Volkskrankheit Depression – auch bei Kindern und Jugendlichen?

Feb 22, 2021 | GESUNDHEIT UND FITNESS

Ein Experte gibt Auskunft über Häufigkeit und Symptome

Interview: Barbara Lager (Klinikum Nürnberg)

Traurigkeit gehört zum Leben dazu – auch zu dem von Kindern und Jugendlichen. Jeder Mensch verarbeitet auf seine Weise Verluste, Enttäuschungen und erlebte Traumata. Bei manchen Kindern und Jugendlichen entstehen daraus Depressionen. Und genau hier liegt das Problem: Die Erkrankung äußert sich ganz anders als Depressionen bei Erwachsenen. Das macht die Diagnose schwierig, vielfach bleibt eine Depression unentdeckt. Zum Teil mit gravierenden Folgen für die jungen Patienten. Worauf Eltern und andere Betreuungspersonen achten können, erklärt Dr. Patrick Nonell, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter.

 

Dr. Nonell, wie häufig sind Depressionen bei Kindern und Jugendlichen?

Wie bei Erwachsenen auch, zählen Depressionen bei Kindern und Jugendlichen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Im Vorschulalter, also zwischen drei und sechs Jahren, sind circa ein Prozent der Kinder betroffen, im Grundschulalter zwischen sieben und zwölf Jahren schon etwa zwei Prozent. Aktuell erkranken etwa drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren an einer Depression. 

 

Gibt es Altersunterschiede bei den Symptomen der Depression?

Eindeutig ja. Je jünger die Patienten sind, umso mehr unterscheiden sich die Symptome von denen, die Erwachsene mit der Diagnose Depression aufweisen. 

Bei Kleinkindern typisch sind zum Beispiel vermehrtes Weinen, ein besonders ausdrucksarmes Gesicht, erhöhte Reizbarkeit oder Überanhänglichkeit. Auch sogenanntes selbststimulierendes Verhalten kommt häufig vor, wie das Schaukeln des Körpers oder exzessives Daumenlutschen. In der Gemeinschaft mit anderen Kindern fallen außerdem häufig Teilnahmslosigkeit, Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten oder ein gestörtes Essverhalten auf. 

Bei Vorschulkindern sehen die Symptome schon etwas anders aus. Sie sind häufig leicht irritierbar, stimmungslabil oder auffallend ängstlich, zeigen deutlich weniger Mimik und Gestik, können sich nicht mehr über Dinge freuen. Generell werden depressive Vorschulkinder häufig teilnahmslos, ziehen sich zurück und haben immer weniger Interesse an Bewegung. Ein Warnzeichen ist immer der Verlust der Spielfreude. Dazu kommen oft noch innere Unruhe und Gereiztheit, manchmal aggressives Verhalten und auch hier Ess- und Schlafstörungen. 

Schulkinder können ihre Gefühle und Gedanken differenzierter ausdrücken als jüngere Kinder. Daher berichten einige von selbst über Traurigkeit. Zusammen mit Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen, dem rapiden Abfall schulischer Leistungen oder deren starker Schwankung, allgemeiner Ängstlichkeit und Zukunftsangst liegt die Diagnose Depression dann nahe. Auch unangemessene Schuldgefühle oder unangebrachte Selbstkritik, Hemmungen in Bewegungen, eine in sich versunkene Haltung, Appetitlosigkeit und (Ein-)Schlafstörungen treten bei Schulkindern häufig auf. Absolutes Warnsignal sind bereits in dieser Altersgruppe Suizidgedanken, die unbedingt ernst genommen werden müssen. Sobald ein Kind solche Gedanken oder Ideen äußert, sollten die Eltern dringend psychologische oder psychiatrische Hilfe für ihr Kind in Anspruch nehmen.

Jugendliche zeigen die komplexesten Symptome – vor allem, wenn man diese Symptome zu normalen Ausprägungen der pubertären Entwicklung abgrenzen möchte. Denn Grübeleien, Gereiztheit, Verschlossensein und das Infragestellen von bekannten Wertesystemen gehört zu diesem Entwicklungsschritt dazu. Werden diese Symptome aber stärker, kommen vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel, Ängste, allgemeine Lustlosigkeit und ein genereller Konzentrationsmangel dazu, sollte das Eltern und Betreuer hellhörig machen. Vor allem, wenn zu den psychischen auch psychosomatische Beschwerden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Gewichtsverlust oder -zunahme und Schlafstörungen dazukommen. Auch Drogenkonsum kann ein Hinweis auf eine Depression sein. 

Jugendliche mit Depressionen sind anfällig für tageszeitabhängige Schwankungen ihres Befindens und ihrer Leistungen, häufig leiden sie unter dem Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Die Folge davon ist oft der soziale Rückzug, die Selbstisolation. 

Beobachten Eltern und Betreuer dieses Verhalten, sollten sie zusammen mit dem oder der betroffenen Jugendlichen einen Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychologen aufsuchen. Fachleute können sicher eine normale von einer gestörten Entwicklung unterscheiden. 

 

Was ist die größte Gefahr einer unbehandelten Depression?

Bei Jugendlichen besteht bei Depression ein bis zu 20-fach erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten (Suizidversuch/vollendeter Suizid). Neben psychischen Erkrankungen sind ein früherer Suizidversuch, entsprechende Erfahrungen im Freundes- und Familienkreis und negative Lebensereignisse weitere Risikofaktoren. Deshalb ist es sehr wichtig, jede Suizidankündigung oder jeden Suizidversuch sehr ernst zu nehmen, anzusprechen und jugendpsychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

 

Gibt es bei Suizidversuchen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Die Hauptrisikogruppe für Suizidversuche sind Mädchen und junge Frauen. Begehen allerdings Jungen einen Suizidversuch, versterben sie im Vergleich zu Mädchen dreimal so häufig daran. 

 

Worauf können Eltern besonders achten, um eine Depression bei ihrem Kind zu erkennen?

Eltern kennen ihre Kinder meistens am besten. Verhaltensänderungen ohne erkennbare Ursache, langanhaltende „Launen“, Leistungsabfälle, Schlaf- oder Essstörungen können auf eine Depression hindeuten. Im Zweifelsfall sollten Eltern lieber einmal zu oft mit ihrem Kinderarzt über diese Beobachtungen sprechen. Dieser wird ihnen weitere Schritte und Beratungsstellen empfehlen oder sie gegebenenfalls zum Kinder-Psychiater oder Kinder-Psychologen überweisen. 

 

Wie werden Depressionen bei Kindern und Jugendlichen behandelt?

Meistens können Depressionen bei Kindern und Jugendlichen ambulant behandelt werden. Bei schweren depressiven Episoden mit Suizidgedanken kann aber auch eine stationäre Behandlung angeraten sein. 

Am Anfang jeder Behandlung steht immer eine alters- bzw. entwicklungsgerechte Aufklärung des Kindes oder des Jugendlichen sowie der Eltern über die Erkrankung. Es wird versucht, im Rahmen einer Psychotherapie den Auslösern der Depression auf den Grund zu gehen und diese belastenden Faktoren so weit wie möglich auszuschließen oder zu reduzieren. In diese Therapie werden die Eltern und manchmal weitere Bezugspersonen mit einbezogen. 

Je nach Ursache und Ausprägung der Depression werden die jungen Patienten auch mit Pharmakotherapie, also Medikamenten, behandelt. 

Liegt eine Ursache der Depression in der familiären Konstellation, können Interventionen in der Familie, gegebenenfalls einschließlich einer Familientherapie, stattfinden. 

 

Diagnose Depression: Wie lernen Eltern und Patienten, mit der gesellschaftlichen Stigmatisierung umzugehen?

Wichtig ist, sich nicht zu schämen oder zu verstecken. Denn für eine erfolgreiche Therapie ist es wichtig, dass Eltern und – mit dem Einverständnis des betroffenen Kindes oder Jugendlichen – auch Lehrer und andere wichtige Bezugspersonen einbezogen und informiert werden. Nur so können alle im Umfeld angemessen reagieren und dazu beitragen, das Selbstbewusstsein der Betroffenen nachhaltig zu stärken. Für Eltern kann es hilfreich sein, spezielle Elterngruppen zu besuchen. Hier können sie sich mit anderen betroffenen Eltern austauschen und erfahren viel darüber, wie sie ihr Kind richtig unterstützen können.

 

Dr. Patrick Nonell Chefarzt der Klinik Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kindes- und Jugend- alter

 

Klinikum Nürnberg

Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie im Kin- des- und Jugendalter

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