Von wegen nur Hopsasa und Tralala 

Feb 22, 2021 | HELDENREICH

Emilia Castaneda schwingt das Tanzbein problemlos in schwindelerregende Höhen. Hoch hinaus ist überhaupt ihre Richtung. Schon mit zehn stand sie ganz oben auf dem Siegertreppchen und holte sich den Deutschen Jugend-Meistertitel der Tanzmariechen. Auf dem Boden geblieben ist die inzwischen 13-Jährige trotzdem. Dank Mama, hartem Training und einer gesunden Portion Selbstkritik.

Text: Manuela Prill

Ein Schleswig-Holstein-Quiz? Echt jetzt? Emilia lacht und rollt gleichzeitig die Augen, als sie die kleine Anekdote von ihrer Siegerehrung 2018 erzählt. Klar kriegt man als frisch gebackene Deutsche Meisterin auch einen Pokal und eine Urkunde, die man stolz in die Höhe strecken kann. Aber es gibt auch oft kleine Extra-Geschenke, in ihrem Fall leider eben nur ein olles Spiel. Wie gesagt, Emilia amüsiert das eher. Überhaupt lacht sie viel, als wir sie zum Gespräch treffen. Von Abgehobensein ist rein gar nichts zu spüren. Dabei hätte sie schon den ein oder anderen Grund dazu. „Ein Ausnahmetalent“ nennt sie Cheftrainerin Ruth Angermeyer von der Nürnberger Karnevalsgesellschaft „Buchnesia“. Und ja, auch bei dem Wort „Star“ nickt Angermeyer zustimmend. Es gibt Fotos von Emilia mit Bundesministerin Franziska Giffey, weil sie letztes Jahr beim Jugendempfang des Familienministeriums in Berlin getanzt hat. Fragt man, wie es ist, bei „Fastnacht in Franken“ in Veitshöchheim auf der Bühne zu stehen, wohl wissend, dass nicht nur die Politikprominenz Bayerns im Publikum sitzt, sondern auch ein paar Millionen am Fernseher zuschauen, meint sie nur: „Das ist schon sehr aufregend und ein cooles Gefühl, da mitzutanzen.“ Was sie dabei aber am meisten beschäftigt: „Hoffentlich mache ich nichts falsch.“ Wenn das Tanzbein doch ein Zentimeterchen zu niedrig war, ein Schrittchen daneben ging, dann ärgert sich die 13-Jährige. Immer gut, nein, besser sein zu wollen, ist offenbar ihr natürlicher Antrieb. Krampfhaft ehrgeizig wirkt sie trotzdem nicht. Ihre Überzeugung: „Man darf den Spaß und die Freude daran nicht verlieren.“ Ein verbissenes Tanzmariechen würde wohl auf der Bühne auch nicht so glaubhaft diesen fröhlichen Esprit versprühen. Dass die kleine Überfliegerin bei allem Erfolg die Bodenhaftung behält, darauf hat Mama Angelika ein Auge: „Mir war es immer wichtig, dass sie nicht abgehoben wird.“ Der Zusammenhalt im Verein tut sein Übriges dazu. „Wir helfen uns gegenseitig hinter der Bühne beim Schminken oder Haare flechten“, erzählt Emilia. „Auch Solisten brauchen ihr Team“, betont die Trainerin. 

Für das Publikum mögen Funkenmariechen-Auftritte ein paar Minuten schmissige Unterhaltung sein, ein hübsch anzusehendes, beschwingtes Hopsasa und Tralala. Für die Tänzerinnen bedeutet es monatelange harte Arbeit. Emilia tanzt, seit sie drei Jahre alt ist. Sie ist die jüngste von vier Schwestern, eine davon war ebenfalls im Gardetanz aktiv. Auch die Mama war Gardetänzerin und betreut heute die „Buchnesia“-Gruppen bei Veranstaltungen. Mit sechs Jahren hat ihre jüngste Tochter gemeinsam mit der Garde bei ersten Wettkämpfen mitgetanzt und Titel gewonnen, parallel ging es auch mit der Solokarriere bergauf. Emilia trainiert dreimal die Woche, jeweils drei Stunden lang – wenn die Corona-Beschränkungen es zulassen. Die Lockdowns im Frühjahr und Herbst 2020, die Absage einer kompletten Faschingssaison, „das war schon ein Schlag ins Gesicht“, sagt sie. Kein Training, keine Auftritte, keine Turniere, kein Ziel. „Da habe ich schon ab und zu darüber nachgedacht, ob ich aufhören soll.“ Hat sie aber nicht; stattdessen beschloss sie, so gut es geht, zu Hause zu trainieren und dranzubleiben. Für das Tanzen musste die junge Oberasbacherin schon immer Kompromisse eingehen. Hat Einladungen zum Kindergeburtstag oder Treffen mit Freunden ausschlagen müssen, weil die meisten Nachmittage für die Turnhalle reserviert sind. Trotz gutem Notenschnitt entschied sie sich für die Realschule statt fürs Gymnasium. „Ich lerne nicht so gerne, das wäre viel zu stressig gewesen“, grinst sie. Was die Trainerin an ihr schätzt: „Emilia hat den Kopf immer bei der Sache und eine enorme mentale Kraft.“  Und sie selbst? „Ich bin eine ganz normale Person und nicht perfekt. Und ich beiße nicht“, sagt sie und lacht schon wieder. Manche ihrer jungen Instagram-Follower fragen schüchtern nach Tipps oder wollen wissen, wo die tollen Kostüme her sind. Emilia freut das, „es ist schön, ein Vorbild zu sein“, meint das Ausnahmetalent. Über Social Media hat sie aber auch schon fiese Bemerkungen und Neid abbekommen, sie wird ernst, wenn sie davon erzählt. So etwas trifft, „besonders wenn es anonym ist“. Runterziehen lassen will sie sich davon nicht, das ist auch hier nicht ihr Kurs. Sportlich gesehen möchte Emilia auf jeden Fall noch weitere Siegertreppchen erobern. Und beruflich? Da träumt die 13-Jährige – ganz teenager-like – in viele Richtungen: Lehrerin, Synchronsprecherin, oder vielleicht doch was Handwerkliches. Und in Tokio würde sie gern mal leben, weil sie japanische Anime-Filme und Cosplays liebt. Passt zu ihr – weit weg ist ja auch irgendwie eine Form von hoch hinaus.

 

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