netz schnell hochschaukeln und teilweise böse enden.“

Es gibt nicht DIE eine Netiquette, die jetzt und immerdar gilt. Die kann es nicht geben, denn das Internet mit seinen Angeboten und alles rund um Social Media entwickelt sich ständig weiter und unser Verhalten muss sich dem anpassen. In den letzten Monaten haben wir wohl alle gelernt, wann wir bei einem Zoom-, Teams- oder Skype-Meeting das Mikro besser ausmachen sollten, wie das ankommt, wenn einer sich zu spät zuschaltet, und dass die Katze, die über die Tastatur marschiert, zwar ganz niedlich ist, aber sicher nur einmal. 

Johannes Leder Sozialpsychologe an der Universität Bamberg

Seitdem wir alle monatelang fast nur noch online miteinander verbunden waren, wurden die Netiquette-Regeln wieder präsenter. Schulleiter verschickten sie en masse. Und trotzdem wird auch auf Schulplattformen immer wieder gelästert, gemobbt und gepöbelt. Johannes Leder ist selbst Vater dreier Kinder und findet es gerade im Schulkontext besonders wichtig, Vergehen explizit zu ahnden – um einen Lerneffekt zu erhalten. „Sich im Netz danebenzubenehmen ist eine besondere Form von aggressivem Verhalten. Das Ziel von Netiquette ist es, konkret in einem bestimmten Rahmen eine Norm zu setzen. Das bedeutet auch, dass man auf Verstöße ganz klar hinweisen und sie auch entsprechend sanktionieren muss.“ So wie es im Klassenzimmer eben auch geschehen würde.   

 

Netiquette-Hauptregeln: Was du nicht willst, das man dir tu … 

  • Keine unsachlichen, beleidigenden oder entwürdigenden Kommentare abgeben.
  • Kein Spam verschicken oder weiterleiten.
  • Den Datenschutz anderer respektieren.
  • Keine hetzerischen, rechtswidrigen, rassistischen, obszönen oder pornografischen Inhalte verbreiten.

Und: Sich immer bewusst sein, dass das Netz nichts vergisst. Was ich heute – vielleicht in einem Anfall von verletztem Stolz, Wut oder Liebeskummer – schreibe, liest eventuell morgen ein potenzieller Arbeitgeber. 

 

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