Die Ruhe nach dem Sturm

Apr 1, 2021 | RECHT UND SOZIALES

„Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.“ Das ist nicht nur ein bisschen pädagogisch-nett daher gesagt, sondern gesetzlich verankert: § 1684 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) regelt den „Umgang des Kindes mit den Eltern“. Das ist in manchen Fällen gar nicht so leicht – das Hilfsangebot „Begleiteter Umgang“ leistet Unterstützung.

 

Text: Katharina Wasmeier

 

„Ich kann mich zu gut an zwei kleine Mädchen erinnern“, erzählt Georg Franz (Name v. d. Redaktion geändert). „Die Mutter war vom Vater frisch getrennt, sie und die Oma gaben an, die Kinder seien vom Vater misshandelt worden und dürften auf keinen Fall mehr in Kontakt mit ihm geraten. Im Laufe unserer Arbeit hat sich herausgestellt: Die Frauen hatten lediglich versucht, den Vater schlecht darzustellen – und ihm den Umgang mit seinen Töchtern zu verwehren.“ Georg Franz kennt viele solche Fälle, denn er engagiert sich als „Umgangsbegleiter“ ehrenamtlich bei der „Fachstelle Umgangskontakte“ bei ISKA, dem „Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit“ in Nürnberg, das wie viele soziale Einrichtungen in der Region den Begleiteten Umgang anbietet. Auch den Fall eines 16-Jährigen, der Kontakt zu seinem Vater „und viel aufzuarbeiten gehabt hat“, sagt Georg Franz. Seine Aufgabe: Ein neutraler Beobachter sein, klarmachen: „Es geht hier nur um das Kind“, und Ideen zur Annäherung geben. Denn so sehr sich die meisten Eltern Kontakt zu ihren Kindern wünschen und umgekehrt, so oft ist auch das Gegenteil der Fall. „Zu uns kommen die unterschiedlichsten Leute“, sagt Gabriele Wegner von der Fachstelle. Jedes Alter, jede Nation, jede Schicht und Einkommensklasse. Also „überall dort-her, wo sie Hilfe benötigen.“. Und oft von dort, wo die Vernunft nicht mehr weiterkommt. Dann braucht es Hilfe und Anleitungen, Schutz und einen Rahmen – und manchmal auch einen behutsamen Schubs. Um Elternteile zu treffen, die fremd sind oder sich fremd geworden sind. Und auch, um Kinder zu sehen, denen man noch nie zuvor begegnet ist. „Stellen Sie sich vor, Sie bekommen urplötzlich ein Schreiben und werden zu Unterhaltszahlungen aufgefordert. Nur – Sie haben doch gar kein Kind?“ skizziert Gabriele Wegner den Urlaubsflirt mit Folgen. Das Kind aus dem One-Night-Stand, das mittlerweile zehn Jahre alt ist – und seinen Vater kennenlernen möchte. In solchen Fällen können Jugendämter und Gerichte ein Kennenlernen anordnen. Dass das unter Umständen nicht ganz einfach ist, kann man sich leicht vorstellen. „Das kann dann manchmal ganz schön unbeholfen sein“, sagt Gabriele Wegner. Denn mit der Verwandtschaft kommt nicht automatisch auch Vertrautheit. „Die Menschen brauchen dann behutsame Anleitung“, profan wirkende Tipps wie „fragen Sie doch mal, wie es in der Schule heute war“. Brücken bauen. Oder behutsam neu errichten, wenn Eltern sich trennen – und schlimmstenfalls Kinder zwischen die Fronten geraten. Streit, Vorwürfe, Beschimpfungen, die Jüngsten als Kriegsmittel missbraucht, und oft das berühmte „Du siehst deine Kinder nie wieder!“ – eine Drohung, die der rechtlichen Grundlage entbehrt. „Wenn der Umgang mit dem eigenen Kind verwehrt wird, kann man das einfordern“, sagt Gabriele Wegner. Per gerichtlichem Beschluss oder durch das Jugendamt werden die Maßnahmen in die Wege geleitet, und damit der (kostenlose) Begleitete Umgang als strukturierter und zeitlich begrenzter Prozess mit klarem Ablauf, der Eltern Orientierung bietet. Getrennt voneinander werden Vorgespräche mit den Elternteilen geführt, Bedürfnisse abgesteckt, Organisatorisches geklärt, Regeln aufgestellt. Acht Treffen sind anberaumt, um die Beteiligten einander nahezubringen. Damit das gelingen kann, nutzt die Fachstelle die Räume der angeschlossenen Kita – dort ist Ruhe, vor allem aber auch jede Menge Spielzeug vorhanden. Klappt das gut, können Eltern und Kinder nach und nach eigene Aktivitäten planen. „Ziel ist es, den Weg zu einem selbstständigen, vertrauensvollen Umgang miteinander zu ebnen“, sagt Gabriele Wegner, der auf diesem Weg rund 30 aktive Ehrenamtliche wie Georg Franz zur Seite stehen. Keine Laien, sondern geschulte und qualifizierte Menschen mit meist pädagogischem Hintergrund und verschiedenen sprachlichen und kulturellen Kompetenzen. Neben der Hilfestellung kommt denen noch eine weitere Aufgabe zu: Still beobachten, protokollieren. Wie ist es wirklich bestellt um das Vater- oder Mutter-Kind-Verhältnis? Vielleicht will die Tochter den Vater wirklich nicht sehen, vielleicht der Sohn tatsächlich die Mutter nicht akzeptieren. Die Bewertung obliegt den Mitarbeitern der Fachstelle. „Das Umgangsrecht kann bei gravierenden Fällen ausgesetzt werden“, sagt Gabriele Wegner. Die Entscheidung obliegt dem Familiengericht, das professionelle Gutachter einsetzt, die sich ein Bild vom Kindeswohl machen. „Auch wenn wir in den Vorgesprächen mit den Kindern merken, dass sie verweigern, können wir die Maßnahme beenden.“ Dennfreilich haben die Kinder ein Wörtchen mitzureden, bekommen leichte Fragebögen, in denen Smileys zeigen, wie sich das alles so anfühlt. Nach vier Sitzungen, berichtet Georg Franz, die das Jugendamt aus der Ferne begleitet, gibt es ein Zwischengespräch, nach acht den Abschluss, bei dem geschaut wird: „Sind die Eltern und Kinder jetzt selbstständig oder brauchen sie noch weitere Hilfe?“, überlagern die Konflikte der Eltern weiterhin das Wohl des Kindes oder haben sie ihren Frieden machen können? Wie wichtig Letzteres ist, das zeigt die gesetzliche Festlegung und Regulierung des Umgangsrechts: „Studien belegen, dass es für die Identität des Kindes bedeutsam ist, beide Elternteile zu kennen und sich ein eigenes Bild machen zu können.“ Wer nur ahnt und sucht, zweifelt, der wird das ein Leben lang tun. Wer selbst entscheiden konnte, findet Ruhe. 70 Fälle konnte die Fachstelle im vergangenen Jahr begleiten, „der Bedarf ist groß“, sagt Gabriele Wegner. 70 Familien Ruhe bringen. Es werden nicht weniger werden.

Team Fachstelle Umgangskontakte ISKA (v.l.n.r. Gabriele Wegner, Theresa Nöth, Gabi Gräbner, Christine Bendig)

 

Projekte „Begleiteter Umgang“ in der Region, Informationen bei jedem Jugendamt bzw. der Stadtverwaltung

 

ISKA, Fachstelle Umgangskontakte

Gostenhofer Hauptstraße 63, 90443 Nürnberg

Tel. 0911 92 97 17 22

iska-nuernberg.de

 

Mütterzentrum Fürth

Gartenstraße 14, 90762 Fürth

Tel. 0911 77 27 99

muetterzentrum-fuerth.de

 

Landratsamt Nürnberger Land

Amt für Familien und Jugend / Sozialpädagogische Jugendhilfe

91205 Lauf a. d. Pegnitz

Tel. 09123 950 80 21

landkreis.nuernberger-land.de

 

Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Erlangen e. V.

Strümpellstraße 10

91052 Erlangen

Tel. 09131 20 91 00

kinderschutzbund-erlangen.de

 

„Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elternteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.“ (BGB § 1684 Umgang des Kindes mit den Eltern)

„Die Eltern haben alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert. Entsprechendes gilt, wenn sich das Kind in der Obhut einer anderen Person befindet.“ (BGB § 1684 Umgang des Kindes mit den Eltern)

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