Mit der Gräfenbergbahn nach Gräfenberg fahren

Jun 11, 2021 | LEBENSRAUM

Text: Simone Blaß

Knapp 40 Minuten Bahnfahrt vom Nürnberger Nordostbahnhof aus über Heroldsberg, Kalchreuth und Eschenau – und man landet in einer Idylle. Das kleine Städtchen Gräfenberg im Landkreis Forchheim thront fast schon majestätisch über dem Bahnhof. Stolz. Und das passt zu den Gräfenbergern. Denn die lassen sich nicht so leicht in die Suppe spucken – schon gar nicht von Rechtsradikalen.  

Zagelhaus

Man muss ein bisschen suchen, bis man die Stufen findet, die steil nach oben führen. Aber direkt nach dem Anstieg steht man im Stadtkern. Die Häuser und Gebäude weisen zum Teil schönstes Fachwerk aus dem 17. Jahrhundert auf, wirken zum Teil aber auch so, als käme gleich Pippi Langstrumpf mit ihrem kleinen Onkel um die Ecke gesaust. Manchmal fließt auch einfach ein Flüsschen durchs Haus – die Kalkach, die hier und da über Sinterstufen ins Tal plätschert. 

Gräfenberg, das 1172 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde und in dem 1849 das erste dokumentierte Schafkopfspiel nach bayerischen Regeln stattfand, liegt direkt an der B2 – anno dazumal eine wichtige Salzhandelsstraße. In dem Örtchen, das als südliches Eingangstor zur Fränkischen Schweiz gilt, wohnen nichtbesonders viele Leute, dafür umso aktivere. Es ist einiges geboten. Es gibt zahlreiche Vereine, vom Kampfsport bis zu den Kerwaboum, von der Kinderkrabbelgruppe bis hin zum Freundeskreis Pringy – einer Stadt in Frankreich, mit der Gräfenberg bereits seit über 30 Jahren regen Schüleraustausch pflegt. Drei Jahrzehnte – in diesem Fall viel, in einem anderen nur ein Tropfen auf der Erde. Zumindest im Vergleich zu den möglicherweise 1000 Jahren, die das Naturdenkmal Kasberger Linde auf der Rinde hat. Sie fällt zwar langsam aber sicher auseinander, der Stamm, der eigentlich einen Umfang von 16 Metern hätte, ist schon ganz ausgehöhlt, aber noch ist der uralte Baum ein Zeugnis von dort im Mittelalter abgehaltenen Gerichtstagen. 

Und auch, wenn Gräfenberg selbst klein ist, Besuch kommt vor allem in den warmen Monaten zahlreich: um den Jakobsweg von Hof nach Nürnberg zu bereisen, um Fossilien oder Turmuhren aus fünf Jahrhunderten zu bestaunen, die lange Tradition des Bierbrauens tatkräftig zu unterstützen, um eine der beiden Mountainbiketouren zu bewältigen, und natürlich um zu wandern. Oder um das ein oder andere davon gleich praktisch miteinander zu verbinden, wie beim Fünf-Seidla-Steig, einem Brauereiwanderweg, der zu vier Privatbrauereien sowie der Klosterbrauerei in Weißenohe führt und bei dem es sich führerscheintechnisch sicherlich lohnt, mit dem Zug anzureisen. Der klassische Familienausflug  ist das allerdings nicht. Ganz im Gegenteil zum „Sagenhaften Gräfenberg. Diese Tour, die in ihrer längsten Form – abkürzen ist möglich – etwas mehr als drei Stunden dauert, führt von dem mittelalterlich anmutenden Städtchen aus zu Schauplätzen von Geschichte und Sagen. Vom Teufelstisch auf dem Eberhardsberg oder vom Ritter Wirnt – dessen Figur man auch auf dem Marktbrunnen des Städtchens bewundern kann. Kommt nicht gerade eine Pandemie dazwischen, gibt es immer wieder die Möglichkeit, einzukehren und Kraft zu tanken für die steileren, nicht sandalengeeigneten Wegstrecken der Route. Und wer sich nach stundenlangem Erkunden erholen will, kann noch eine Runde ins Freibad gehen.

Kräußelhaus

Die Familientour ist wirklich „sagenhaft“ schön. Ein paar Kritikpunkte gibt es trotzdem: Zum einen sind die Beschreibungen oft nicht ganz eindeutig, zum anderen ist die Strecke so aufgebaut, dass man doch immer wieder auf einem Gehsteig entlang muss, der seinen Namen wirklich nicht verdient. Wer da mal versucht hat, mit einem kleinen Kind an der Hand und einem Hund an der Leine zu laufen, der ist froh, dass er nicht mitsamt seinen Liebsten über den Haufen gefahren wurde. Spätestens beim zweiten Mal – und es lohnt sich auf jeden Fall, die Tour zu verschiedenen Jahreszeiten zu machen – hat man selbst herausgefunden, wie man geschickter und vor allem sicherer abkürzen kann. Und dann kann man auch den grünen Teil der Wanderung so richtig genießen.  

Wobei Gräfenberg übrigens nicht nur sehr grün, sondern vor allem auch bunt ist. Der kreative und wirkungsvolle Widerstand des kleinen fränkischen Örtchens gegen die dort immer wieder stattfindenden rechtsextremen Aufmärsche fand weit über Frankens Grenzen hinaus Beachtung. Dass ab 1999 hier jährlich die NPD den Volkstrauertag zelebrierte, wurde den Bewohnern nämlich über kurz oder lang – ja, zu bunt, und so gründeten sie das Bündnis „Gräfenberg ist bunt“ und veranstalteten allerlei kreative Aktionen: Symbolisch warfen sie u. a. die braune Suppe auf den Grill und verspeisten das Ergebnis unter dem Motto „In Gräfenberg sind nur die Bratwürste braun“. 

Agieren statt reagieren – sich einsetzen für Menschenrechte, Demokratie, Akzeptanz und Toleranz: Das Bürgerforum Gräfenberg machte sich viele Jahre stark gegen rechts und veranstaltete unter anderem jährlich das Open Mind Festival auf dem historischen Marktplatz. Die „Heimat bunter Musik“ war eine der Gräfenberger Antworten auf die Aktionen der Neo-Nazis. Und um ihre Kinder und Jugendlichen vor braunem Einfluss zu schützen, wurde ein Teil der Einnahmen für die örtliche Jugend gespendet. Ein ehemaliges Fabrikgebäude der Telefunken wurde unter anderem mithilfe dieser Spendengelder erst vor wenigen Jahren kräftig aufgepeppt und gemeinsam mit der Gräfenberg’schen Jugend zum JUZ umgebaut. Wo sich jetzt regelmäßig die Youngsters treffen, zusammen Hausaufgaben machen, Bandproben abhalten oder einfach nur chillen. Den Braunen wurde das alles übrigens zu bunt. Ihre Aktivitäten haben sie woandershin verlegt.

 

Kasberger Linde am Rand des Gräfenberger Ortsteils Kasberg
Nächster Parkplatz:
Walkersbrunn 36
Gräfenberg

 

Turmuhrenmuseum mit Fossilien aus dem Gräfenberger Raum
Gerbers Stod’l
Wochenende: 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung unter 09192/8266
www.turmuhren-graefenberg.de

 

Mountainbike-Touren rund um Gräfenberg

graefenberg.de/mtb-touren/

 

Fünf Seidla Steig
wandern rund um Gräfenberg
fuenf-seidla-steig.de/

 

Die Gräfenbergbahn
Abfahrt: Nürnberg Nordostbahnhof stündlich.
In Eschenau besteht zusätzlich eine Umsteigemöglichkeit nach Erlangen.

 

Sagenhaftes Gräfenberg
Kostenlose App mit Beschreibung der Tour und Tonaufnahmen der Sagen für Android-Handys. iPhone-Besitzer müssen sich für 6,90 Euro das Booklet kaufen, zum Beispiel in der Buchhandlung Endres, Markt Eckental, Eschenauer Hauptstraße 14, 90542 Eckental, oder bei Schreibwaren Singer, Bayreuther Str. 6, 91322 Gräfenberg.
Man kann es aber auch bestellen unter bestellung@sagenhaftes-graefenberg.de

 

Freibad Gräfenberg
Egloffsteiner Straße
Gräfenberg
Tel.: 09192 / 9950999
Die Eintrittspreise sind fair. 3,50 Euro für Erwachsene (Tageskarte) und nur 2 Euro für Kinder.

 

Jugendzentrum JUZ
Am Schelmberg 4
Gräfenberg

 

 

 

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