SEHENDEN AUGES INS LEBEN – DER OPTIKER ZEIGT DEN WEG

Mrz 31, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Kommt ein Kind auf die Welt, dann ist es mit Urreflexen wie dem Saug- oder Schreireflex und einigen schon sehr gut funktionierenden Sinnen ausgestattet. Das Sehen aber ist noch nicht ausgereift und wird sich erst in den nächsten Lebensjahren entwickeln. Damit das gut läuft, sind die Beobachtung des Kindes und regelmäßige Untersuchungen der Augen notwendig. Gutes Sehen ist essenziell für das Erlernen weiterer Funktionen, wie Laufen lernen und sich im Raum zurechtfinden. Kinder- und Augenärzte helfen, mögliche Sehdefizite aufzudecken.

Text: Sabine Schlicht (Augenoptik-Meisterin)

In den ersten Lebenstagen sieht ein Baby nur Schwarz und Weiß. Die Stelle des schärfsten Sehens im Auge ist noch nicht ausgebildet und somit ist das Farbensehen noch nicht entwickelt. Doch das Baby sieht zumindest grobe Strukturen, denn jetzt sind erst mal zwei Dinge wichtig: die Quelle der Nahrung und das Gesicht der Mutter wahrzunehmen. Jetzt ist die sogenannte „U2“ fällig. Weit- und Kurzsichtigkeiten in der Familie sowie Augenerkrankungen werden abgefragt, denn diese können vererbt werden. Auffälligkeiten des Auges werden jetzt untersucht, das gleichmäßige Schließen der Augen, wie sehen die Pupillen aus? In der vierten bis fünften Lebenswoche wird die „U3“ vorgenommen. Sie klärt Augenreaktionen ab. Kann das Augenpaar horizontal bewegte Gegenstände verfolgen? Wie reagieren die Pupillen bei Lichtreizen? Der Lichteinfall ins Auge wird über das Pupillenspiel geregelt – ein Urreflex, der über das Stammhirn gesteuert wird. Das Pupillenspiel sollte bei beiden Augen gleichmäßig erfolgen. Bei diesem Test wird geprüft, ob die Verbindung vom Gehirn zu den Augen geknüpft ist. 

Ab dem dritten Lebensmonat sollte sich die Fähigkeit entwickelt haben, Gegenstände zu fixieren. Denn nun sind die „Foveas“ (sog. Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut) in beiden Augen entwickelt, das Kind beginnt zudem, farbig zu sehen. Ein vielleicht vor dieser Zeit beobachtetes Schielen eines Auges nach innen sollte nun nicht mehr erfolgen. Beobachten Sie Ihr Kind: Hält es den Kopf ständig schief, ist es sehr lichtempfindlich, und kneift es bei Sonnen- oder grellem Licht ein Auge zu, dann könnte ein sogenannter „Strabismus“ (Schielen) vorliegen, der unbedingt augenärztlich untersucht werden soll. Um sich später in der Krabbelphase im Raum orientieren zu können, ist das gleichwertige Fixieren beider Augen auf Gegenstände sehr wichtig. Wird Schielen nicht behandelt, kann das heranwachsende Kind mit großer Wahrscheinlich kein dreidimensionales Sehen, sondern eine sogenannte „Amblyopie“ (Einäugigkeit) entwickeln. Ungleichsichtigkeiten und Amblyopien verhindern ein beschwerdefreies Sehen. Da meist nur ein Auge am Sehprozess beteiligt ist, kann sich das binokulare, also räumliche Sehen, nicht entwickeln. Kinder ohne ausgeprägtes räumliches Sehen können Abstände sehr schlecht einschätzen. Sie stoßen sich oft, wirken tollpatschig und sind eher ängstlich bei körperlichen Herausforderungen.
Die „U4“ testet auf „Grauen Star“ (Trübung der Augenlinse, frühkindlicher Katarakt) und Ungleichsichtigkeit. Bei einem Grauen Star wird die trübe Augenlinse entfernt und die fehlende Sehstärkenanpassung mit einer Brille oder Kontaktlinsen ausgeglichen. 

Bis zum ersten Lebensjahr entwickelt sich nun die Augenlinse in ihrer Funktion als „Fokussierer“. Jetzt kann das Kind aufrecht sitzen, hat die Krabbelphase hinter sich und beginnt zu laufen. Eine gute Entwicklung des Sehsinnes ermöglicht dem Kind, sich bald selbständig dem Gegenstand des Interesses zu nähern. Für die Orientierung und die Wahrnehmung des eigenen Standortes im Raum sind nun alle Funktionen der Augen notwendig: Scharf sehen in allen Entfernungen (Akkommodation), Bewegungen wahrnehmen und mit den Augen verfolgen können (peripheres Sehen und Vergenzen). 

Die Augen dienen als Vermittler, ähnlich wie Fenster, die Ausblicke in die Welt gewähren. Lichtreize werden als elektrische Impulse durch die Sehnerven in das Sehzentrum weitergeleitet und dort schließlich zu Bildern verarbeitet. Das Gehirn ist in der Lage, visuelle Defizite auszufüllen. Dafür sind die kognitiven Entwicklungsstadien des Kindes von großer Bedeutung. Mit Sensorik (Fühlen) und Motorik (Greifen) wird die eigene kleine Welt erkundet und wahrgenommen. Das passiert in den ersten zwei Lebensjahren und bildet den Grundstock für die Entwicklung des Denkens und der späteren Fähigkeit, kreativ zu handeln. Deswegen wird auf Hand-Augen-Koordination großer Wert gelegt. Mit der „U7“ im zweiten Lebensjahr kommt die Untersuchung der Kopfstellung dazu. Wenn sich das Sehen gut entwickelt hat, sind keine Schiefstellungen des Kopfes zu erkennen. Ungleichsichtigkeiten und Amblyopie (Einäugigkeit) könnten nämlich Ursache dafür sein.

Warum nun sind die ersten Lebensjahre für die Sehentwicklung des Kindes so wichtig? Und wie können Defizite erkannt werden? Bei der Einschulung des Kindes ist die Sehentwicklung schon sehr weit vorangeschritten. Nicht aufgedeckte Sehdefizite kommen oft in diesem neuen Lebensabschnitt zutage. Die Sehanforderungen ändern sich. Der Blickwechsel auf die Tafel in der Ferne und die Lernvorlage auf dem Tisch erfordert einen reibungslosen Vorgang der Akkommodation und der Vergenz der Augen. Wurden Defizite vom Kind bisher erfolgreich ausgeglichen, kann das jetzt ein großes Problem werden. Ermüdung, Kopf- und Augenschmerzen, Unkonzentriertheit, Unruhe, Träumerei, Unlust zu malen, schlechtes Schreibbild usw. sind zu beobachten. Was können Sie unternehmen? Beobachten Sie Ihr Kind und wenden Sie sich an den Augenarzt, Orthoptisten, erfahrenen Kinderoptometristen oder Funktionaloptometristen. Augenarzt und Orthoptisten untersuchen Augenkrankheiten, Optometristen decken physikalische Sehabweichungen auf und arbeiten z. B. eng mit Ärzten, Neurologen, Physiologen und Physiotherapeuten, Logopäden, Lehrern und Erziehern zusammen. 

 

„Die Frühentdeckung von Augenerkrankungen und die sichere Begleitung der Sehentwicklung beim Kind sind die vielleicht wichtigsten Aufgaben von Augenärzten. Nur in den ersten Lebensjahren bilden sich entscheidende Verknüpfungen (Synapsen) im Gehirn des Menschen, die eine vollständige Sehfähigkeit für den Rest des Lebens ermöglichen. Bleiben Sehfehler oder Erkrankungen des Auges in diesem Zeitraum unentdeckt, bestehen kaum noch Therapiemöglichkeiten, um die Sehfähigkeit zu verbessern. Das Resultat ist dann eine sogenannte Schwachsichtigkeit (Amblyopie). Besonders Kinder, deren Eltern an Sehstörungen (Fehlsichtigkeiten, Schielen und dergleichen) leiden, sollten in den ersten Lebensjahren augenärztlich untersucht werden. Grundsätzlich sollte aber jedes Kind in den ersten Lebensjahren für eine detaillierte Untersuchung beim Augenarzt vorstellig werden.“
(Dr. med. Markus Kraska, AOK Bayern)

 

www.kindundsehen.de

X