Teil 5: FRIDAYS FOR…WHAT?

Mrz 31, 2021 | TITELTHEMA

Ein repräsentativer Querschnitt durch die Gesellschaft sieht anders aus

Eine Befragung des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung hat ergeben, dass 73 Prozent derer, die sich bei Fridays for Future engagieren, der Mittel- und Oberschicht angehören. Mehr als die Hälfte hat oder macht Abi, nur wenige haben einen Migrationshintergrund. Bedeutet das, dass die Bewegung, die sich seit 2018 für die Rettung unseres Planeten einsetzt, aus weißen, elitären Richkids besteht? 

Text: Simone Blaß

Betrachtet man zum Beispiel eines der Aktivisten-Aushängeschilder, Luisa Neubauer, dann fühlt man sich unter diesem Blickwinkel bestätigt. Sie kommt aus einem Hamburger Vorort, in dem sozialer Wohnungsbau zwischen all den Villen wohl eher selten zu finden ist. Nicht ihre Schuld, aber doch bezeichnend. „Klar, Fridays for Future ist weiß und elitär. Das stimmt.“ Eva Schreiner überrascht uns im Interview mit dieser Aussage. Die 19-jährige Nürnbergerin engagiert sich, gemeinsam mit ihrem Bruder Fabian, seit Anfang 2019 bei FFF und der Vorwurf ist für beide nicht neu. „Wir versuchen dem entgegenzuarbeiten, indem wir auf Ungerechtigkeiten und Diskriminierungsformen aufmerksam machen, unsere Forderungen einbetten in einen gesellschaftlichen Diskurs.“ Aber natürlich wissen die Geschwister, dass es deutlich einfacher ist, fürs gute Gewissen mehr Geld auszugeben, wenn man nicht jeden Euro zweimal umdrehen muss.  

Die wenigsten Familien können es sich nämlich leisten, alle ihre benötigten Produkte bei Biomärkten zu kaufen, sich und ihre Kinder nachhaltig zu kleiden und ein Auto zu fahren, das die neuesten Technologien nutzt und zumindest klimafreundlicher ist als eine alte Dieselschüssel. Hier sind auch Eva und Fabian realistisch: „Klimapolitik wird oft noch zu sehr aufs Individuum zurückgedrängt“, ärgert sich der 21-Jährige. „Immer wieder werden wir gefragt, wo wir das letzte Mal im Urlaub waren und ob wir eigentlich noch Fleisch essen. Dabei geht es doch darum, große Systeme zu verändern bzw. Systeme zu schaffen, in denen es leicht ist, sich klimagerecht zu verhalten.“ Und zwar für alle Bildungs- und Verdienstschichten. „Diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass wir uns nicht nachhaltig ernähren oder kleiden können, sind oft dieselben, die auch für die Klimakrise verantwortlich sind. Unternehmen, die versuchen, klimapolitische Maßnahmen zu verhindern, die sich gegen Mindestlöhne und faire Arbeitsbedingungen stellen – diese Probleme sollten wir gemeinsam angehen.“ Und zwar ziemlich schnell. „Bis 2030 wäre ein guter Termin.“

Einzelne zu verteufeln oder von oben herab zu urteilen, liegt zumindest Eva und Fabian fern. Sie wollen kollektiv etwas bewegen. Aufrütteln. Und sie wissen, dass es viele Jugendliche gibt, die mit Fridays for Future wenig bis nichts assoziieren. Deren Welt eine andere ist. Und die von Flugscham weit entfernt sind, wenn sie einmal im Jahr in ihr Heimatland reisen, um bei den Großeltern und anderen Verwandten zu sein – und dabei immer noch einen kleineren ökologischen Fußabdruck haben als alle anderen. Schon allein deswegen, weil im Alltag oft nicht einmal ein Auto drin ist. 

Eva Schreiner

Wenn ihnen nicht gerade eine Pandemie einen Strich durch die Rechnung macht, dann sind Fabian, Eva und ihre Mitstreiter auch an verschiedenen Schulformen aktiv. „Natürlich könnte ich tolle Analysen aufstellen, warum sich viele Jugendliche in unserer Gesellschaft nicht damit beschäftigen, aber damit sind sie doch noch lange nicht erreicht.“ Und Eva ergänzt: „Umso wichtiger ist Basisarbeit. Wir vernetzen uns im Stadtteil, sprechen mit den Menschen, denn es ist enorm wichtig, alle sozialen Schichten zu erreichen. Und dass jemand nicht weiß, was FFF ist, ist mir schon lange nicht mehr passiert.“ Und wenn es mal so war, dann hat sie es einfach erklärt. „Wir wollen jeden erreichen und wir wollen die Probleme an der Wurzel anpacken, statt Symptome zu bekämpfen.“ 

Claudia Lang

An der Wurzel anpacken würden Claudia Langs Schüler die Probleme auch. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn mit der Theorie haben sie es nicht so. Claudia Lang ist Lehrerin an der Otfried-Preußler-Schule in Erlangen, einem Sonderpädagogischen Förderzentrum, und ihre Schüler kommen aus allen Schichten – nicht wenige auch aus den sogenannten „bildungsfernen“. In ihrer letzten Abschlussklasse behandelte sie das Thema Klimawandel und besuchte mit den Jugendlichen eine FFF-Demonstration in Erlangen. „Auch wenn sie ähnlich betroffen und besorgt über den Klimawandel sind wie wir alle, mit der Demonstration konnten sie wenig anfangen. Sie fühlten sich dort eher fehl am Platz, die Reden waren für sie schwer verständlich und die Sprechchöre waren ihnen unangenehm.“ Ihre Schüler und Schülerinnen gehen Probleme lieber praktisch an. „Sie werden sich wahrscheinlich wenig theoretisch in der FFF-Bewegung einbringen, hätten sie aber zum Beispiel die Möglichkeit, Bäume anzupflanzen oder praktische Maßnahmen gegen die Austrocknung der heimischen Wälder zu unterstützen, wären sie sofort dabei.“ Jetzt gilt es also ‚nur‘ noch, Theorie und Praxis zusammenzubringen, und der Erfolg wäre sicher.

X