Raus mit euch – mal lieber wieder im Baum abhängen

Jun 16, 2021 | BILDUNG UND ERZIEHUNG

Unsere Kinder verbringen seit Monaten mehr Zeit vorm Bildschirm, als uns lieb ist. Aber wie es sich anfühlt, auf einen Baum zu klettern, kann keine App der Welt vermitteln. Balancieren lernt man nicht per Online-Tutorial, und Teamwork passiert noch lange nicht, nur weil ein Programm „Teams“ heißt. Höchste Zeit, die Nasen nach draußen zu stecken. Die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen, sie zu begreifen im doppelten Wortsinn, ist für uns alle essenziell und eine Voraussetzung dafür, dass Kinder wichtige Fähigkeiten entwickeln können.

Text: Manuela Prill

Die Sandkuchen sind perfekt! Lucie sitzt im Sandkasten und strahlt. Vor ein paar Minuten war die Dreijährige noch frustriert, der Sand wollte einfach nicht zusammenhalten. Bis sie entdeckte, dass ein bisschen mehr Wasser genau die richtige Mischung ergibt, damit die Kuchen schön aus den Förmchen gleiten. „Was man tun muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut.“ Zu dieser Erkenntnis kam schon Aristoteles. Von klein auf lernen wir, indem wir Dinge ausprobieren, sie anfassen, schmecken, hören, riechen. Babys erkunden ihre Umgebung, indem sie alles, was sie zu greifen kriegen, in den Mund stecken. Lippen und Zunge sind in dieser Phase ihre wichtigsten Sinnesorgane. Das, was wir selbst machen und erleben, prägt sich ins Gedächtnis und lässt uns selbst als Teil der Umwelt wahrnehmen.
„Lernen erfolgt nicht rein kognitiv, es ist ein Zusammenspiel aus Gehirn und Körper“, sagt Prof. Dr. Thomas Eberle, Leiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Erlebnispädagogik und das sogenannte „Experiential Learning“, zu deutsch: erfahrungsbasiertes Lernen. In der Erlebnispädagogik werden konkrete Lernsituationen gestaltet und mit einem pädagogischen Ziel verknüpft. Draußen in der Natur und immer in Kombination mit Bewegung. Beispiel: eine gemeinsame Klettertour als Teamübung. „Dabei kann es um das Klettern und das gegenseitige Sichern gehen, die Aufgabe kann aber auch schon sein, wie kommt die Gruppe dorthin, wie organisiert sie sich beim Beschaffen der Ausrüstung?“ erklärt Eberle. Ziel dieser Settings: Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung zu fördern, ihr Sozialverhalten zu schulen und ihnen Möglichkeiten zu geben, sich selbst besser kennen- und einschätzen zu lernen.  

Erfahrungsbasiertes Lernen wird auch enger definiert als „Lernen durch Nachdenken über das Tun“. Frage: Verändert man ein bestimmtes Verhalten dann, wenn jemand dies von einem verlangt, oder tun wir es eher, wenn die eigene Erfahrung uns „belehrt“?  Thomas Eberle erlebt diese Form der Selbstreflexion häufig in seinen Gruppen-Trainings. „Jemand, der anfangs gedacht hat, ich mache das am besten und schnellsten alleine, merkt durch die unmittelbare Erfahrung, dass Teamwork doch sinnvoll ist, und ändert dadurch vielleicht seine Einstellung.“ Neue Herausforderungen bergen die Chance, neue Erfahrungen zu machen. Im Alltag neige man dazu, in stets gleichen Verhaltensmustern zu agieren, weiß Eberle. Wir verlassen unsere Komfortzonen ungern, selbst wenn diese gar nicht so komfortabel sind. Routine schafft Sicherheit, gleichzeitig verstellt sie den Weg zu unentdeckten Erfahrungen. Erlebnispädagogische Settings bieten Kindern und Jugendlichen Gelegenheiten, ihren Erlebnishorizont zu erweitern und in ihnen schlummernde Fähigkeiten aufzuspüren.
Nun hat Corona unsere Kinder aber vor die Bildschirme verbannt, Lernen mit allen Sinnen ist in Pandemiezeiten schwer umsetzbar für Schulen und Einrichtungen. Es gibt, sagt Erlebnispädagoge Thomas Eberle, zwar durchaus kreative digitale Ideen, Computeranimationen mit vergleichbaren Lernsituationen, Planspiele mit virtuellen Komponenten. Trotzdem: „Wir brauchen mehr unmittelbare Erfahrungen, mehr direkten Zugang zur Natur.“ 

Sagen wir doch: Raus mit euch – mit allen analogen Antennen, die ihr habt! Balancieren, Barfußlaufen, Bäume erklimmen, Blumen beschnuppern – all das bringt die Sinne auf Trab, und das Gehirn wird fleißig neue Synapsen knüpfen. Es sind dafür auch keine unbekannten Orte, keine neuen Spielplätze nötig. Dinge einfach mal anders zu machen, kann überall spannende Überraschungen bereithalten. Eine Wiese wird zum Mikrokosmos, betrachtet man sie aus der Nähe. Ein Park lässt sich per Motto-Schnitzeljagd neu entdecken. Wer die Bäume vor lauter Wald nicht sieht, erkundet sie vielleicht mal nur mit den Fingerspitzen. Und fühlt es sich eigentlich anders an, wenn man mit verbundenen Augen in Pfützen hüpft? Kinder haben da von sich aus oft viele kreative Ideen, vorausgesetzt, man lässt ihnen den Freiraum, sich auszuprobieren. Die Welt sinnlich zu erkunden birgt natürlich auch Risiken. Auf einen Baum zu kraxeln ist sicher gefährlicher, oder anders gefährlich, als sich ein YouTube-Video anzuschauen. „Ich halte dieses Risiko aber für ganz wichtig“, betont Experte Eberle. „Weil Kinder so einzuschätzen lernen: Was kann ich mir zutrauen?“ Keine App der Welt kann das ersetzen.

 

Prof. Dr. Thomas Eberle ist nicht nur Lehrstuhlinhaber an der FAU, er betreut als Gesamtleiter auch das erlebnispädagogische Langzeitprojekt „Klassenzimmer unter Segeln“.

> kus-projekt.de

Bildnachweis: privat

X