„Dann hau ich halt ab!“ 

Jun 11, 2021 | RECHT UND SOZIALES

Wahrscheinlich haben viele von uns ihren Eltern diesen Satz irgendwann mal entgegengeschleudert – die meisten, ohne ihn in die Tat umzusetzen. Sich unverstanden fühlen und seine Selbstständigkeit beweisen wollen – das gehört zur Pubertät nun einmal dazu. Doch schneller als gedacht stehen wir plötzlich auf der anderen Seite. Was tun, wenn ein Streit eskaliert und der eigene Sohn oder die Tochter damit droht, abzuhauen? Zwei Streetworker aus Bamberg erzählen, warum Jugendliche von zu Hause weglaufen und was Eltern tun können, um das zu verhindern. 

Text: Alisa Müller

Die gute Nachricht ist: Die meisten Drohungen werden nach der Erfahrung von Maren Brunner und Norbert Ritli nicht wahr gemacht. Die Streetworkerin und ihr Kollege arbeiten bei iSo („innovative Sozialarbeit“) Bamberg, der überregional tätige Verein betreibt in der Metropolregion Nürnberg 18 Projektstellen. Allerdings ist immer der Blick auf den Einzelfall nötig: „Die Eltern kennen ja ihr Kind am besten. Wenn das Kind zehn Mal am Tag sagt, ‚ich hau ab‘, hört man vielleicht nicht so genau darauf wie bei einem Kind, das super verantwortungsbewusst ist und dann ein Mal sagt: ‚Hey, ich bin dann mal weg‘“, gibt Maren Brunner zu bedenken. Zunächst lohnt es sich immer, herauszufinden, wie ernst das Kind es meint: Ist es eine Trotzreaktion, oder hat mein Sohn oder meine Tochter sogar schon konkrete Vorstellungen, wo er hingehen oder was sie machen will?

Dabei ist Einfühlungsvermögen gefragt. Also am besten: Abwarten, bis sich die Gemüter bei allen beruhigt haben, und dann abends auf der Couch im Wohnzimmer oder beim Familienausflug mal nachfragen. Und klar, das ist nicht angenehm! Ignorieren ist trotzdem keine Option: „Irgendwas will die Person ja ausdrücken, auch wenn es aus einem Streit heraus oder aus Trotz gesagt wird“, erläutert Brunner. Abzuhauen oder damit zu drohen ist immer auch eine Selbstermächtigung für Jugendliche – frei nach dem Motto: Wenn ich daheim nicht bekomme, was ich will oder brauche, dann hole ich es mir eben woanders. Dieses „woanders“ kann zum Beispiel die Clique sein oder auch ein (älterer) fester Freund. Dort suchen die Jugendlichen unbewusst etwa nach Geborgenheit, Verständnis und Akzeptanz, die ihnen daheim fehlen. „Abhauen ist oft eine Trotzreaktion auf das Nicht-Verhalten der Eltern, die nicht auf die Situation des Jugendlichen eingehen wollen“, weiß Ritli. 

Das Worst-Case-Szenario ist für viele Eltern, dass das eigene Kind abhaut und sofort auf der Straße landet. Doch das ist unwahrscheinlich: Nach den Erfahrungen der beiden Streetworker kommen die meisten Ausreißer zunächst auf Sofas von Freunden oder Bekannten unter. Streetworker sind immer parteiisch, sie handeln im Sinne des Jugendlichen und nehmen nur mit seinem Einverständnis die Eltern oder jemanden aus dem Hilfssystem mit an Bord. In den meisten Fällen ist das Ziel bei Ausreißern die Rückkehr ins Elternhaus – doch es gibt Ausnahmen: „Zum Beispiel, wenn es zu sexuellen Übergriffen oder häufiger Gewalt kommt, sollte man zum Wohle des Kindes andere Wege finden“, stellt Ritli klar. Seine Kollegin betont, dass es auch Wege zwischen „ganz weg“ und „ganz daheim“ gibt. Das Jugendamt kann einen Erziehungsbeistand für den Jugendlichen stellen oder eine sozialpädagogische Familienhilfe beauftragen, die dazu beitragen kann, dass schwierige Situationen nicht eskalieren. 

Eine Anlaufstelle für Jugendliche, die in Bayern einzigartig ist, ist die Notschlafstelle „Sleep In“ in Nürnberg. Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren, die in einer prekären Wohnsituation oder wohnungslos sind, dürfen hier übernachten. Im Kontrast zu den nüchternen Schlafzimmern lädt im Aufenthaltsraum ein großes Sofa zum Chillen ein, an der roten Wand dahinter lächelt ein Buddha – vielleicht als Symbol für die Möglichkeit, endlich mal zur Ruhe kommen zu können. Die meisten, die ins Sleep In kommen, sind keine klassischen Ausreißer, erklärt Sozialpädagoge Markus Kawaletz: „Viele sind schon im Jugendhilfesystem aufgewachsen und haben Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch erlebt. Werden sie volljährig oder entlassen sich selbst aus der Jugendhilfe, dann scheitern sie häufig.“ Oft schlagen sie sich einige Monate bei Kumpels oder Verwandten durch, bis es dort kracht und sie dann ins Sleep In kommen. Sie können dort einfach nur übernachten, aber nach Kawaletz’ Erfahrung will der Großteil zumindest von seinen Problemen erzählen. 

„Unsere Jugendlichen sind nicht nur Jugendliche, was ja an sich schon schwierig ist, sondern befinden sich in einer Notlage und tragen außerdem ihr Päckchen auf dem Rücken, durch ihre früheren Erfahrungen“, fasst Kawaletz zusammen. Der trotzige Teenager, der seinen Eltern einen Denkzettel verpassen will, landet eher selten in der Notschlafstelle. Doch solche Fälle sind natürlich insgesamt gesehen viel häufiger – und sie lassen sich oft vermeiden.

Dafür haben die beiden Streetworker ein paar Ideen parat. Ritlis Tipp an die Eltern lautet: „Aktiv zuhören und ausreden lassen, nicht ins Wort fallen, und dann auf die Bedürfnisse reagieren.“ Dafür müssen auch mögliche eigene Vorurteile kritisch reflektiert werden: Die Computerspiele sind alle nur hirnloser Zeitvertreib? Die Clique hat einen schlechten Einfluss auf das Kind? Wer so denkt, für den ist es vielleicht an der Zeit, dass Sohn oder Tochter mal selbst erklären dürfen, womit sie sich stundenlang vorm PC beschäftigen oder was sie an ihren Freunden eigentlich schätzen. 

Brunner ergänzt: „Schöne gemeinsame Erlebnisse schaffen! Und aus den vermeintlichen Problemen oder Schwächen immer das Positive ziehen: Wer ein anstrengendes ADHS-Kind hat, kann auch sagen, dieses Kind hat super viel Energie, um schöne Dinge draus zu machen. Wenn Eltern denken, dass ihr Kind faul ist, dann können sie vielleicht entdecken, dass es zwar langsam ist, aber sich die Sachen dafür besonders sorgfältig anschaut. Und wenn man das alleine nicht hinbekommt, finde ich es immer schön, es nicht als Versagen zu sehen, sich Hilfe zu holen.“ Falsch findet sie es jedoch, den Fehler allein beim Kind zu suchen. Denn wenn eine Jugendliche in der Pubertät sowieso schon unsicher ist, bestätigt es diese Wahrnehmung, wenn ihre Eltern sie zur Psychologin schleppen. Stattdessen empfiehlt Brunner zum Beispiel den Besuch einer Erziehungsberatungsstelle oder systemische Familienberatung – „und da können wenige Stunden reichen, das müssen keine 80 Stunden sein“.

 

Kontakte

 

Für Jugendliche:

Im Internet

Online-Beratung mit Chats und offener Sprechstunde:

jugend.bke-beratung.de

Nürnberg

Sleep In

Vordere Sterngasse 3

90402 Nürnberg

Telefon: 0911 2449779 (von 19 bis 22 Uhr)

Fürth

Jugendberatungsstelle KiQ – Kompetenzen im Quartier (elan) 

Kohlenmarkt 1 

90762 Fürth

Telefon: 0911 23993540 

Online-Beratung (auch anonym): kiq-onlineberatung.de

 

24-Stunden-Notruf für Jugendliche und Eltern in Nürnberg und der Metropolregion:

Kinder- und Jugendnotdienst (KJND) vom Jugendamt und Schlupfwinkel e.V.

0911 231-3333

 

Erziehungsberatungsstellen

Erziehungsberatungsstellen (hier eine Auswahl) sind der erste Anlaufpunkt bei Erziehungsproblemen. Auch Kinder und Jugendliche können sich an sie wenden. Psychologen und Psychologinnen sowie Pädagogen und Pädagoginnen beraten hier kostenlos und vertraulich. Daneben stehen auch Streetworker/innen als Ansprechpartner für Eltern zur Verfügung. 

Nürnberg:

nuernberg.de/internet/jugendamt/erziehungsberatung.html

Montag bis Freitag von 12 bis 14 Uhr: 0911 231-5587

Fürth:

fuerth.de/Home/Leben-in-Fuerth/kinder-jugend/Erziehungsberatung.aspx

Tel.: 0911 974-1942

Landkreis Fürth:

diakonie-fuerth.de/beraten/erziehungsberatung

Tel.: 0911 749-3335

Erlangen: 

integrierte-beratungsstelle.de/jugend-und-familienberatung

Tel.: 09131 86–2295

Bamberg und Forchheim:

caritas-bamberg-forchheim.de

Tel. Bamberg: 0951 29957-30

Tel. Forchheim: 09191 7072-40

Bayreuth:

diakonie-bayreuth.de/angebote/erziehungsberatung

Tel.: 0921 78517710

 

Im Internet

Hilfsangebote

Elternberatung mit Chats und offener Sprechstunde: 

eltern.bke-beratung.de

Online-Beratung der Caritas:

caritas.de/hilfeundberatung/onlineberatung/eltern-familie

 

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