Teil 2: SAG MAL HALLO! Höfflichkeit und wie wir miteinander umgehen

Jun 11, 2021 | TITELTHEMA

Küss die Hand, gnä’ Frau

Mal angenommen, eine junge Frau macht eine Zeitreise und kommt aus dem 18. Jahrhundert zu uns. Sie wandelt auf der Straße, sieht einen attraktiven jungen Mann und lässt ihr Taschentuch fallen. Was würde wohl passieren? 

Text: Simone Blaß

Möglicherweise gar nichts, vielleicht würde sie der Mann dezent darauf hinweisen, dass sie etwas verloren habe, vielleicht aber auch ziemlich anmotzen aufgrund der vermeintlichen Umweltverschmutzung. Was sicher nicht passieren würde, ist, dass er sich angeflirtet fühlt. Denn dieses uralte Zeichen ist heute so gut wie vergessen. Wir haben andere Möglichkeiten, jemandem tief in die Augen zu sehen. Theoretisch zumindest. Früher war sicher nicht alles besser, aber manches war deutlich einfacher. Der Mann konnte sich auf einem Ball ins Tanzbuch der Frau eintragen und bekam dadurch unweigerlich ein paar Walzerminuten lang die Möglichkeit, sie von sich zu überzeugen. Eine Frau konnte durch das geschickte Platzieren eines Schönheitspflästerchens oder auch mithilfe der Blumensprache Nachrichten versenden, manche gingen zu Zeiten des Sonnenkönigs sogar so weit, Flohattrappen in ihren Ausschnitt zu setzen, damit der angebetete Herr der Schöpfung die Dame vor dem Ungeziefer „retten“ konnte. Auf Ludwig XIV. geht übrigens auch das Wort Etikette zurück. Denn der für seine grenzenlose Eitelkeit bekannte König ließ am ganzen Hof kleine Schilder aufstellen – mit Ge- und Verboten. Damit jeder gleich mal wusste, wie er sich im Dunstkreis des Sonnenkönigs zu verhalten habe. 

Wenn heutzutage eine Frau während der Predigt des Pfarrers in ein sogenanntes Bourdalou – ein extra dafür entwickeltes Porzellangefäß – pinkeln würde, dann würde sich die Gemeinde nicht nur ein bisschen wundern, sie würde diejenige wahrscheinlich auf direktem Weg zu einem Psychiater bringen lassen. Und mit Sicherheit wäre die Mutter der neuen Freundin reichlich verblüfft und weniger beeindruckt als vor Hunderten von Jahren, wenn man den Kaffee mit abgespreiztem kleinen Finger aus der Untertasse schlürft. Was früher als durchaus schicklich, manchmal sogar schick galt, ist heutzutage oft nicht mehr wirklich angebracht. Oder wirkt antiquiert, wie das leichte Anlüften des Hutes, das man noch ganz selten bei älteren Herren sehen kann, wenn eine Dame ihnen entgegenkommt. Ein Brauch, der auf die alten Ritter zurückgeht, die sich – zum Zeichen des friedlichen Kommens – dem anderen ohne Helm und damit ungeschützt zeigten. Und der ebenfalls so gut wie in Vergessenheit geraten ist. 

Egal, ob man es gutes Benehmen, Manieren, Etikette, Anstand, Höflichkeit oder gutes Betragen nennt – letztendlich ist es immer das Gleiche. Es sind Regeln, die dazu dienen, das Verhalten untereinander angenehm zu gestalten. Erasmus von Rotterdam schon im 15. Jahrhundert oder Adolph Freiherr Knigge im 18. Jahrhundert sind hier die Vertreter schlechthin mit ihren Benimmbibeln. Wobei Ersterer in seinem „Ratgeber für kindliche Sitten“ allerdings seine Leser auch zu Toleranz aufrief und vor Überheblichkeit warnte: „Der wichtigste Punkt der Höflichkeit ist der, dass du einen Gefährten nicht weniger liebhast, wenn er schlechtere Manieren hat. Es gibt nämlich“, so der Humanist weiter, „Menschen, die die Ungeschliffenheit ihres Benehmens durch andere Gaben wettmachen.“ 

 

Auch der „Knigge“ ist ein Werk, das nicht durchgängig streng ist. Und das vor allem stetig aktualisiert und der Zeit angepasst wird. Vor einigen Jahren wollte der Knigge das Wörtchen „Gesundheit“ nach einem Nieser abschaffen. Der Hintergrund: Der Brauch entstand zu Zeiten der Pest und sollte nicht den Kranken, sondern den Gesunden schützen. Und schließlich kommentiere man andere Körperäußerungen ja auch nicht. Doch trotz aller historischen Erklärung konnte sich der Knigge-Vorschlag nicht durchsetzen, man empfand es als unhöflich zu schweigen. Das „Gesundheit“-Wünschen gehört nun also wieder zum guten Ton. 

Grandmother and grandson using elbow greeting

Was sich gehörte und was nicht, das lernten Kinder anno dazumal nicht nur von ihren Eltern und Kindermädchen, sondern auch aus so anschaulichen wie furchterregenden Büchern wie dem Struwwelpeter oder für die Älteren der „Anstandslehre für die Jugend“. Wie geht, steht und sitzt man, welche Kleidung ist wann schicklich, wen begrüßt man wann zuerst und wozu ist eigentlich dieser komisch geformte Löffel, also der dritte von links im Gedeck? Ein solches Standardwerk als Pflichtlektüre könnte auch heute noch so manchem definitiv nicht schaden, denn Möglichkeiten, sich etiketten-technisch so richtig zu blamieren, gibt es immer noch zahlreich: Hochzeiten, Beerdigungen, Bewerbungsgespräche, das Treffen mit dem Chef und weiteren Geschäftspartnern, der romantische Abend in einem teuren Restaurant … 

Der Besuch einer Tanzschule – heutzutage nicht mehr nur den Nerds unter den Zehntklässlern vorbehalten – kann hier durchaus weiterhelfen. Denn dort werden oft auch ein paar Benimmstunden angeboten. Wäre vielleicht auch mal eine Anregung für die weiterführenden Schulen und deren Lehrplan. 

 

Es galt früher als äußerst unschicklich, wenn der Mann auch nur das kleinste bisschen Bein der Frau sehen konnte. Da diese beim treppauf steigen aber die langen Röcke raffen musste, war die Gefahr zu groß und der Mann musste daher vorangehen. Wäre sie allerdings gestolpert, hätte er ihr höchstens noch nachwinken, sie aber sicher nicht auffangen können. Daher geht der Mann heute schicklicherweise hinter der Frau. Trägt diese allerdings einen sehr kurzen Rock, kann sie durchaus darauf bestehen, dass er vorgeht, ohne unhöflich zu sein. 

 

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