Teil 4: SAG MAL HALLO! Höfflichkeit und wie wir miteinander umgehen

Jun 11, 2021 | TITELTHEMA

Andere Länder, andere Fettnäpfchen

Wo Pünktlichkeit keine Zier ist, Knutschen auf der Parkbank öffentliche Ärgernisse erregt, Rülpsen zum guten Ton gehört und wo man nur mit Hausschuhen aufs Klo geht, erfahrt ihr hier.


Text: Manuela Prill

 

Wer zu spät kommt …


… der macht in Brasilien alles richtig! Denn Unpünktlichkeit gilt dort als Zeichen von Höflichkeit. Steht man nämlich bei einer Einladung auf die Minute genau auf der Matte, könnte es ja sein, dass der Gastgeber noch unter der Dusche steht. Eine halbe Stunde später wird daher unbedingt erwartet, bei Partys dürfen es auch ein bis zwei Stunden sein. Spanier oder Italiener sehen das ähnlich und nehmen einen unverbindlicheren Umgang mit der Zeit nicht übel. Ganz anders Amerikaner: „Time is money“, lautet die Devise, insbesondere im Business-Bereich. Hier sind Zuspätkommer nicht gern gesehene Zeitdiebe.

 

Meister des Konjunktivs


Den Briten eilt der gute Ruf voraus, gute Umgangsformen immer und überall zu pflegen. Wer schon mal in London U-Bahn gefahren ist, weiß, dass sie sich sogar entschuldigen, wenn sie angerempelt werden. Man rückt sich hier eben nicht gern auf die Pelle und wahrt höfliche Distanz. Schlange stehen passiert stilvoll mit Geduld und ohne Murren. „Zweite Kasse!“–Geplärr wird man in britischen Supermärkten nur von Touristen hören. Man kann die Wartezeit doch ganz wunderbar mit Small Talk überbrücken. Formvollendet ist der, wenn es dabei nicht um Religion oder Politik geht, und bitte: never ever Kritik am Königshaus! Das obligatorische, allgegenwärtige Zauberwort ist „please“, und keine Frage ohne Konjunktiv: Could you …, would you …? Könnten Sie …, würdest du …? – damit ist man immer auf der höflichen Seite. Was sogar Briten aus der Fassung bringt: Wenn jemand das ungeschriebene Gesetz bricht, auf der Rolltreppe links stehen zu bleiben. Oh dear!

 

Knutschen in der Öffentlichkeit


Ganz dünnes Eis! An einigen Orten auf der Welt sollte man es tunlichst sein lassen, sich öffentlich zu küssen. In Indonesien, Indien, Malaysia, Dubai oder Russland zum Beispiel. Denn da ist es sogar per Gesetz untersagt. Brüskierte Blicke riskiert man in Japan oder China. Küssen wird hier als Teil des Vorspiels betrachtet, und solche Intimitäten gehören ganz unbedingt hinter verschlossene Türen und nicht auf die Straße.

 

Lokal-Kolorit


Ins Restaurant stiefeln und sich selbst einen Tisch aussuchen – in den USA ein klares No-Go. Man wird platziert. Übrigens ein Fettnapf, in den wir Deutschen auch in vielen anderen Ländern gerne tappen. Besser: Immer Ausschau halten nach einem Empfangstresen! Fallstricke lauern ebenfalls beim Thema Trinkgeld. Ein Kellner in Paris wird pikiert die Augenbrauen hochziehen, wenn er die Rechnung aufrunden soll, und wortlos das Wechselgeld auf den Bistrotisch legen. Das darf man dann gerne ebenso wortlos liegen lassen. Eine Bedienung in den USA ist auf mindestens zwanzig Prozent „tip“ angewiesen. In einem britischen Pub erweist man sich als Kenner landestypischer Gepflogenheiten, gibt man dem Barkeeper statt Münzen einen Drink aus. Vorsicht geboten ist in Japan und einigen Teilen Chinas. Perfekten Service empfindet man dort als solche Selbstverständlichkeit, dass das Geben von Trinkgeld einer Beleidigung für den Gastwirt gleichkommt.

 

Mahlzeit!


Man kann sich nicht nur beim Sieben-Gänge-Menü im Drei-Sterne-Restaurant blamieren. Es reicht schon, wenn man in Italien zum Spaghetti-Essen einen Löffel benötigt oder oder man sich in Thailand das Essen statt mit Löffel mit der Gabel in den Mund schaufelt. Was in etwa so stilvoll ist, wie hierzulande das Messer abzulecken. Oder in Mexiko versucht, Tacos mit Besteck Herr zu werden. Dazu nimmt man traditionell die Finger. Mit den Händen zu essen ist auch die erste Wahl in Indien, der arabischen Welt und Teilen Afrikas. Aber nur mit der rechten Hand, die linke gilt als unrein. Schmatzen und Rülpsen empfindet man vielerorts als unfein, nicht aber in China. Ein herzhaftes „Örps“ heißt hier übersetzt so viel wie „schmeckt super!“ Und wer ein Restchen auf seinem Teller liegen lässt, signalisiert dem Koch: es war genug da. Was man im Reich der Mitte bei Tisch aber keinesfalls schätzt, ist Naseputzen. Dafür sollte man sich diskret zurückziehen.


How to be polite in Germany?


Und was raten ausländische Benimmprofis für einen Deutschlandtrip? An erster Stelle Pünktlichkeit. Fünf Uhr meint fünf Uhr, fertig! Häufig zur Sprache kommt die offenbar typisch deutsche Angewohnheit, Türen geschlossen zu halten, vor allem in Büros. Das bedeute aber keineswegs Unaufgeschlossenheit, nur dass die Deutschen eben gerne konzentriert arbeiten würden. Besucher dürften trotzdem gerne anklopfen und eintreten. Im „German Language and Culture Blog“ auf fluentu.com haben wir noch ein paar amüsante Knigge-Tipps gefunden: „Don’t stare at the naked people.“ Man soll keine Nackten anstarren? Wie kommt das in ein Kulturblog? Hat mit der Sauna- und Freikörperkultur zu tun, die man uns im Ausland nachsagt. „Eat with good wishes“ – also immer schön „Guten Appetit“ wünschen. Noch was: Man solle sich nicht über Hausschuhe wundern. Stimmt: Wir Deutschen lieben Puschen und halten auch gerne welche für unsere Gäste bereit. Die Japaner aber setzen noch eins drauf. Sie haben sogar extra Schuhwerk speziell für den Toilettenbesuch daheim. Und es wäre äußerst unhöflich, ohne dieses ein stilles Örtchen zu betreten. Googelt mal „toilet shoes japan“ – ergibt einige Millionen Treffer, mehr als der Begriff „Hausschuhe“.

 

Knorke mit Knigge


Eure gute Kinderstube liegt schon ein paar Lenze zurück? Halb so wild: Wir helfen eurer Erinnerung kurz auf die Sprünge.

Text: Katharina Wasmeier

Ein Gedankenspiel für unseren Alltag könnte so aussehen: Dem grantigen Herrn auf dem morgendlichen Weg lächelst du einfach mal zu statt grimmig zurückzugucken. Weil er sich darüber freut, lässt er an der Supermarktkasse die hektische junge Dame vor statt auf seinem Platz zu bestehen. Weil sie jetzt mehr Zeit hat, hilft sie schnell einer Mama mit dem Kinderwagen die Treppe hinab. Die ist so erleichtert, dass sie beim Bäcker einem kleinen Jungen mit 50 Cent aushilft, die er nicht hat. Worüber der Junge so dankbar und satt ist, dass er gerne dem grantigen Herrn die Einkäufe nach Haus trägt. Und der dir am Abend freundlich Platz macht auf dem viel zu engen Gehweg … 

Klingt zu sehr nach Wischiwaschi? Hier sind ein paar Regeln, die ihr einfach einbauen könnt – und ausprobieren, wie viel Spaß banale Höflichkeit machen kann: 

  • Bitte und Danke: Klingt banal, ist es auch, und trotzdem vergessen viele im Alltag, was sie bestimmt schon als Kinder beigebracht bekommen haben. Dabei bringt ein kleines „Bitte“ Respekt, ein „Dankeschön“ Wertschätzung zum Ausdruck – und nach der sehnen wir uns doch alle? 
  • Grüßen und Verabschieden: „Hallo“ und „Tschüss“ sind freilich eleganter, aber selbst wenn es nur ein kurzes Kopfnicken oder Lächeln ist, das du deinem Nachbarn schickst, so signalisierst du ihm dadurch gewissermaßen Friedfertigkeit und schenkst ihm Sicherheit. Einfach vorbeigehen? Geht gar nicht. 
  • Entschuldigen: „Sorry seems to be the hardest word“ … Ja, zu einer Entschuldigung gehört manchmal eine gewisse Portion Mut, gesteht man doch einen Fehler und damit eine Schwäche ein. Aber hey: Die hat dein Gegenüber vermutlich eh längst erkannt. Statt Ausflüchten und Schuldzuweisungen funktioniert hier nur die Bitte um Verzeihung – mit der du echte Stärke beweist!
  • Aufmerksamkeit schenken: Wir Menschen möchten gesehen werden. Deshalb gilt: Schau deinem Gegenüber in die Augen, höre ihm zu und zeige, dass er oder sie dir wichtig und du gerade voll und ganz bei ihm und ihr bist. Geht gar nicht: Am Kopf vorbeischauen, weil irgendwas dahinter spannender ist, unterbrechen oder …
  • … Finger weg vom Smartphone! Wer dauernd auf den Bildschirm starrt oder mitten im Gespräch unvermittelt tippt, signalisiert: Alles darin ist mir wichtiger als du! Sei im Jetzt und Hier und in deinem realen Gespräch statt parallel in zusätzlich 20 digitalen! Untersuchungen haben gezeigt: Selbst wenn das Smartphone mit dem Bildschirm nach unten auf dem Tisch liegt, zieht es unsere Aufmerksamkeit magnetisch an. Also: In die Tasche damit! Und nur, wenn etwas wirklich Wichtiges sich meldet, entschuldigen und kurz antworten! 
  • Rücksichtsvoll sein: Du findest deine Musikbox hammermäßig, deinen Döner mega, deine Videos witzig? Das ist toll für dich, aber vielleicht nicht für die Menschen um dich herum. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, heißt auf Philosophendeutsch, was wir auch als „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu“ kennen. Gestört werden ist doof, andere stören darum ebenso. Auch Hilfsbereitschaft ist eine Form von Rücksichtnahme. 
  • Gute Manieren: Jemandem die Tür aufzuhalten ist kein Benimm-Standard, aber hey: Das schadet auch nicht! Auf den Gehweg (Kaugummi) spucken hingegen schon, Müll liegenlassen auch, hupen, rotzen, schlürfen … Bitte nicht! 

 

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