Von Würgern und Schwarzäugiger Susanne

Mrz 31, 2021 | LEBENSRAUM

Eine grüne Tapete für Balkon und Terrasse geht ganz schnell – und mit unseren Tipps geht garantiert nichts schief.

Text: Sebastian Plischke

Sagen wir mal so: In jüngster Vergangenheit haben viele von euch vergleichsweise viel Zeit auf dem eigenen Balkon verbracht – und werden das wahrscheinlich auch in naher Zukunft wieder tun. Wer nicht den Luxus eines großzügigen Grundstücks am Eigenheim hat oder wer auf einem vierstelligen Wartelistenplatz einer Kleingartenkolonie steht, findet sich von O bis O (also von Ostern bis Oktober) des Öfteren auf seinem kleinen Wohnungsgrün wieder. Doch das ist leider oftmals weit entfernt vom grünen Paradies, nach dem man sich so dringend sehnt, und spätestens dann, wenn man dabei auf bröckelnden Putz und abblätternden Geländerlack schauen muss, kommt schnell der Wunsch nach grüner Tapete auf. „Efeu oder Wilder Wein, das wäre toll!“, findet ihr, wahrscheinlich aber euer Vermieter nicht. Aber wie schaffen wir den Spagat aus strengen Mietrechtsvorgaben einerseits und Sprung in die grüne Hölle andererseits?

Wir wollen euch hier einige pflanzliche Beispiele zeigen, von denen einige „nur“ schön grün anzusehen sind, andere wiederum vielleicht sogar den Gang in die Obst- und Gemüseabteilung des Supermarkts überflüssig machen. Gleich mal vorneweg: Tief in den Geldbeutel greifen muss niemand. In was ihr die Pflanzen setzt, ist diesen herzlich egal. Nur sollten die Gefäße Löcher im Boden haben, damit überschüssiges Gieß-/Regenwasser ablaufen kann. Staunässe mag nämlich quasi keine Pflanze, denn die lässt die Wurzeln faulen. So tut’s also auch ein alter Putzeimer oder Gummistiefel, dessen Sohle man schwups mit dem Akkubohrer durchsiebt. Im Hochparterre geht’s unter Umständen sogar, dass ihr ins darunterliegende Beet pflanzt und die Pflanze hochranken lasst.

Kletterrose

Was ihr aber für die meisten dieser Bepflanzungsvorschläge braucht, sind Rankhilfen. Das können alte Holzlatten, ein ausgedienter Lattenrost oder auch ein Stück Maschendrahtzaun sein, den ihr am Balkon über euch befestigt. Auch hier gilt: Lieber kreativ statt teuer, und wir investieren lieber in die Wahl der Kletterpflanzen. Wer ein bisschen Platz auf dem Balkon hat (oder wen der eine oder andere Blutverlust nicht kümmert), kann ruhig zu ausladenderen (und dornigen!) Sorten wie Kletterrosen greifen. Gleiches gilt für Brom- oder Himbeeren. Den großen Vorteil dieser beiden kann man sich denken: Genau, Longdrinks und Lillet werden schnell mit einem kleinen Griff zum Balkon fruchtig-hübsch veredelt. Man stelle sich nur vor, man hätte auch noch Minze in einem kleinen Zinktopf. Santé! An diese Stelle im Text passt wohl auch der Tipp, sich Echten Wein auf den Balkon zu holen. Im Gegensatz zum wilden Bruder verwächst der nicht mit dem Putz, sondern kringelt sich ebenso behutsam um die Rankhilfen, wie ihr ihn von dort auch wieder entfernen könnt.

Schwarzäugige Susanne

An alle Bierliebhaber: So einfach ist das mit dem Hopfen und dem Bier nun leider nicht. Den Anblick (und Geruch!) kann man sich aber gut auf den Balkon holen, wenn eine olle Fassade zackig begrünt sein soll: Die charakteristischen Dolden bildet zwar nur die weibliche Pflanze aus, doch jeder Hopfen wächst im Topf pro Tag zwischen 10 und 30 Zentimeter, je nach Standortbedingungen. Allerdings erst ab dem zweiten Jahr, wenn er ein verzweigtes Wurzelnetz gebildet hat. Die Wartezeit überbrücken kann man sehr gut mit einem anderen echten Hochgeschwindigkeitsgewächs: die Schwarzäugige Susanne. Durch ihre feinen Triebe ist es ihr egal, ob sie an einer extra angebrachten Rankhilfe, an der Solar-Lichterkette oder an der auf den Balkon ausgesperrten Hauskatze emporwächst. Durch die breite Palette an Blütenfarben wird jeder Geschmack getroffen, und es macht auch noch irre Spaß, jeden Morgen die neuen Triebe zu entdecken. Finden Insekten übrigens auch.

Hopfen

Natürlich gibt es mit Clematis, Wicken oder Trichterwinde noch viele weitere Beispiele, mit denen man seinen Balkon oder die Terrasse hübsch aufgrünen kann. Bei dieser breiten Auswahl ist für jeden was dabei. Nur eins ist wirklich wichtig: Ihr solltet unbedingt darauf achten, dass ihr euch weder sogenannte „Haftwurzelkletterer“ (z. B. Efeu oder Kletterhortensie) noch „Haftscheibenranker“ (z. B. Wilder Wein) ins bzw. ans Haus holt. Die klingen nicht nur bedrohlich, sondern sind es auch – zumindest für den Fassadenputz, an dem sie ganz hervorragend haften. Und der Putz an ihnen. Für immer. Einen Bogen solltet ihr auch um „Schlinger“ bzw. „Würger“ wie Blauregen machen, die genauso sind, wie sie heißen: wunderschön, aber üble Gesellen. Diesen ist meist nichts heilig, falten sie doch Regenfallrohre aus Metall wie Papier und machen sich in jeder Ritze breit, die sie erwischen, womit mittelfristig ein mittelgroßer Schaden unumgänglich ist.

Und jetzt viel Spaß beim Aussuchen, Rankhilfen basteln – und bald in eurem ganz persönlichen grünen Wohnzimmer! 

Grüne Grüße!

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