Essstörungen bei Kindern – Wenn das Essen zur Qual wird

Jun 14, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Interview: Jasmin Pauler, Klinikum Nürnberg

Essen bestimmt das Leben der Betroffenen. Sie sind auf Essen oder Nichtessen fixiert. Rund um die Uhr. Der Lockdown beschleunigt das Krankheitsgeschehen bei einer Essstörung. Dr. Andreas Beck, Oberarzt, und Nicole Klaus, Psychologin in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter im Klinikum Nürnberg, sehen aufgrund des Lockdowns deutlich mehr Patientinnen und Patienten als sonst. Die Eltern erkennen die Entwicklung einer Essstörung schneller, weil die Kinder mehr zu Hause sind. 

 

Wer ist besonders von Essstörungen betroffen?

Wir behandeln deutlich mehr Mädchen. Das spiegelt auch das Bild in der Gesamtbevölkerung wieder. Die Patientinnen sind elf bis 17 Jahre alt. Oft stellt sich in Gesprächen heraus, dass der Beginn der Erkrankung schon länger zurückliegt. Es vergeht viel Zeit zwischen dem ersten Abnehmen und dem Vorstellen. 

 

Gibt es spezielle Charaktereigenschaften, die Sie beobachten können?

Oft sind die Patientinnen sehr diszipliniert, was dem Störungsbild natürlich in die Hände spielt. Außerdem sind sie sehr ehrgeizig, sonst könnten sie das gar nicht so durchhalten. 

 

Welche unterschiedlichen Formen der Essstörung gibt es?

Die zwei klassischen Essstörungen sind Anorexie und Bulimie. Anorexie ist eine Magersucht mit dem Bedürfnis, Körpergewicht zu verlieren. Anorexie hat die höchste Sterblichkeitsrate bei psychischen Erkrankungen. Bulimie ist eine Ess-Brech-Sucht. Betroffene haben ein unkontrolliertes Verlangen nach Essen, welches sie oft verschlingen. Anschließend greifen Sie zu gewichtsreduzierenden Maßnahmen, wie beispielsweise Erbrechen oder der Einnahme von Abführmitteln. Bulimische Patienten sind oft normalgewichtig, das ist ein Unterschied zur Anorexie. 

 

Was sind die Auslöser für eine Essstörung?


Oft haben die Mädchen eine Diät mit Freundinnen gemacht und bekommen die Bremse nicht mehr. Teilweise bereiten Influencer in Social-Media-Kanälen den Boden für eine Essstörung vor. Eine nicht ernst zu nehmende Aussage kann das Fass zum Überlaufen bringen, wie beispielsweise „Du bist zu dick“. Grundsätzlich ist es jedoch ein schleichender Prozess.

 

Wo beginnt eine Essstörung?


Ernst wird es, wenn die Patienten in einen kritischen Gewichtsbereich abrutschen, den Verlust nicht mehr kontrollieren können und die Abnahme kontinuierlich stattfindet. Ein wesentlicher Aspekt ist die verzerrte Körperwahrnehmung. Bei einer Anorexie können die Betroffenen meist eine Liste von Lebensmittel nennen, die sie nicht mehr essen können. Menschen mit einer Anorexie kümmern sich oft viel ums Essen, nehmen aber nur sehr geringe Mengen zu sich.

 

Was können Angehörige tun?


Allgemein sollten Eltern Vorwürfe vermeiden und in der „Ich-Sprache“ sprechen, beispielsweise „Mir ist aufgefallen, dass du wenig isst“. Sie können auch einen Kinderarzt um Rat bitten. Die Vorsorgeuntersuchungen sollten daher stets wahrgenommen werden.

 

Warum ist die frühzeitige Hilfe wichtig?

Die Sterblichkeitsrate bei Anorexie liegt bei 15 bis 20 Prozent. Eine Essstörung ist eine chronische Lebenserkrankung, das heißt, Betroffene leiden ein Leben lang an den Gedanken. Die durchschnittliche Therapiedauer einer Anorexie beträgt etwa sieben Jahre. Meistens ist eine lange ambulante Behandlung nötig. 

 

An welchen Folgen leiden die Betroffenen?

Neben dem Gewichtsverlust tritt ein Abbauprozess, beispielsweise an den Nieren und am Herz, ein. Um andere Ursachen auszuschließen, untersuchen wir auch das Gehirn der Betroffenen. Oft fällt auf, dass es geschrumpft ist. Kurzfristige Veränderungen können wir gut abfangen, beispielsweise eine Verschiebung der Körpersalze. Das kann bei einer akuten Situation lebensbedrohlich sein und zu Herz-Rhythmus-Störungen führen. Bei Mädchen fällt beispielsweise die Regelblutung aus, sie frieren extrem und bekommen eine unnatürliche Körperbehaarung. 

 

Wie sieht eine Therapie im Klinikum Nürnberg aus?

Anhand eines Ernährungsplans wird mit den Patienten festgelegt, wie sie zunehmen können. Auch die Therapie erfolgt in einem Stufenplan. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit unserer Kinderklinik ist ein großer Vorteil, wenn die Patienten vital gefährdet sind. Hier spielt die Kinder-Gastroenterologie oft eine große Rolle. Sie untersucht auf Unverträglichkeiten wie beispielsweise Laktoseintoleranz und überweist bei Verdacht zu uns. Etwa jeder zweite Patient wird über unsere Kinderklinik eingewiesen. Auch der Weg zurück ist leider manchmal nötig, wenn die Blutwerte extrem entgleisen oder sich somatische Komplikationen ergeben.

 

 

Klinikum Nürnberg
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter
Dr. Andreas Beck, Oberarzt
26.04.2021
©Giulia Iannicelli/Klinikum Nürnberg

Dr. Andreas Beck war früher als Facharzt für Kinderheilkunde in der Kinderklinik tätig. 

Klinikum Nürnberg
Essstörung im Kindes- und Jugendalter
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter
Dipl. Psych. Nicole Klaus, Stationspsychologin
23.04.2021
©Giulia Iannicelli/Klinikum Nürnberg


Das Entwicklungspotenzial der jungen Patienten ist die Motivation von Nicole Klaus. 

 

„Meine innere Stimme sagt, ich bin zu dick“

Text: Jasmin Pauler, Klinikum Nürnberg

 

Drei Tage hat sich Kyra S. Zeit genommen, um die wohl schwierigste Entscheidung ihres Lebens zu treffen. Drei Tage, die ihr aufgrund des körperlichen Zustands das Leben hätten kosten können. Ihre Eltern hatten die 14-Jährige vor die Wahl gestellt: „Entweder du gehst ins Klinikum Nürnberg und lässt deine Essstörung behandeln. Oder du wirst sterben.“ 

 

39,6 Kilogramm bei einer Größe von 1,70 Meter. So viel – oder besser gesagt: so wenig – wog Kyra an dem Tag, als sie sich dafür entschied, weiterleben zu wollen. Die Gedanken der 14-Jährigen hatten sich monatelang nur um eines gedreht: abnehmen. Statt Freunde zu treffen, nutzte die Schülerin während des Lockdowns 2020 jede Gelegenheit, um Kalorien zu verbrennen. Zur Verwunderung ihrer Eltern ging sie stundenlang spazieren, war ständig in Bewegung. „Ich habe mich viel mit meinen Freundinnen verglichen, die waren in meinen Augen dünn. Dass ich deutlich größer bin, habe ich nie bedacht.“ Müdigkeit und die fehlende Energie ignorierte sie. „Die Krankheit hat mich vollständig eingenommen“, weiß das Mädchen heute. Als sich die Lage zuspitzte, holten sich die Eltern Rat beim Kinderarzt. Der schlägt nach der Untersuchung Alarm. Denn der Verdacht hat sich bestätigt: Kyra leidet nicht nur an einer Essstörung. Ihr körperlicher Zustand ist bereits lebensbedrohlich.
Die erste Woche nach der Entscheidung, sich behandeln zu lassen, verbringt sie in der Kinderklinik des Klinikums Nürnberg. Sie hat strenge Bettruhe, selbst beim Duschen verliert sie zu viele Kalorien. Nach einigen Untersuchungen wird der Jugendlichen klar, in welchem Zustand sie sich befindet, denn um ihr Herz hat sich Wasser angesammelt. Die nächsten sieben Wochen verbringt Kyra in der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter. Sie ist ununterbrochen müde, friert und hat die Hälfte ihrer Haare verloren. Ihr Körper hat die Pubertät und damit auch die Regelblutung eingestellt. „Ich weiß nicht, ob ich noch Kinder kriegen kann“, ist sich die junge Frau heute der Situation bewusst. Dank Stufenplan nimmt Kyra langsam zu und erzielt Erfolge. Kurz vor Weihnachten wird sie entlassen. Zu Hause fällt sie jedoch in alte Muster, innerhalb einer Woche verliert sie wieder fünf Kilo.
Die Tagesklinik des Klinikums nimmt sie auf. Seit Januar dieses Jahres kämpft sie dort täglich gegen sich selbst. „Ich habe teilweise immer noch Angst vor dem Essen“, erklärt sie. Die 14-Jährige macht jedoch Fortschritte. Mittlerweile wiegt sie 46 Kilogramm und stärkt dank Therapien ihre Körperwahrnehmung. „Mein Essensplan ist voll, ich habe jedoch einen sehr guten Stoffwechsel und nehme schwer zu“, weiß Kyra.
Trotz ihrer zierlichen Erscheinung wirkt die Patientin außergewöhnlich reif. „Ich habe schon einige Entscheidungen getroffen und eine lange Geschichte zu erzählen“, sagt sie. Warum sie überhaupt von sich erzählt? „Die Menschen sollen verstehen, was die Krankheit mit einem macht.“ Kyra möchte anderen Jugendlichen Mut machen, an sich selbst zu glauben. Denn die Essstörung war ein schleichender Prozess. „Als ich noch in der Schule war, habe ich mein Essen verschenkt“, erinnert sich die Jugendliche. Selbst wenn sie Wasser getrunken hatte, sagte die Stimme im Kopf „du bist zu dick“. Dass daran etwas falsch war, habe sie lange nicht begriffen.

Nach der Entlassung aus der Therapie hat sie sich viel vorgenommen. Sie will unbedingt Koreanisch lernen, Architektur studieren und die Welt entdecken. Auch über eine Wohngruppe hat sie sich schon Gedanken gemacht. Doch vor ihr liegt noch ein langer Weg, denn Kyra hat ein Ziel: „Ich möchte wieder gesund werden und nicht 24/7 dran denken, was ich esse.“

 

Klinikum Nürnberg
Essstörung im Kindes- und Jugendalter
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter
Dipl. Psych. Nicole Klaus, Stationspsychologin
23.04.2021
©Giulia Iannicelli/Klinikum Nürnberg


Die 14-jährige Kyra S. leidet an einer Essstörung. 

 

Wichtige Stellen für Eltern von Betroffenen

Text: Christine Platt (Ökotrophologin, AOK Erlangen)

Im persönlichen Gespräch mit den Betroffenen stellt sich sehr schnell heraus, dass die Problematik viel tiefer liegt und 
sich aus einer „kleinen Diät“ nicht selten eine Essstörung manifestiert hat. Dies zu erkennen und sich dann auch einzugestehen fällt den Betroffenen oft nicht leicht. Deshalb ist es so wichtig immer den Menschen als Ganzes zu betrachten und nicht nur sein Krankheitsbild. Nur so kann dann gemeinsam eine individuelle Lösung gefunden werden.
 

Bei Essstörungen ist das Therapienetz für Essstörungen, ein auf Essstörungen spezialisiertes Kompetenzzentrum, eine mögliche Hilfe für die Betroffenen.
Die Beratungsstellen des Therapienetzes, die für jeden zugänglich sind, sind die ersten Anlaufstellen für Hilfesuchende.
Dort werden im persönlichen Gespräch die individuellen Bedürfnisse ermittelt und schnellstmöglich der weitere Behandlungsweg koordiniert.

Kontakt in Nürnberg:
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beratung@tness.de

 

 

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