So ein Theater!

Mrz 31, 2021 | KULTUR

Mit dem europäischen Kindertheaterfestival „Panoptikum“ und dem Internationalen Figurentheaterfestival hat sich die Region rund um Nürnberg den Ruf einer Kindertheaterhochburg erspielt. Vier Kompanien allein in der Frankenmetropole machen regelmäßig ein ziemliches Theater für den Bühnennachwuchs. Ist das in unserem digitalen Umfeld überhaupt noch zeitgemäß?

Text: Katharina Wasmeier

In jedem Fall, und ja, vielleicht: heute und künftig mehr denn je, da sind sich Wally und Paul Schmidt ganz sicher. Auch wenn beim Gespräch Anfang Februar der Hauch von Zukunft nur ganz sanft durch das Theater „Salz + Pfeffer“ am Nürnberger Plärrer weht, das wie seine Artgenossen tief im Dornröschenschlaf liegt. Keine aufgeregten Wuselklassen, keine schüchternen Neulinge, kein Lachenkreischenwuahwaswirddenngleichpassierenhier? Stattdessen sorgfältig drapierte Puppen im Foyer, Holz- und Pappmaché-Familien auf den Rängen, damit, sagt Wally Schmidt, es nicht ganz so leer aussieht in ihrem Theater, aus dem die Truppe neuerdings die Produktionen streamt. Damit irgendwas passiert, „wir den Kindern irgendwas geben können“, sagen sie, und dass es „einfach nicht mal ansatzweise dasselbe ist.“ 

Seit Mitte der 80er Jahre machen die Schmidts, beide „unendlich alt“ laut eigener Aussage, Theater für Erwachsene und Kinder, allerdings in ganz besonderer Form: Figurentheater, also mit großen, kleinen, lustigen oder schaurigen Puppen, die zu spielen sie sich selbst beigebracht haben. Sie haben ihre Berufe aufgegeben, Touren gemacht und sich Mitte der 90er sesshaft gemacht. Gemeinsam mit den Theatern Pfütze, Mummpitz und Rootslöffel bildet Salz + Pfeffer den Vierklang der kleinen Häuser, die auf die Bühne Stücke für Kinder und den Kindern neue Welten bringen. Jedes auf seine Art, die Schmidts haben eben die Puppen gewählt, weil „Figuren oft nicht so belastet sind wie menschliche Körper, sondern einfacher zu etablieren“, sagt Wally Schmidt und meint, dass man von „Otto, der kleinen Spinne“ als Puppe nun mal besser erzählen kann. Davon, dass so ein kleines Tier auch liebenswert ist, beispielsweise. Denn Wertevermittlung wird in der siebenköpfigen Truppe ganz hoch gehängt. Auch, dass „eine Geschichte für Kinder immer mit Hoffnung endet und nie in Verzweiflung“. 

Ihre Ideen holen sie sich aus Geschichten, Comics und Gedichten, adaptieren Bilderbücher, schreiben Stücke fürs Puppenspiel um, bauen Bühnenbilder und Maschinen und kuriose Ideen in die Szenen, und wenn beim „Zapperdockel und der Wock“ schlimm geweint wird, dann wird schon mal die siebte Reihe nass. Und lustig. Weinen und lustig, wie geht denn das? „Es geht beides, und das lernen die Kinder bei uns. Dass sie fühlen dürfen, dass es okay ist. Diese Akzeptanz, das ist Theater“, sagt Wally Schmidt. Aber kann das nicht auch der Film, können das nicht auch die unzähligen Serien und Episoden, die zu jeder Tageszeit und nachts verfügbar sind, die wir immer dabeihaben können, überall griffbereit? Entführen die uns nicht auch in neue Welten, bringen Spannung und Fiebern und Freude, Erkenntnisse, Werte? Warum braucht es noch Theater? 

 

Weil Film und Fernsehen eine Scheibe, „Theaterstücke hingegen dreidimensional sind“, sagt Paul Schmidt und erklärt, warum das Erlebnis hier „vielleicht nicht besser, aber sicher ganz anders ist“. Besonders. Außergewöhnlich, was damit beginnt, dass man so ein Stück eben nicht angucken kann, wenn man grade möchte, sondern nur, wenn es aufgeführt wird. „Und wenn ich die Aufführung um 17 Uhr verpasse, dann kann ich sie nicht einfach wiederholen. Die ist dann weg“, sagt Wally Schmidt. Wertschätzung, Verbindlichkeit, damit geht es los. Geht weiter mit dem Ernst-genommen-werden: „Wenn die Kinder hier reinkommen, dann ist das ein echtes Foyer mit echtem Kronleuchter und echtem Teppich, ein echtes Erlebnis gleich an der Türe“, sagt Paul Schmidt, das weitergeht, wenn ein Kind später vielleicht neben einem fremden sitzen muss, das laut ist in der

Aufführung. „Da lernen die Kinder, etwas auszuhalten, Fremde zu tolerieren, bauen aber im besten Fall auch Berührungsängste ab“, wenn da plötzlich jemand ist aus einer anderen Schule oder Kultur, dem sie sonst nicht begegnet wären. Und, sagt Wally Schmidt, „ins Theater kommen Kinder aus unterschiedlichsten Lebensverhältnissen – das ist eine große Chance, allen die Möglichkeit zu geben, mit bestimmten Themen in Berührung zu kommen, über Dinge nachzudenken.“

Auch während der Vorstellung sind die Kinder im wahrsten Sinne mittendrin statt nur dabei: Sie können mitfiebern und manchmal auch mitgestalten, werden aktiv einbezogen in die Geschehnisse, die sie unter Umständen gar beeinflussen können. „Hat jemand das böse Krokodil gesehen?“, fragt das Kasperle seit hunderttausend Jahren, und natürlich haben alle Kinderaugen das garstige Tier beim Verstecken beobachtet und helfen nur zu gerne. „Da hinten“, quieken sie dann vergnügt, „hinter der Kiste“, und sind froh und stolz, dem Kasperl helfen zu können. Das schafft das Fernsehen nicht. Es kann nicht Zauberwelten stricken aus Licht und Duft und Seifenblasen, die die Kinder umhüllen und entführen in eine andere Welt. Aber können unsere Jüngsten das noch genießen, dieses Abwarten und Aushalten, die analoge Langsamkeit, die so gar nichts zu tun hat mit schnellen Schnitten, surrealen Animationen und eiligem Wegwischen von Unliebsamem? 

„Ich habe den Eindruck, die Kinder sind heute ganz anders als vor 30, 40 Jahren“, sagt Wally Schmidt. „Sie sind ja auch ständig von äußeren Reizen umgeben, das Alltagsleben ist voller Eindrücke.“ Das habe zum einen zur Folge, dass sie „im Theater Ruhe finden, die sie sonst nicht haben“, nach der sie sich aber sehnen. Zum anderen, sagt Paul Schmidt, „können sie viel schneller Details viel differenzierter wahrnehmen als früher.“ Es sei erstaunlich, welche Bilder und kleinen Nebensächlichkeiten die Kinder nach den Stücken wiederzugeben imstande sind. Und das zeigt ein weiterer Aspekt: „Schaust du einen Film an, entscheidet die Kamera, was du siehst, welchen Bildausschnitt, welche Details. Im Theater entscheidest einzig du ganz individuell für dich selbst, wohin du dein Auge richtest“, sagt Paul Schmidt. 

Was ist also die Antwort? Brauchen wir die Kindertheater noch, dieses Fossil aus alter Zeit, als wir uns noch nicht anders zu zerstreuen wussten, ja, nicht anders zerstreuen konnten? Ist das noch zeitgemäß? „Wann hast du das letzte Mal ein Lagerfeuer im Fernseher angeschaut?“ fragt Wally Schmidt. „Siehst du: Es gibt Dinge, die kannst du nicht am Bildschirm erleben.“ Das ist es wohl.

In Nürnberg und der ganzen Metropolregion gibt es unzählige Angebote, die extra für den Theaternachwuchs inszeniert werden. Oft findet das in Kultureinrichtungen statt, wie im PZ-KulturRaum in Lauf a. d. Pegnitz,manchmal in den großen Erwachsenentheatern wie dem Kulturforum Fürth. Manche Theater sind mobil wie das Erlanger „theaterta“, das überall dorthin kommt, wo ihr es sehen möchtet. Dass es in Nürnberg mit den Theatern Rootslöffel, Mummpitz und Pfütze drei Häuser gibt, die ausschließlich den Kindern gehören, ist ziemlich besonders – und wird derzeit mit einem ungefähr genauen 40. Geburtstag gefeiert.

 

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