Teil 3: FRIDAYS FOR…WHAT?

Mrz 31, 2021 | TITELTHEMA

Together for Future

Wohl noch nie gab es eine Jugendbewegung, bei der Eltern so kräftig mitmischten wie bei „Fridays for Future“. Wahrscheinlich weil ein gemeinsamer Nenner noch nie so groß, kein Ziel so drängend war: die Erde und die Zukunft zu retten. Birgt das dennoch Konfliktpotenzial? Sind die Ansichten über das Erreichen des Ziels bei Jung und Alt dieselben? Darüber haben wir mit Carsten Bartens von der „Parents for Future“-Ortsgruppe Erlangen gesprochen.

Text: Manuela Prill

Als die Blumenkinder Ende der 60er auch in der Bundesrepublik öffentlich Frieden und freie Liebe propagierten und die Studentenbewegung gegen politische und gesellschaftliche Strukturen protestierte, standen ihre Eltern schockiert am Straßenrand. Welch Skandal, welch Provokation! Die Kluft zwischen den Generationen war groß: auf der einen Seite die von der Jugend angeprangerten „Spießer“, auf der anderen die „Politgammler“ und „Krawallköpfe“, wie die BILD-Zeitung die Hippies und Studenten betitelte. Gemeinsame Sache machen? Unvorstellbar! Als die ersten Schüler in Deutschland freitags für das Klima auf die Straße gingen, gaben ihnen viele Eltern von Anfang an Rückendeckung. „Parents for Future“ (P4F) entstand Mitte Februar 2019 in Nordrhein-Westfalen, als Reaktion auf angedrohte Sanktionen des Schulministeriums gegen die Schüler. Man wollte „die Kinder und Jugendlichen in ihrem Protest auch offen von der Ebene der Erwachsenen aus stärken“, ist auf der Homepage von P4F zu lesen. Ein offener Brief an die Politik wurde formuliert, man demonstrierte mit, in kürzester Zeit entstanden bundesweit P4F-Ortsgruppen, rund 300 sind es aktuell. Die Erlangen-Gruppe war mit eine der ersten, Carsten Bartens ist Gründungsmitglied, 58, Ernährungswissenschaftler, Vater und Teil einer Patchworkfamilie mit vier Kindern. „Natürlich mache ich das auch, weil ich Kinder habe. Ich weiß, dass deren Zukunft nicht so sein wird, wie ich sie erleben durfte. Dass es zum ersten Mal einer Generation schlechter gehen wird als der jetzigen“, beschreibt Bartens seine Motivation, sich bei P4F zu engagieren. Trotzdem sei die Frage erlaubt: Wird das Mitmischen der „Parents“ von den „Fridays“ nicht manchmal als Einmischen empfunden? Gibt es Abwehr à la „Hey, das ist unser Protest!“? Stichwort Abgrenzung? „Nein, das gibt es nicht“, hat Bartens die Erfahrung gemacht. „Diese Bewegung ist im Vergleich zu früheren Jugendbewegungen viel weniger aggressiv, sie ist auch nicht so polarisierend.“ Und schließlich sei der Klimawandel etwas, was uns alle angehe, egal ob jung oder alt. „Wir müssen als Gesellschaft etwas tun, deshalb ziehen wir alle am selben Strang.“ 

Die P4F wollen sich solidarisch zeigen und ihre Kids unterstützen. Sie helfen als Ordner oder Redner auf deren Demos und mobilisieren Mitstreiter. „Wir würden aber nicht ohne die ‚Fridays‘ zu Demos aufrufen“, betont Bartens für die Erlanger Ortsgruppe. Die Organisation des Protests auf der Straße sei ganz klar deren Territorium. „Wir ‚Parents’ versuchen in erster Linie, mit der Politik ins Gespräch zu kommen“, so der 58-Jährige. Die Jugend unterstützt wiederum Aktionen der Eltern, man plant auch gemeinsame Projekte wie Workshops oder das Klimacamp Erlangen im Sommer 2019. „Es gibt keine Konkurrenz unter den einzelnen Bewegungen“, so Bartens. Was man nicht vergessen darf: Viele aus der Elterngeneration, die bei P4F aktiv sind, beschäftigen sich nicht erst mit Umweltthemen, seitdem ihre Kinder sich fürs Klima stark machen. Carsten Bartens etwa war immer schon ein politisch engagierter Mensch, als junger Mann gehörte er der Anti-Atomkraft-Bewegung an und wurde durch die Veröffentlichung des Berichts „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome beeinflusst. Noch bevor Greta Thunberg und ihr „Skolstrejk för klimatet“ viral gingen, rüttelte ihn das Buch „Change!“ von Graeme Maxton erneut wach, der sich mit der Frage beschäftigt, was wir alle unbedingt tun müssen, damit unsere Kinder überhaupt eine Zukunft haben. Über das Engagement bei P4F kam Bartens zum „Klimaentscheid Erlangen“, einer Initiative, bei der sich unterschiedliche Vereine und Organisationen dafür einsetzen, dass die Hugenottenstadt bis 2030 klimaneutral wird. Als erste bayerische Kommune hatte Erlangen im Mai 2019 den Klimanotstand ausgerufen, „gepuscht durch die ‚Fridays‘“, sagt Bartens. Das habe dazu geführt, dass inzwischen Vertreter aus beiden For-Future-Gruppen im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt sitzen. Bei aller Erfahrung, die die alten Hasen mit in die Waagschale werfen, ist ihm eines wichtig zu betonen: „Ohne die ‚Fridays‘ hätte die Klimabewegung nicht diese Dynamik und Power bekommen.“

Okay, das klingt nach viel Einigkeit. Gibt’s tatsächlich keinen Diskussionsbedarf? „Die Jugend ist auf ihrem Weg, ans Ziel zu kommen, radikaler, sie wollen Dinge schneller umsetzen. Sie fliegen zum Beispiel nicht in den Urlaub, leben vegan und rechnen alles in CO2 um“, meint der Erlangener. Die Erwachsenen seien ihnen da oft viel zu behäbig, sie verstehen nicht, warum die ihre Lebensgewohnheiten nicht schneller ändern wollen oder können. Darüber lässt sich vortrefflich mit den Eltern streiten. Aber: „Die Forderungen der ,Fridays‘ richten sich vor allem an Politik und Wirtschaft, Rahmenbedingungen zur Einhaltung der Pariser Klimaziele zu schaffen.“

 parentsforfuture.de

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