JENAPLAN-GYMNASIUM NÜRNBERG – LEHR- UND FAHRPLAN FÜRS LEBEN

Mrz 31, 2021 | BILDUNG UND ERZIEHUNG

„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Boah! Welcher Schüler rollt bei diesem ollen Spruch nicht mit den Augen? Obwohl die Idee an sich ja nicht schlecht ist. Am Nürnberger Jenaplan-Gymnasium (JPG) findet man sie gar brandaktuell und hat sie zum Programm gemacht. Denn hier geht es neben Mathe, Deutsch und Co. auch um das Vermitteln von Schlüsselkompetenzen, die junge Leute tatsächlich in der modernen Welt da draußen brauchen.

Text: Manuela Prill

Bernd Beisse in der Mensa

„Wer jetzt gerade Jura studiert, für den sind die Jobaussichten ganz schlecht.“ Bernd Beisse lässt den Satz ein paar Sekunden im Raum stehen. Was er damit sagen will? Kurz zur Erklärung vorab: Bernd Beisse ist Vorstandsmitglied der Genossenschaft Jenaplan-Gymnasium Nürnberg eG und gehört zu den Eltern, auf deren Initiative hin die Schule vor rund zehn Jahren gegründet wurde. Das Bild vom joblosen Jurastudenten wählt er als Symbol dafür, wie rasend schnell sich unsere Arbeits- und Lebenswelten heutzutage verändern. Gestern sah man sich noch in einem ganz bestimmten Berufsfeld, morgen sind vielleicht ganz andere Fachgebiete und Fähigkeiten gefragt. Und dann? „Die einzige Antwort darauf: Die Menschen müssen dafür selbst eine Lösung finden“, sagt Beisse. Und das könnten diejenigen am besten, die flexibel und kreativ genug sind, sich neuen Gegebenheiten anzupassen und eigene Ideen zu entwickeln. Oder die gelernt haben, zu agieren statt passiv zu bleiben. „Die Wissenschaft nennt das ‚Future Skills’“, erklärt Bernd Beisse. Also Fähigkeiten, ohne die man in einer digitalisierten Zukunft schnell abgehängt wäre. „Eine Schule muss darauf vorbereiten“, ist man am JPG Nürnberg überzeugt und hat das Schulkonzept dahingehend weiterentwickelt. Neben der Vorbereitung auf das Abitur liegt der Fokus seit einigen Jahren auch verstärkt auf dem Vermitteln von Schlüsselkompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Kreativität, Mut, Eigenverantwortlichkeit, Flexibilität, Team- und Unternehmergeist. Und wie geht das? Das Konzept setzt sich aus fünf Modulen zusammen. Erstens: „MY.PROJECT“. Jeder Schüler kann sich in Werkstätten und Wahlfächern ausprobieren und Neues entdecken, „ob Sport, Kunst, Oboe oder Nähen – egal was“, meint Beisse. Rund 50 verschiedene Möglichkeiten gibt es. Aktuell ist zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Studenten der Friedrich-Alexander-Universität ein IT-Projekt entstanden. Das zweite Modul heißt „connected classroom“ und steht für die Digitalisierung der Klassenzimmer und das Arbeiten mit allen modernen Kommunikationskanälen, was hier nicht erst seit Corona umgesetzt wird. Drittens: „united by language“ – vereint durch Sprache. Das bedeutet: Jeder Schüler spricht zweimal die Woche mit anderen Schülern auf der Welt Englisch. Das Jenaplan-Gymnasium ist mit Schulen in Frankreich, Italien und den USA vernetzt.  „Es geht nicht darum, dass jemand die Grammatik perfekt beherrscht“, so Beisse. Es gehe um Praxis und um das Sich-Trauen. Auch eher schüchterne Jugendliche sollen dadurch mitgenommen und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Dazu passt das vierte Modul: „learn by experience“. Durch nichts lerne man mehr als durch eigene Erfahrungen. Schüler der Mittelstufe stellen sich einmal im Jahr besonderen Herausforderungen: Baue eine Webseite! Mache eine Umfrage in der Fußgängerzone! Ein Lerneffekt dieser Challenges: Ich kann mehr, als ich mir zutraue! Fünftens: „learn to lead“. Als Tutoren schlüpfen die Lernenden in die Rolle der Lehrenden, übernehmen aktiv Verantwortung und schulen dabei wichtige kommunikative Kompetenzen.

All das ist eingebunden in die Rahmenbedingungen der Jenaplan-Reformpädagogik, die der Erziehungswissenschaftler Peter Petersen Ende der 1920er Jahre an der Universität Jena begründete. Sein Ziel war es, eine Schulform zu entwerfen, in der Kinder individuell und ohne Druck gefördert werden. Noten gibt es bis zur zehnten Klasse nicht, stattdessen ein umfangreiches Feedbacksystem. Zudem werden die Schüler durch einen Lerncoach begleitet, der dabei hilft, individuelle Lernstrukturen zu entwickeln. Zum Personal am JPG Nürnberg gehören neben Lehrern auch Sozialpädagogen. Gelernt wird alters- und jahrgangsübergreifend in Stammgruppen. Erst ab der Oberstufe mit der Abiturvorbereitung kommen Zensuren dazu. Eine der häufigsten Fragen von Eltern: Kommen die Jugendlichen mit der Umstellung klar? Sind sie ausreichend auf die staatlichen Abiprüfungen vorbereitet? Der Lehrplan des Kultusministeriums ist auch für Jenaplan-Schulen verpflichtend. Probleme mit der Notenumstellung scheint es kaum zu geben. Nach eigenen Angaben hatten bislang 98 Prozent der Nürnberger Jenaplan-Gymnasiasten am Ende die allgemeine Hochschulreife in der Tasche. 

 

Steckbrief:

Jenaplan-Gymnasium Nürnberg
Herderstraße 5-9
>> jenaplangymnasium.de

Zweig: Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Gymnasium
Form: Ganztagsschule
Schulgeld: 460 Euro/Monat, Geschwisterkinder 360 Euro
Eltern: werden als wichtiger Teil der Schulfamilie gesehen und sind durch Arbeitsgemeinschaften und Projekte eng ins Schulleben integriert

Weitere Schulen mit Jenaplan-Pädagogik in Franken:

Jenaplan-Grundschule Nürnberg
>> jenaplan.org

Jenaplan-Schule Würzburg
Grund-, Mittel- und Realschule
Kleinkinder- und Kindergartengruppen
>> jenaplan-schule-wuerzburg.de

 

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