Kaiserschnitt – Keine Angst vor natürlicher Geburt

Jun 11, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Fast jede dritte Frau entbindet in Deutschland per Kaiserschnitt. Ein Interview mit Dr. Valentin Klant, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Lauf, über die Frage, wann ein Kaiserschnitt das Mittel der Wahl ist und wie sich die vergleichsweise hohe Rate senken ließe.

Interview: Kerstin Smirr

In welchen Fällen raten Sie Schwangeren zu einem Kaiserschnitt?

Dafür kann es viele Gründe geben: Dass das Kind nicht richtig liegt oder es schwerer als 4,5 Kilogramm ist. Auch bei bestimmten Vorerkrankungen der Mutter ist ein geplanter Kaiserschnitt zu empfehlen. Unter der Geburt kommt es zum Kaiserschnitt, wenn die Plazenta sich vorzeitig löst oder die Gebärmutter einreißt, etwa infolge einer früheren Operation. Um das zu verhindern, raten wir Frauen, die bereits zwei Kaiserschnitte erlebt haben, in der dritten Schwangerschaft zu dieser Entbindungsmethode. Auch wenn es zu Nabelschnurkomplikationen kommt, die Herztöne des Kindes stark absinken und ein Sauerstoffmangel droht, muss oft ein eiliger Kaiserschnitt erfolgen.   

 

Das heißt, wer erst einmal einen Kaiserschnitt hatte, kann das nächste Kind natürlich entbinden?

Dies kommt auf den Grund für den ersten Kaiserschnitt an. Frauen können vaginal entbinden, wenn das Kind bei der ersten Geburt in Beckenendlage lag oder es unter der Geburt akut Probleme hatte. Und wenn wir davon ausgehen können, dass das Kind durch das Becken passt. Die Kaiserschnittnarbe ist aber immer in Gefahr. Dass sie reißt, passiert sehr selten. Über dieses Risiko klären wir die Frauen immer auf.

In Deutschland kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt

 

Lange Zeit wurde bei Beckenendlage vorwiegend operiert. Die neue Leitlinie zum Kaiserschnitt bevorzugt aber nicht mehr die eine oder andere Entbindungsvariante. Wie kommt das?

Von der Empfehlung zum Kaiserschnitt sind Gynäkologen abgekommen, weil Studien gezeigt haben, dass die Unterschiede nicht so groß sind oder sogar mehr Argumente für die Spontangeburt sprechen. Heute wissen wir viel mehr über die Risiken, die mit einem Kaiserschnitt einhergehen. So hat ein Umdenken eingesetzt. Immer mehr Kliniken bieten eine vaginale Geburt bei Beckenendlage an. Sie sollte an einer Klinik mit vielen Geburten stattfinden, denn dann sind die Geburtshelfer gut darin trainiert. Entscheidend ist auch der Wille der Mutter. Hat sie zu große Angst, verkrampft sie sich vielleicht, was die Geburt erschwert.

 

Welche Gefahr besteht generell bei einem Kaiserschnitt?

Mit dem „sanften Kaiserschnitt“, bei dem das Gewebe mehr gedehnt wird, hat sich die Methode inzwischen verbessert. Die Frauen fühlen sich schneller wieder fit und die Heilungsrate ist besser. Aber es ist trotzdem noch immer eine Operation mit einer Wunde, die abheilen muss. Und die Gefahr einer Thrombose oder Lungenembolie ist gegenüber einer Normalgeburt immer noch etwas erhöht.

 

Und für den Säugling?

Bei einigen Kindern kommt es zu Anpassungsstörungen. Das wird zwar immer seltener, weil wir bei einem geplanten Kaiserschnitt heute näher an den errechneten Termin gehen. Dadurch ist die Reife des Kindes besser. Bei einer vaginalen Geburt wird auf dem Weg durch den Geburtskanal das Wasser aus der Lunge gepresst. Bei einem Kaiserschnitt muss das Kind es selbst ausspucken. Einige wenige kommen damit nicht gut zurecht. In der Regel werden sie dann ein bis zwei Tage lang auf der Kinderstation versorgt.

 

Wie schaffen Sie beim Kaiserschnitt ein Geburtserlebnis, das sich an den Vorteilen einer vaginalen Geburt orientiert?

Wir können vor dem Kaiserschnitt medikamentös Wehen erzeugen, sodass das Kind einige mitbekommt. Dann ist es bei der Geburt etwas fitter. Es ist auch möglich, die Nabelschnur etwas auspulsieren zu lassen, wenn auch nicht sehr lange. Studien haben gezeigt, dass die Scheidenflora, mit der das Kind bei einer natürlichen Geburt in Berührung kommt, positiv auf die Gesundheit wirkt. Daher wird in manchen Kliniken Vaginalsekret der Mutter auf ihren Wunsch hin auf das Gesicht des Neugeborenen gegeben, um es den Bakterien auszusetzen. Dies ist aber noch nicht etabliert. Das Bonding (Anm. d. Red.: direkter Körperkontakt zwischen Eltern und Säugling nach der Geburt zur Förderung der Bindung) ist bei einem Kaiserschnitt bei uns die Regel. Nach der Geburt kommt das Kind sofort zu seiner Mutter und bleibt dort teilweise bis zum Ende der Operation. Danach kann auch der Vater das Kind im Kreißsaal auf seine Brust legen.

 

Welche Gründe hören Sie, wenn Schwangere den Gedanken an einen Wunschkaiserschnitt an Sie herantragen?

Die Angst vor Verletzungen unter der Geburt im Dammbereich und Senkungen, wobei ich dann darauf hinweise, dass bereits die Schwangerschaft das Risiko für Beckenbodenbeschwerden erhöht. Oder die Geburtsschmerzen. Einige sagen, dass sie sich dem Stress einer natürlichen Geburt nicht aussetzen möchten oder sie haben bestimmte Terminvorstellungen. Außerdem haben die künstlichen Befruchtungen zugenommen. Diese Eltern haben lange auf ihr Kind gewartet und wünschen sich noch stärker als andere eine möglichst sichere und geplante Geburt.

 

Wie können Sie die Angst vor einer natürlichen Geburt nehmen?

Dabei helfen sicherlich Geburtsvorbereitungskurse. Manche Hebammen bieten auch Hypnobirthing (Anm. d. Red.: Methode zur Selbsthypnose unter der Geburt) an. Bei uns in der Klinik melden sich Schwangere vier bis fünf Wochen vor dem Termin an. In einem Gespräch können wir eruieren, weshalb jemand einen Kaiserschnitt möchte. Ich weise dann darauf hin, dass wir frühzeitig eine Periduralanästhesie geben können, um die Geburt zu erleichtern. Bevor die Frauen zu mir kommen, hat ihnen aber meist schon der Frauenarzt oder die Hebamme erklärt, dass ein Kaiserschnitt medizinisch nicht notwendig ist. Wer sich davon nicht beeinflussen lässt, bei dem richte ich nicht mehr viel aus. Es hat keinen Sinn, eine Frau zu einer natürlichen Geburt zu überreden. 

 

In Deutschland kommt jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt. In Skandinavien sind die Raten sehr viel niedriger. Was kann sich Deutschland abschauen? 

Wir müssen die Angst vor der vaginalen Geburt nehmen. Sie ist einer der Gründe, weshalb die Kaiserschnittrate in Deutschland gestiegen ist. Und die Angst der Ärzte gehört ebenso zu den Ursachen. Es gab einige Jahre, in denen die Geburtenrate niedrig war. In dieser Zeit hat die Ausbildung gelitten. In der Geburtshilfe wurde vermehrt der Kaiserschnitt durchgeführt, weil er leichter zu vermitteln war als eine schwierige Geburt. Ich bin froh, dass sich das Training inzwischen verbessert hat. Dadurch reduziert man die Angst des Arztes, der in schwierigen Situationen unter der Geburt sonst zu früh einen Kaiserschnitt durchführen würde, um Risiken zu vermeiden.

 

Lässt sich die Kaiserschnittrate durch eine gute Hebammenbetreuung senken?

Wir haben in Lauf oft eine 1:1-Betreuung. Bei 800 Geburten pro Jahr und zwei bis drei Hebammen im Dienst können sie sich um jede einzelne gut kümmern. So vermeiden wir viele Kaiserschnitte. Wenn man eine Frau im Kreißsaal sich selbst überlässt und sie irgendwann sagt: „Ich kann einfach nicht mehr, ich will einen Kaiserschnitt“, kann man selten „Nein“ sagen. Das lässt sich verhindern, indem die Frau gut begleitet wird und rechtzeitig Schmerzmittel erhält, sodass sie die Geburt besser erlebt. Dann wird der Kaiserschnitt gar nicht erst zur Alternative.

 


Dr. Valentin Klant leitet seit 2017 als Chefarzt die Gynäkologie und Geburtshilfe am Klinikum Lauf. Bereits im Studium begeisterte er sich für sein Fachgebiet und sammelte später Erfahrungen in der Geburtshilfe auch in Ländern wie Israel und Südafrika. „In der Medizin ist die Geburtshilfe der spannendste Bereich, in dem man als Arzt tätig sein kann“, sagt er.

 

 

Kontakt zur Geburtshilfe in Lauf

Zur Anmeldung von Vorgesprächen zur Geburt und für alle weiteren Fragen zur Entbindung im Klinikum Lauf wenden Sie sich an das Chefarztsekretariat unter Tel. 09123 180-371. Informationsabende finden aufgrund der Corona-Pandemie aktuell nicht statt. Weitere Infos unter kh-nuernberger-land.de.

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