Teil 3: SAG MAL HALLO! Höfflichkeit und wie wir miteinander umgehen

Jun 11, 2021 | TITELTHEMA

Gute Kinderstube goes Jugendzimmer

Früher lernten junge Leute im Tanzkurs, wie man sich auch auf gesellschaftlichen Parketten bewegt. Heute gibt’s dafür extra Benimm-Kurse. Klingt streng, aber keine Bange, mit „Du-darfst-nicht“-Drill haben die überhaupt nichts zu tun. 

Text: Manuela Prill

An der „Jugend von heute“ wurde zu allen Zeiten schon rumgemäkelt: kein Respekt, schlechte Manieren, null Bock auf Benimm. Stimmt das? Andreas Lassen aus Oberasbach, Tanzschulenbetreiber, Autor und Trainer für Umgangsformen, gibt seit 20 Jahren Benimm-Kurse auch an Schulen. Seine Erfahrung: „Die Schüler suchen nach Orientierung, sie sind dankbar für Anregungen.“ Klar, als Teenager wolle man cool sein, unangepasst. Aber mit der Coolness ist es schnell vorbei, wenn Jugendliche sich in für sie fremden Situationen bewegen müssen, bei einem Vorstellungsgespräch etwa. „Da wissen sie oft nicht, wie sie sich verhalten sollen. Und bevor sie etwas falsch sagen, sagen sie lieber gar nichts.“ Das kommt beim potenziellen Arbeitgeber natürlich weniger gut an, schlimmstenfalls geht die Schublade „sozial inkompetent“ auf. Lassen diktiert den Schülern in seinen Seminaren nicht, was sie sagen sollen. Auch der erhobene Zeigefinger – „das darfst du nicht“ – bleibt unten. Er möchte lieber aufzeigen, dass gute Umgangsformen die Basis sind, erfolgreich zu sein. Sein Einstieg, wenn er neu vor einer Klasse steht: „Ich bin nicht zuständig, euch zu verbiegen.“ Es gehe nicht ums Unter-, sondern ums Einordnen in die Gesellschaft. Nur wer die Regeln kennt, kann souverän mitspielen, wie im Sport halt auch. Lassen wählt bewusst dieses Beispiel, weil es dem Wort „Regeln“ schnell den spießigen Schrecken nimmt. Mehr noch: „Sie geben dir Sicherheit“, so seine Botschaft. So uncool ist es nämlich gar nicht, pünktlich und zuverlässig zu sein. Und „Bitte“ und „Danke“ entpuppen sich – wenn man sie nicht als reine Pflichterfüllung versteht – als wahre Herz- und Türöffner. In Lassens Kursen können sich die Jugendlichen in einem sicheren Rahmen ausprobieren. In Rollenspielen üben sie, wie man sich wortgewandt vorstellt oder wie man gekonnt Konversation betreibt. Auch sollen sie ein Gespür für die Wirkung der eigenen Körpersprache und die des Gegenübers entwickeln. 

Der Oberasbacher Coach hat ein Benimm-Buch geschrieben, das sich gezielt an Jugendliche wendet. Wie punktet man beim Vorstellungsgespräch, warum machen Kleider Leute, was gehört zum guten Ton bei einem Telefonat mit Kunden, und wohin zum Kuckuck mit dem Besteck bei Tisch? Ganz schön viele Knigge-Kniffe, die man so draufhaben sollte. Gibt es nicht einen übergeordneten Nenner, an dem man sich orientieren, einen Tipp, den man überall beherzigen kann? Vielleicht dieser: Behandle andere, wie du selbst behandelt werden willst. „Im Grunde geht es um die Grundwerte Respekt, Toleranz und Wertschätzung“, sagt Andreas Lassen. Jeder möchte, dass man respekt- und rücksichtsvoll mit ihm umgeht. Diese Rücksichtnahme könne man von anderen aber nur verlangen, wenn man im Gegenzug genauso handelt. Du magst es nicht, wenn dir jemand eine Ladentür vor der Nase zufallen lässt? Achtest du denn selbst darauf, dich umzudrehen, wenn du ein Geschäft betrittst? Toleranz erfährt nur der, der auch Grenzen anderer erkennt und akzeptiert. „Worin liegt der Wert einer Sache?“ fragt Lassen seine jungen Kursteilnehmer gerne. Die spontanen Antworten haben häufig mit Geld zu tun. Aber ist ein individuell ausgesuchtes Geschenk nicht mehr wert als die fünf Euro, die es gekostet hat? Die Jugendlichen begreifen meist schnell, dass sich Wertschätzung nicht nur in einer Währung messen lässt. „Welchen Stellenwert sie in meinem Leben haben, zeige ich anderen durch die Aufmerksamkeit, die ich ihnen schenke“, formuliert es Lassen. Und verschenken kann man ja viel, Zeit zum Beispiel. Womit wir wieder beim Thema Pünktlichkeit wären und warum es unhöflich ist, jemandem durch Zuspätkommen seine wertvolle Zeit zu stehlen.

Eigentlich ist es gar nicht so schwer mit den guten Umgangsformen und den sozialen Kompetenzen. Aber wann fängt gutes Benehmen eigentlich an? „Mit Tag eins“, lacht Andreas Lassen. „Der Mensch beginnt von Anfang an damit, einen Weg zu finden, Teil der Gesellschaft zu werden.“ Es braucht natürlich kein Benimm für Babys, auch keinen Knigge für Kindergartenkids. Die ersten Umgangsformen lernen wir ganz automatisch innerhalb der Familie. Was es braucht, sind gute Vorbilder, ein respektvolles Miteinander, Rituale und nachvollziehbare Regeln, die für Klein wie für Groß gleichermaßen gelten sollten. Dann klappt das wie von selbst mit der guten Kinderstube. Okay, Teenager vergessen die manchmal wieder. Aber Hand aufs Herz: Erwachsene auch! Da lohnt ein Blick in die Programme von Volkshochschulen und Bildungszentren: Kurse zu den Stichworten „Manieren“, „Umgangsformen“, „Kommunikation“ oder „Etikette“ sind fast immer im Angebot.

 

Andreas Lassen, 54, Tanzschulenbetreiber, Autor, IHK-Trainer für Umgangsformen
Sein Ratgeber „SOKO Umgangsformen – soziale Kompetenz in Alltag & Beruf“ ist im Selbstverlag erschienen.
andreaslassen.de

 

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