Lobbyisten für Kinder und Jugendliche

Apr 5, 2021 | AKTUELLES

Etwas ändern – und zwar jetzt!

Mit „Lobbyisten für Kinder und Jugendliche“ hat sich kurz vor Ostern mit quietschenden Reifen eine taufrisch in Nürnberg gegründete Partei an die Öffentlichkeit begeben. Die Initiative fordert „nachhaltige Politik für Deutschland mit einer Perspektive für Generationen, nicht für Wahlperioden!“ und sagt: „Es gibt 11 557 000 Familien in Deutschland. Und trotzdem werden Kinder, Jugendliche und Familien nicht gehört! Wir müssen uns politisch organisieren, um Familien in der Politik den Stellenwert zu geben, den sie verdient haben.“ Klingt nach großem Ziel – und großem Zorn. Wir von ELMA wollten gleich mal wissen, was da so los ist. Ruth-Simone Stumpp hat’s uns erklärt.

Interview: Katharina Wasmeier

Mit „Lobbyarbeit“ hat man ja zumal in letzter Zeit nicht die besten Verknüpfungen. Warum macht ihr das Wort zu etwas positivem?
Wenn man Lobbyisten nicht bewertet, sondern neutral auf deren (legale) Betätigungsfelder blickt, dann ist deren Aufgabe die Interessenvertretung einer Gruppe in Politik und Gesellschaft. Und genau das wollen wir sein: Interessenvertreter für Kinder, Jugendliche und Familien in Politik und Gesellschaft.
Der Name soll bewusst auch anecken. Er soll aufzeigen, dass es für viele Bereiche, vor allem die Wirtschaft betreffend, Lobbyisten gibt, die durchaus erfolgreich die jeweiligen Interessen vertreten. Für Kinder, Jugendliche und Familien gibt es jedoch keine Lobby. Ein Großteil dieser Gruppe hat nicht einmal ein Stimmrecht.
Wir haben uns vorgestellt, wie während der Krise der Bundestag von zahlreichen Lobbyisten besucht wurde, die alle ordentlich Druck gemacht haben, um ihren Interessen Nachdruck zu verleihen. Und dann haben wir uns vorgestellt, dass kein einziger für Kinder und Jugendliche gekämpft hat. Und genau diese Lücke wollen wir schließen. Zum Wohle der Kinder. Und so bekommt der Begriff Lobbyist tatsächlich plötzlich etwas Positives. Denn es geht um das Wertvollste, das viele von uns haben – unsere Kinder.

Jugendförderung, Kinderförderung, Familienförderung – wird nicht eigentlich eh schon genug getan für unseren Nachwuchs?
Hierzu können wir klar sagen: Nein.
Es gibt zwar die von euch genannten Förderprogramme, aber wenn man genauer hinsieht, ändert sich unter dem Strich zu wenig. So wie jedes Jahr im Armutsbericht steht, dass die Schere zwischen Arm und Reich weiter wächst, so hängt laut Pisa-Studien die Schulleistung nach wie vor stark von sozialer Herkunft ab. Das geht seit Jahren so und zeigt einfach nur, dass dieses Problem nicht ernsthaft angegangen wird. Und das ist nur ein Beispiel. Als Eltern kennen wir das Gefühl, dass Kinder und Jugendliche „stören“, „zu laut sind“ oder einfach unerwünscht. Und ihr Stellenwert in der Gesellschaft wird sich nicht ändern, solange die Politik nicht vorlebt, wie wichtig sie sind. Es ist eben nicht nur Geld notwendig, sondern auch eine Änderung der Haltung.
Es gibt in der Gesellschaft und allen politischen Parteien zwar ein klares Bekenntnis zu Familien und Kindern. Keine Partei würde laut sagen: Kinder haben kein Stimmrecht, daher muss ich sie als Wähler auch nicht umwerben. Aber vieles davon sind schlicht Lippenbekenntnisse.
Das kann man jetzt in der Pandemie gut sehen. Als im Dezember der 2. Lockdown kam und u. a. die Schulen und Kitas wieder schließen mussten, da hieß es durch die Reihen der Politiker: „Leider müssen Schulen und Kitas wieder schließen, aber wir wissen, wie sehr Kinder und Familien schon im ersten Lockdown leiden mussten, daher versprechen wir: Schulen und Kitas werden als erstes wieder geöffnet.“  Und jetzt ein Blick in die Realität: Hier in Bayern haben Schulen und Kitas fast flächendeckend geschlossen, Baumärkte, Frisöre und Nagelstudios durften aber öffnen. Hr. Scholz hat eine „Bazooka“ an Wirtschaftshilfen für Unternehmen versprochen. Abgesehen davon, dass wir eine solche Kriegsrhetorik befremdlich finden, und deren Umsetzung auch nur schleppend in Gang kommt: Wir haben nichts Ähnliches aus den Familien- oder Kultusministerien gehört.

Seid ihr echt wahr eine richtige Partei und wollt also damit richtig in die Politik?
Ja, wir sind eine echte Partei. Wir haben festgestellt, dass sich nur sehr wenige für die Interessen von Kindern und Jugendlichen in der Politik stark machen. Viele demonstrieren, sammeln Unterschriften im Rahmen von Petitionen oder engagieren sich für Kinder und Jugendliche in der Jugendarbeit, Vereinen etc. Und das ist super. Aber der Hebel für Veränderungen in der politischen Ausrichtung muss an vielen Stellen angesetzt werden. In und außerhalb der Politik. Wir wollen das System von innen mitgestalten.

Wer seid ihr denn überhaupt?
Wir sind eine Gruppe von Eltern, die Kinder im Krippen-, Kindergarten- und Schulalter haben. Wir sind alle berufstätig und kommen während der Corona-Pandemie an unsere Grenzen, so wie viele Familien.

Warum könnt ausgerechnet ihr was ändern – und wie?
Das ist doch einer der Grundgedanken in einer Demokratie: Jeder hat eine Stimme, jeder kann etwas verändern. Wichtig ist, dass man sich als Gruppe mit gleichen Interessen organisiert.
Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, die Politiker zum Handeln zu veranlassen. Seit den Demos von „Fridays for Future“ und dem Volksbegehren für Bienen hier in Bayern umarmen plötzlich Politiker der verschiedenen Lager Bäume oder heben Klimaschutz weit nach oben auf der politischen Agenda, zumindest auf dem Papier. Und nicht zuletzt hat das Erstarken der AfD zu einem beeindruckenden Rechtsruck der CDU/CSU geführt – das natürlich als ein Negativbeispiel. Aber das zeigt: Eine ausreichend große Gruppe kann etwas bewegen. Und um auf die Frage zurück zu kommen: Wir allein können nicht viel ändern. Das funktioniert nur, wenn uns viele Menschen unterstützen.

Ist das jetzt so eine Coronasache mit Homeschooling und Kita-Notbetreuung oder geht eure Idee viel weiter?
Die Corona-Pandemie hat knallhart aufgedeckt, was in Deutschland schon sehr lange nicht mehr stimmt. Überbürokratisierung, eine fehlende Digitalisierung und viele andere Dinge. Darunter auch eine verfehlte Bildungs- und Familienpolitik. Wir sind nicht die ersten, die das sagen. Experten kritisieren das seit Jahren und auch uns beschäftigen viele dieser Themen beruflich und privat schon lange. Die Corona-Pandemie hat letztlich den Auslöser geliefert, um zu sagen: Es muss sich für Kinder, Jugendliche und Familien in Deutschland etwas ändern. Und zwar JETZT.
Es ist uns sogar sehr wichtig, dass es NACH der Pandemie weitergeht. Denn es ist zu befürchten, dass die Lehren aus der Krise eben wieder nicht gezogen werden. Und dann ist es umso wichtiger, die Interessen von Kindern und Jugendlichen immer wieder auf den Tisch zu legen und etwas zu ändern.

Ihr seid „berufstätig, liebende Eltern, wütend, perspektivlos, maximal überfordert, vollkommen überlastet, sehr ärgerlich und einfach extrem müde“. Ich auch. Kann ich bei euch mitmachen? Wer kann denn bei euch mitmachen – und wie?
Die Beschreibung stammt von unserer Homepage und so sehen wir uns tatsächlich selbst. Allerdings auch nicht mehr nur noch so. Seit wir uns entschieden haben, die Partei zu gründen und aktiv zu werden, verschwindet ein Teil des Ärgers und wird zu positiver Energie. Wir sehen durch die Resonanz von anderen, dass wir nicht allein sind, sondern viele! Und das macht uns stark. Müde sind wir leider weiterhin.
Und ja: Du kannst gerne mitmachen. Jeder, der sich für Kinder, Jugendliche und Familien einsetzen will, ist willkommen. Egal wie alt. Umso mehr wir sind, umso mehr Gewicht bekommt unsere Stimme. Ganz konkret kannst Du Mitglied in unserer Partei werden. Oder eine Unterstützerunterschrift leisten. Unterstützungsunterschriften und viele Mitglieder sind Grundvoraussetzungen, um für eine Wahl zugelassen zu werden. Oder uns helfen, bekannter zu werden. Oder Du denkst Dir mit uns aktiv Aktionen aus, die auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen hinweisen … oder … oder …

… oder Du gründest einen Landesverband für die Partei …

 

lobbyistenfuerkinder.de

Ruth-Simone Stumpp

Ruth-Simone Stumpp, 39, Mama von 3 wunderbaren Kindern (7, 4 und 3), im Wechsel mit meinem Mann Hometeacher und im Homeoffice

 

Daniel Böhme

Daniel Böhme, 41, Vater von 2 tollen Kindern, vormittags Hometeacher, nachmittags Homeoffice

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