Teil 1: FRIDAYS FOR…WHAT?

Mrz 31, 2021 | TITELTHEMA

BRENNGLAS FÜR GLOBALES THEMA

Mitte Januar, kälteste Tage des Winters. Auf dem Sebalder Platz im Herzen Nürnbergs knacken bei jedem Schritt die Eisplatten, der Wind schneidet ins Gesicht. Wer nicht raus muss, bleibt drin, wer keinen triftigen Grund hat, sowieso. Die vier Menschen, die sich zu Füßen der mächtigen Kirchtürme zusammenkauern, sich in dicke Decken hüllen, Wärmflaschen weiterreichen, Zeltplanen festzurren, haben fürwahr einen triftigen Grund. Und zwar keinen geringeren als: das Klima zu retten!

Text: Katharina Wasmeier

Erik Stenzel, Cornelia Grob und Nicole Glück* haben für das Foto die Masken kurz ab- und Abstandshaltung eingenommen.

„Wir campen, bis ihr handelt!“ weht als weithin sichtbarer Slogan über den Platz. Seitdem am 3. September2020 die „Mahnwache für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit“ begann, setzen sich die Menschen hier zusammen, besprechen, debattieren, informieren. Hoffen. Sie setzen sich aber auch auseinander, nämlich mit den Leuten, die nichts wissen wollen vom Klimawandel, die Änderungen und Einschränkungen fürchten. Der Platz ist nicht zufällig gewählt: Sehen sollen sie sie, die Politiker im Rathaus. Am 14. Januar waren es 134 Tage, in denen das „Klimacamp“ durchgehend besetzt war. In Schichten wird hier gewacht – und ja, auch übernachtet. Das mag im Sommer wie ein hippieskes Lagerfeueridyll scheinen, im Winter bedeutet das: im offenen oder mäßig abgedichteten Zelt schlafen. Draußen schlafen. Durchziehen. Warum machen die das?

„Weil verdammt nochmal endlich was passieren muss. Sonst ist die Zukunft im Arsch“, sagt Erik Stenzel und meint es genau so deutlich. Seit Tag 1 ist der 33-jährige Liedermacher dabei, eine Art Sprecher des Camps geworden, das ein Mosaik aller hiesigen Initiativen ist, die sich im Thema engagieren. „Nürnberg for Future“ heißt das Bündnis, unter dem 25 Organisationen – darunter der Nachhaltigkeitsverein BluePingu, Bund Naturschutz oder Greenpeace, aber auch künstlerische Kollektive wie die Artists4Future oder das Heizhaus sowie das partizipative Stadtteilentwicklungsprojekt Urban Lab – sich zur Aktion zusammengeschlossen haben. Jeder trägt zum Camp bei, was er kann oder möchte, macht Infostände oder, als man noch durfte, Workshops, Diskussionsrunden. Gemeinsam haben sie zwölf Forderungen an die Stadt entwickelt. Da geht es um den sofortigen Ausbaustopp des Frankenschnellwegs, das 356-Euro-Ticket für alle, erneuerbare Energien, aber auch um repräsentative Bürger:innenversammlungen und klimaschädigende Wertanlagen. Hinter jeder Forderung steht eine ausführliche Begründung, 30 Seiten drängendes Bitten.

Als am 20. August 2018 die damals 15-jährige Greta Thunberg den Unterrichtsbesuch erstmals verweigerte, gab sie damit den Anstoß für eine weltweite Jugendbewegung, die ihresgleichen sucht. Binnen kürzester Zeit formierten sich die heute 500 „Fridays for Future“-Ortsgruppen in Deutschland – allein in Bayern gibt es derzeit knapp 120. Die Forderungen unterscheiden sich marginal je nach Region. Sie alle eint die Furcht vor der Zukunft, denn die, alle Berechnungen und Wissenschaft beweisen es, sieht klimatisch eher düster aus. Und, viel näher, die Sorge um die eigene Lebenswelt, die stinkt und müllt und gesundheitsschädlich ist. Mit dieser Sorge, die Freitag für Freitag öffentlich und zunehmend lautstark kundgetan wurde, erreichten die jungen Menschen vor allem eins: Sie jagten vielen anderen, zumal Älteren, eine Heidenangst ein. Denn die fürchten sich um ihren Wohlstand gebracht, ihren Luxus, die Bequemlichkeit. Radlfahren statt Auto vor die Ladentür, dort in Mehrweg- oder Tupperwaren abpacken lassen statt Wegwerf und ToGo, womöglich dran denken müssen, dass es anderswo ein Elend gibt – das wollen wir nicht so gern. Elitäre Luxusnöte seien das, vorgetragen von einer Generation, deren Hauptaugenmerk auf Streaming liege, nicht aber darauf, woher der Strom dafür denn käme. Schlimmer noch: der blanke Hass, der sich im Internet immer wieder zum Thema entzündet. Der Politikstudent und ehemalige FFF-Aktivist Clemens Traub schreibt in seinem Buch „Future for Fridays?“ von gebildeten Klima-Eliten, die „viel zu oft vermeintliche Klimasünder an den Pranger gestellt und sich in vergifteten Schuldvorwürfen verloren“ haben, „tumbe Umweltzerstörer“ identifiziert und so die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben haben. Zunehmend polarisierte die Menschen ein Thema, über das doch eigentlich Konsens herrschen sollte.

Und so wurde getanzt auf politischem Parkett, vor allem aber dem der Wirtschaft. Und dann mittendrin: Corona. Alles stillgelegt. Keine Demos und Versammlungen, kein lautes Draußen mehr, nur leises Drinnen. Von Klimaschutz und FFF keine Rede mehr seit Monaten. Keine Zeit, andere Sorgen, kein Geld – die Probleme aber sind immer noch die gleichen, denn so ein kleiner Virus hält keine Polarkappe vom Schmelzen ab und auch keine Dürrekatastrophe auf. Deswegen machen sie hier weiter, wollen die Themen sichtbar halten in einer Zeit, in der alles nur klein und leise und hinter dicken Mauern stattfinden kann. „Es ist doch bislang nichts passiert“, sagt Erik Stenzel, den es nach Veränderung drängt. Der gar nicht findet, dass sich doch in der Kürze der Zeit irgendwie schon relativ viel geändert hat, weil „wir uns dieses langsame Tempo nicht erlauben“ können.

„In wenigen Jahren könnten wir einen Kippunkt erreichen, an dem die klimatischen Veränderungen zu unumkehrbaren Katastrophen führen werden“, sagt Cornelia Grob. „Dringlichkeit und Furor sind da mehr als angebracht.“ Cornelia Grob ist keine junge Städterin, der fad ist. Sie ist auch kein verwöhntes Mittelstandskind, das mal nachdenken soll, woher der Strom fürs Handy kommt. Sondern Rentnerin aus Beerbach, einem 200-Seelen-Dorf 20 Kilometer nördlich des Camps, bei dem sie sich seit Tag 7 engagiert. Für die Kinder, für die
Zukunft, sagt die 65-Jährige. Für „Parents for Future“ seit Anbeginn. Ist sie dafür nicht, pardon, zu alt? „Tja, die Leute meinen immer, es handelt sich hierbei um die Eltern der Fridays-Generation“, sagt Cornelia Grob. „Aber das sind die wenigsten. Eigentlich müssten wir Grandparents for Future heißen.“ Die meisten Eltern, sagt sie, wollen nichts hören von Klima und Schutz. Winken ab, haben einen Status erreicht, den sie nicht hergeben wollen, sondern wollen „doch nur das Beste für ihre Kinder“. Sehen nicht ein, dass die sich engagieren wollen, angeln sie aus dem Camp, wutschnaubend. Die Hausaufgaben! Einmal habe ein Vater hier seine Tochter abgeholt. Sie haben gestritten. Sie solle den Scheiß endlich bleiben lassen. „Die jungen Eltern fühlen sich hier von uns beim Shoppen gestört“, sagt Cornelia Grob, und Erik Stenzel meint, dass doch gerade auch die eine gesellschaftliche Verantwortung haben, „man muss nur mal anfangen nachzudenken, statt nur zu konsumieren und zu reagieren“. Es sind auch schon Eier geflogen. Stinkbomben.

 

FORDERUNGEN:

  1. Sofortiger Ausbaustopp des Frankenschnellwegs
  2. 365-Euro-Ticket für alle ab sofor
  3. Autofreie Innenstadt bis Ende 2020
  4. Durchgehendes Radwegenetz bis 2026
  5. Begegnungsplätze statt Parkplätze
  6. Keine klimaschädlichen Wertanlagen
  7. Nürnberg soll „Zero-Waste-Stadt“ werden
  8. Repräsentative Bürger:innenversammlungen mit Vorschlagsrecht
  9. N-Ergie: 100 % erneuerbare Energien bis 2025
  10. Verpflichtende Ausstattung mit Photovoltaikanlage oder Begrünung bei Neubauten
  11. Kommunale Einrichtungen und Eigenbetriebe klimaneutral bis 2030
  12. Nachhaltige Ernährung in städtischen Einrichtungen

 

Nicht alle reagieren so auf die lustig-bunte Ansammlung von Zelten und Tischen, Bühne und Schildern, die vier ernste Funktionen erfüllen soll: Als Anlauf- und Vernetzungsstelle für alle, die handeln wollen, aber nicht wissen, wie. Als Info- und Weiterbildungspunkt mit Bildungsprogramm oder einfach nur einem Austausch, denn „wir wollen ja gerade die Menschen außerhalb unserer Klimablase ansprechen“, sagt Cornelia Grob. Um politischen Präsenzdruck auszuüben, weil man da ist, weil man nervt, direkt vor der Nase der Verwaltung der Stadt, an die die Forderungen gerichtet sind. Und natürlich: die Symbolwirkung. „In 24 Stunden laufen selbst jetzt noch 100 Menschen hier vorbei, die uns registrieren“, sagt Cornelia Grob. Die Frage ist nur: „Wie können wir diejenigen erreichen, die nicht erreicht werden wollen?“ sagt Nicola Glück (Name v. d. Red. geändert), Studentin der sozialen Arbeit, Greenpeace-Aktivistin und seit Tag 40 im Camp. Schließlich gehe es um nicht weniger als darum, einen Wertewandel zu vollziehen. Und „mit einem geilen Post die Welt retten is nunmal nich“, weiß Erik Stenzel.

Also üben sie hier Argumentation, für Eltern und Großeltern beispielsweise. Versuchen, den Forderungen den Schreck zu nehmen, sie als Vorschläge darzubieten. Versuchen, nach und nach immer mehr Einzelpersonen zum Verstehen zu bringen, denn die sagen oft „Was hilft es, wenn ich etwas ändere, wenn doch alle anderen genauso weitermachen?“, knicken ein vor der schieren Übermacht der Hoffnungslosigkeit. Aber „je mehr Individuen sich zusammentun, desto mehr sind es insgesamt“, und diese vielen können sehr wohl etwas ändern. Wenn die Politik nur ein bisschen helfen würde. Natürlich müsse die „sich dem Problem stellen, dass alle Interessen ausgeglichen betrachtet werden und auch wirtschaftlich ein Win-win rauskommt“, sagt Nicola Glück. Aber sie müsse sich eben auch ein Stück weit vorwärtsbewegen, mutig sein. „Das Klimacamp ist ein Brennglas für ein globales Thema“, die zwölf Forderungen „natürlich lokalpolitisch, denn das hier ist unser Lebensraum, und große Städte sind große Emittenten“, also: Dreckschleudern.

Knapp 60 Personen umfasst der Schichtplan im Camp, Zwei-Stunden-Schichten und die Nacht, damit das Lager 24 Stunden besetzt ist. Alle anderen kommen, gehen, machen mit, bringen was, Kuchen und heiße Suppe beispielsweise, ein „toller Partizipationseffekt“, sagt Nicola Glück, und wie zum Beweis fragt eine ältere Dame im Vorbeigehen, „ob der Kuchen denn geschmeckt hat“ und sie „lieber mal was Warmes bringen“ soll. Sie sehen sich als Lobbyist*innen fürs Klima und sind dafür da, „die Menschen auf den Moment vorzubereiten, wenn die Politik etwas entscheiden sollte.“ Denn Veränderung von heute auf morgen, das mag niemand gern. Für politische Entscheidungen braucht es Akzeptanz. Und es entscheidet sich vielleicht leichter, wenn man weiß: Die Leute, die wollen das auch so.

Deswegen machen die das. Mit dem Januar war übrigens der Winter nicht vorbei. Noch lange nicht. Doch Kälte und Schnee gehen.  

Das Camp bleibt. Bis ihr handelt.

 

klimacamp-nuernberg.de

 

OB MARCUS KÖNIG

Ob er die Themen des Camps für realisierbar hält, wie er ihnen gegenübersteht und ob er sich mit ihnen identifizieren kann als Politiker, aber auch als Vater, wollte Camp-Sprecher Erik Stenzel gerne von Nürnbergs regierendem Bürgermeister Marcus König wissen. Wir haben den OB gefragt – und das hat er geantwortet:

„Klima- und Umweltschutz wird uns noch lange beschäftigen und wird uns – nicht nur in der Politik, sondern der gesamten Gesellschaft – auch noch einiges abverlangen. Wir haben bereits wichtige Entscheidungen für ein nachhaltiges Nürnberg getroffen: Im Stadtrat haben wir sowohl einen großen Mobilitätsbeschluss für mehr Radverkehr, ÖPNV und bessere Bedingungen für Fußgänger beschlossen, als auch einen Klimaschutzfahrplan und Ziele für die klimaneutrale Stadtverwaltung. Die Verhandlungen zum 365-Euro-Ticket laufen, auch da haben wir die Maßnahmen angeschoben. Mir ist bewusst, dass das, was die Stadt Nürnberg hier anstößt, dem Klimacamp nicht weit genug und nicht schnell genug geht. Für das, was ich aufgezählt habe, brauchen wir aber zunächst eine politische Mehrheit in den Gremien – und am Ende brauchen wir auch die entsprechenden Mittel. Politik ist eben oft das Bohren dicker Bretter.“

 

WAS KANN ICH SCHON TUN?

Beim Klimacamp mitmachen ist einfach – noch einfacher sind die kleinen Dinge, die jeder tun kann. Auf den Bildern seht ihr ein paar Beispiele.

 

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