Teil 4: FRIDAYS FOR…WHAT?

Mrz 31, 2021 | TITELTHEMA

Konfrontiert uns!

50 Kilometer und eine knappe dreiviertel Stunde Fahrtzeit entfernt vom Nürnberger Klimacamp liegt Pilsach. Auf die 2500 Einwohner-Gemeinde bei Neumarkt fällt noch kaum der Schatten des Klimawandels, wohl aber der einer Autobahnbrücke. Das findet Familie Krauß nicht so schön. Wie vieles andere auch nicht. Fridays for Future gehört nicht dazu. Und eigentlich auch nicht zum Leben.

Text: Katharina Wasmeier

„Klar“, sagt Jakob, „klar kriegen wir mit, dass irgendwas mit dem Klima passiert, was nicht gut ist. Aber wirklich nur so ein kleines bisschen.“ Ein kleines bisschen bedeutet, mal ein Heft bekommen zu haben, im Gymnasium, das der Achtklässler besucht. Ein kleines bisschen, das sind die Spots und Bilder, die Instagram ihm zeigen, Plastik in den Meeren beispielsweise, und dann, sagt Jakob, „dann mache ich mir schon Gedanken und achte wieder mehr auf Müllvermeidung.“ Aber das war’s dann. Jakob ist 13, morgens fährt er mit dem Bus eine halbe Stunde in die Schule und nachmittags wieder zurück, dann Hausaufgaben und Fußball mit den Kumpels, überm Feld tost der Verkehr, was außenrum passiert, kriegt er nicht mit. Wie auch? „Wenn man in einer Großstadt lebt, kriegt man wahrscheinlich mehr mit, mehr Plakate und Aktionen, und die vielen Autos“, und Auto ist eh gerade ein Thema in der Familie, seitdem Luca endlich seinen Führerschein hat. „Ich fahre viel herum, einfach weil ich’s jetzt kann und nicht mehr vom Bus abhängig bin“, sagt der 18-Jährige, lang genug hat er sich herumfahren lassen müssen oder bloß nicht den einen Bus verpassen dürfen, der Freunde und Daheim verbindet. Autos raus, kannst du das verstehen? „Wenn man in der Stadt lebt, regen einen die vielen Autos sicher auf. Aber hier brauchen wir die“, sagt Luca, und dass auch ihn das Thema Klima nicht so sehr bewegt. Die Demos? Kein Thema in der FOS, keine Aushänge, keine Infos oder Angebote zum Gespräch. Es ist nicht da. Auch die Gefahr nicht. „Insekten“, sagt Luca, die sind noch genauso da wie immer, es ist nichts anders. Es ist alles Wald und Natur außenrum bei ihnen da draußen. Der Wald sieht gesund aus, sagt Michael Krauß, „und wenn bei uns mal die Luft schlecht ist, dann weil der Bauer frisch geodelt hat“. Dass sich was verändert, das merken wir schon, sagen Michael und Christiane. Beide sind in Pilsach geboren und aufgewachsen, seit 46 Jahren leben sie hier auf dem Land. Wenn es Aktionen zum Klimaschutz gibt, in Neumarkt oder Nürnberg, „dann erfahren wir das nur hinterher aus der Zeitung.“ Was sie aber wohl bemerken: Wie die Winter früher waren. Wie viele Bauernhöfe es gegeben hat, wo man hingefahren ist und eingekauft hat oder schnell den Berg hinabgeflitzt, wenn der Bauer mit seinem Wagen in den Ort gefahren kam. 

„Das gab es alles lange nicht mehr – dafür hat sich in der jüngsten Vergangenheit in Sachen Hofladen viel getan. Es werden immer mehr“, sagt Christiane, die freilich über Plastik Bescheid weiß, und wie es vermieden werden kann. Aber auch, wo das alles herkommt, wie es wächst, wie Gemüse aussieht auf dem Acker, denn „unsere Eltern und wir bauen alles an Obst und Gemüse selbst an.“ Zugekauft wird wenig, und wenn, dann „sicher keine Erdbeeren im Winter. Luca findet gut, was die Fridays da machen, kann verstehen, was in Nürnberg gefordert wird. Aber „es ist alles so weit weg“. Es würde sicher schnell wichtig, wenn „wir mehr damit konfrontiert würden“, meint er, und Jakob auch: „Es würde mich wahrscheinlich mehr treffen, wenn ich mehr Input bekäme, von der Schule zum Beispiel. Das passiert aber nicht.“ Auf eine Demo fahren? Nein, das hat noch kein Lehrer vorgeschlagen, Schülerinitiativen gibt es nicht. Was es gibt, ist eine große Bürgerinitiative im vergangenen Jahr: Eine riesige Fläche soll versiegelt werden, ein Gewerbepark gebaut. „Das ist einerseits fürchterlich“, sagt Michael Krauß, andererseits „steht die Gemeinde Pilsach finanziell nicht so gut da.“ Straßen müssen repariert, der Kindergarten erweitert werden. „Ein fürchterliches Abwägen“, aber „sicher ist auch viel Bequemlichkeit dabei“, gibt der Familienvater zu bedenken. „Wie fühlen uns so hilflos vor der Weltpolitik, die Dimensionen der Katastrophen sind einfach unvorstellbar, und wir haben keinerlei Handhabe, etwas zu verändern. Was bringen denn meine kleinen Schritte?“ Die Sorgen auf dem Land sind andere. Habt ihr schon mal was von „Unverpacktläden“ gehört? „Unverpacktladen?“ sagt Jakob. „Wir haben hier noch nicht mal einen Supermarkt.“ 

 

Luisa

 

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