Wenn der Bauchschmerz gefährlich wird

Mrz 31, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Text: Jasmin Pauler (Klinikum Nürnberg)

 

Bauchschmerzen im Kindesalter zählen zu den häufigsten Beschwerden. Oft vergehen sie von alleine und sind harmlos, beispielsweise bei Blähungen. Manchmal kündigen diese Beschwerden aber eine Blinddarmentzündung an, eine sogenannte Appendizitis. Wird die zu spät erkannt oder falsch behandelt, kann es gefährlich werden.

 

„Klagt ein Kind über Bauchschmerzen und kommt beispielsweise Fieber dazu, rate ich, lieber einmal zu viel als zu wenig zu einem Kinderarzt zu gehen“, empfiehlt Dr. med. Anna-Lena Terzenbach, Funktionsoberärztin in der Klinik für Neugeborene, Kinder und Jugendliche im Klinikum Nürnberg. Die Kinderärztin gehört zum Team der Kindernotfall-Ambulanz, zentrale Anlaufstelle für Eltern bei akuten Erkrankungen ihrer Kinder, die Schmerzen anders wahrnehmen. Das kindliche Nervensystem ist noch nicht vollständig entwickelt – Beschwerden sind daher bis circa zum fünften Lebensjahr nur schwer zuzuordnen. Auch die Intensität der Schmerzen müssen

Klinikum Nürnberg Süd Dr. Julian Busch Leitender Oberarzt Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie 04.03.2021 ©Giulia Iannicelli/Klinikum Nürnberg

Kinderärzte richtig einschätzen. Besonders Kleinkinder neigen dazu, Stress oder Schmerzen jeglicher Art auf den Bauch zu projizieren. „Ohrenschmerzen oder psychischer Stress werden oftmals als Bauchschmerzen wahrgenommen“, erläutert die Ärztin. Dr. Terzenbach untersucht ihre Patienten stets sehr gründlich von Kopf bis Fuß. Sie erfragt von den Eltern im Rahmen der Anamnese (Krankengeschichte), ob andere Symptome wie Durchfall und Erbrechen vorkommen, wie lange der Schmerz schon besteht und ob Allergien bekannt sind. Insbesondere bei Säuglingen und Kleinkindern fragt die Ärztin auch nach möglichen Komplikationen während und nach der Schwangerschaft – denn angeborene Erkrankungen können Auslöser für Bauchschmerzen sein. Bei Jugendlichen untersuchen weitere Spezialisten. „Oft sagen die jungen Patienten aus Scham, sie haben Bauchschmerzen, tatsächlich sind es Beschwerden im Intimbereich“, erklärt die Ärztin. In diesem Fall kommen die Experten der Klinik für Kinderchirurgie und -urologie hinzu. Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl sind nun vonnöten. „Die Eltern haben in der Regel ein sicheres Gefühl für ihr eigenes Kind“, weiß der dortige Leitende Oberarzt Dr. med. Julian Busch, „sie können häufig gut einschätzen, wie es ihrem Kind geht und ob die Situation ernst ist.“

 

Doch woran erkennt man eine Blinddarmentzündung? Lokalisierte Bauchschmerzen im rechten Unterbauch sind ein klassisches Symptom. Kinder, die Schmerzen schon sehr gut selbst verorten können, sprechen oft von „Bauchweh“ im Bereich des Nabels. Typisch ist, dass die Schmerzen später in den unteren rechten Bauch „wandern“. Häufig tritt der Schmerz sehr plötzlich auf. Neben starken krampfartigen Schmerzen und allgemeinem Krankheitsgefühl kommt es bei zunehmender Entzündung auch zu Fieber, Durchfall, Erbrechen und Herzrasen. Oft vergeht den Kindern der Appetit und sie werden blass. „Wir hören von den Eltern sehr oft, dass das Kind wie gewohnt gespielt hat und im nächsten Moment über starke Schmerzen klagt“, sagt

Foto: Dr. med. Julian Busch und Dr. med. Anna-Lena Terzenbach bei einer Ultraschalluntersuchung. Bei 90 Prozent der Untersuchungen können Ärzte einen entzündeten Blinddarm mittels einer Ultraschalluntersuchung erkennen. Fotos: Giulia Iannicelli, Jasmin Szbo

Kinderchirurg Busch. Der Blinddarm sitzt im rechten Unterbauch. Bei einer Blinddarmentzündung ist nicht der ganze Blinddarm entzündet, sondern dessen Anhängsel, also der sogenannte Wurmfortsatz. Mediziner nennen diesen Abschnitt Appendix, er ist circa sieben bis acht Zentimeter lang und etwa bleistiftdick. Ein eindeutiges Indiz für eine Blinddarmentzündung ist der sogenannte „Loslass-Schmerz“. Dr. Busch drückt hierbei mit seiner Hand vorsichtig auf die linke Seite des Unterbauchs und entfernt sie dann zügig. Oft klagen die Kinder dabei über Schmerzen auf der rechten Seite, also dort, wo der Blinddarm sitzt. „Der Schmerz tritt also nicht beim Drücken, sondern beim Loslassen ein“, weiß Dr. Busch. Ein Grund hierfür ist, dass ein entzündeter Blinddarm bei Erschütterung oft sehr empfindlich reagiert. Aus diesem Grund kann es auch sein, dass das Kind sein rechtes Bein nur noch unter Schmerzen anheben oder anwinkeln kann. So nehmen junge Patienten beim Laufen eine Schonhaltung ein oder verweigern das Hüpfen. Der Chirurg bittet die Kinder, sich auf den Rücken zu legen und gegen den Widerstand seiner Hand das rechte Bein anzuheben. 

 

Bei der sogenannten Appendektomie, also bei der chirurgischen Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes, operiert der Kinderchirurg bis auf wenige Ausnahmen minimalinvasiv. Wie durch ein Schlüsselloch führt Busch während der Operation durch kleinste Schnitte im Bauchnabel und zwei weitere im Unterbauch kleinste Instrumente ein. Vorteil dieser Schlüssellochchirurgie: Das Gewebe der Bauchdecke wird nur geringfügig verletzt, die Narben sind nur drei bis fünf Millimeter klein, die Patienten erholen sich schneller. Die Kinder können nach drei oder vier Tagen wieder nach Hause, da sich so der Krankenhausaufenthalt verkürzen lässt. Eine Blinddarmentzündung kann gefährlich werden.

Wird zu spät behandelt, kann die Gewebewand des Blinddarms undicht werden. In der Medizin spricht man von einer Perforation. Dabei öffnet sich das geschwollene Gewebe, Stuhl und Bakterien gelangen in den Bauchraum. Die Folge: eine lebensgefährliche Bauchfellentzündung. „Gefühlt ist die Zahl der schweren Blinddarmentzündungen während Corona gestiegen“, sagt Dr. Busch. Eine Ursache könnte die Angst vor der Ansteckung mit dem Coronavirus sein. Um dieses Risiko zu minimieren, hat das Klinikum Nürnberg umfassende Hygiene- und Schutzmaßnahmen eingeführt.

 

Deutschlandweit sind mehr als 130.000 Menschen jährlich von Appendizitis betroffen. Jeder kann an einer Blinddarmentzündung erkranken, doch besonders Kinder und Jugendliche zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr sind häufig betroffen. Die Ursachen sind sehr unterschiedlich. Manchmal verstopfen Kotsteine den Wurmfortsatz. Ist der Blinddarm abgeknickt, verursacht das einen Sekretstau, der die Entzündung auslöst. In seltenen Fällen sind Fremdkörper wie beispielsweise Obstkerne der Auslöser. Niemand kann sich vor einer Blinddarmentzündung schützen. Was hilft: sich ausgewogen und ballaststoffreich ernähren, viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukte essen. Das regt den Darm an und unterstützt die Verdauung. Neben der Appendizitis gibt es viele weitere Ursachen für Bauchschmerzen – darunter auch chronische Erkrankungen. Nicht immer fällt die Diagnose leicht. Umso wichtiger ist es, den Beschwerden sorgfältig auf den Grund zu gehen, um den kleinen Patienten zu helfen. Im Klinikum Nürnberg arbeiten langjährig ausgebildete und erfahrene Spezialisten aus unterschiedlichen Fachbereichen von Pädiatrie bis Kinderchirurgie eng zusammen. So wird bei einem Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung in der Regel die Kinder-Gastroenterologie hinzugezogen, ebenso die Kinder-Radiologie mit ihren diagnostischen Hightech-Verfahren wie etwa der Magnetresonanztomographie (MRT). 

In Notfällen erreicht ihr die Kinderspezialisten des Kinderklinikums Nürnberg rund um die Uhr in der Kindernotfallambulanz, Telefon: 0911 398 -2290.

 

 

 

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