Teil 2: Ein Rahmen aus Geborgenheit

Feb 17, 2021 | TITELTHEMA

„Rituale sind Heimat“

Sagt Diplom-Sozialpädagogin und Paar- und Familientherapeutin Kira Preußing. Egal ob es die kleinen Gewohnheiten im Alltag sind oder feierlich zelebrierte Traditionen – Rituale geben Halt und können uns von klein auf prägen. Und sie sind eine große Unterstützung, wenn es darum geht, das Familienleben zu erleichtern.

Interview: Manuela Prill

Warum sind Rituale für Kinder wichtig?

Das hat unterschiedliche Gründe. Zuallererst geben sie Orientierung und Sicherheit. Das ist für Kinder etwas ganz Wichtiges, überhaupt für die ganze Familie. Durch Rituale gewinnen wir einen vertrauten Rahmen, der unser Leben strukturiert: Den einzelnen Tag, die Woche, aber auch das ganze Jahr. Rituale schaffen eine emotionale Verbundenheit, ein Wir-Gefühl. Sie setzen Grenzen, die uns geborgen sein lassen, und können sogar so kraftvoll sein, dass sie die körperliche und psychische Gesundheit von Kindern positiv beeinflussen. 


Kann man Rituale initiieren oder sind sie etwas, was sich von selbst entwickelt?

 

Sowohl als auch. Man kann Rituale sehr gut initiieren. Wichtig ist, dass ihre Umsetzung für alle Familienmitglieder gut realisierbar und für alle wohltuend ist. Ritualen, die sich von selbst entwickelt haben, sind wir uns hingegen manchmal gar nicht mehr bewusst. Wir empfinden sie als Gewohnheiten, die unser Leben selbstverständlich mitbestimmen: Sei es die feste Sitzordnung am Mittagstisch oder das Benutzen der immer gleichen Lieblingstasse. Über diese Alltagsdinge denken wir nicht ständig nach, doch schlussendlich sind auch diese von ganz besonderer Bedeutung.

Ab welchem Alter brauchen Kinder Rituale?

Rituale sind schon für die Kleinsten wichtig, so dass es gut ist, diese bereits von Geburt an einzuführen. Das können Lieder, kleine Fingerspiele, Kuscheleinheiten oder das regelmäßige Aufziehen einer Spieluhr sein. Wenn die Kinder etwa fünf Monate alt sind, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, feste Bettgehzeiten einzuführen, und Abendrituale gewinnen an Bedeutung. Die Kleinen können sich daran orientieren, sie lernen, aha, das Licht wird abgedunkelt, es wird leiser gesprochen, Mama oder Papa singen ein Gute-Nacht-Lied vor – der Tag ist zu Ende und es ist an der Zeit zu schlafen. 


Wie viel Konsequenz braucht ein Ritual? Ist es schlimm, mal nicht abends vorzulesen?

Wenn ein Ritual stabil genug ist, verträgt es eine Ausnahme. Es ist durchaus möglich, auf das allabendliche Vorlesen zu verzichten, wenn man beispielsweise lange unterwegs war und entsprechend spät nach Hause kommt.


Kann man sich Rituale in der Erziehung zunutze machen?

Ganz sicher sogar! Rituale können die Erziehung und das Zusammenleben maßgeblich erleichtern. Wenn Kinder in einer bestimmten Situation wissen, dass diese einem Ablauf folgt, dann müssen Dinge nicht immer wieder hinterfragt und jeden Tag neu diskutiert werden. Insofern tun sich Eltern etwas Gutes, wenn sie Rituale initiieren und sich um eine möglichst konsequente Umsetzung bemühen. 

Gibt es ein Zuviel davon?

Was zählt, ist ein gesundes Gleichgewicht. Natürlich braucht es auch Spielräume, um zu sagen, heute essen wir nicht am Tisch, heute bestellen wir eine Pizza und schauen zusammen einen Film. Rituale sollen Spaß machen, es darf keine Zwanghaftigkeit entstehen. Jedes Familienmitglied braucht auch Freiräume, die es nach eigenem Belieben gestalten kann –  um sich dann wieder über gemeinsame Rituale miteinander zu verbinden.

Wie sehr prägen uns Rituale auch später?

Ich bin davon überzeugt, dass das Bedürfnis nach Ritualen in uns angelegt und ein Leben lang von Bedeutung ist. Je früher wir Rituale in das Leben unserer Kinder integrieren, desto prägender und nachhaltiger ist ihre Kraft und Wirkung. 

In der Pubertät werfen Jugendliche Liebgewonnenes aus Kindertagen aber gerne mal über Bord.

Im Jugendalter ist es sicher schwieriger, an Ritualen festzuhalten: In dieser Zeit spielt die Abgrenzung von den Eltern eine zentrale Rolle und kann eine Distanzierung von Familienritualen automatisch mit sich bringen. Ich denke dennoch, dass wir das, was tief in uns verankert ist, nicht so einfach fallenlassen. Die Sehnsucht nach Altem und Vertrautem bleibt und gewinnt später wieder an Bedeutung. Ich bin oft erstaunt, wie lebendig Erwachsene von ihren Kindheitsritualen erzählen. Wir tragen diese Erfahrungen in uns, sie schenken uns Wurzeln und sind Heimat.  


Obwohl der Begriff ja etwas altmodisch klingt – sind Rituale in unserer hektischen Zeit nicht wichtiger denn je?

Ich finde schon. Das ist auch die Erfahrung, die ich in meiner Arbeit mit Familien häufig mache. Besonders in unserer schnelllebigen Zeit sind Rituale essenziell. Sie schenken Halt, gleichzeitig geben sie uns die Möglichkeit, zu entschleunigen und uns neu zu fokussieren. Zusätzlich zu all den Herausforderungen unseres oft hektischen Alltags ist unser Leben aktuell durch die Corona-Pandemie geprägt. Es ist eine Zeit, die viele Veränderungen mit sich bringt, die Vertrautes in Frage stellt, die uns ungewiss und auch ein Stück weit machtlos sein lässt. Umso bedeutsamer ist es meiner Meinung nach, dass wir uns ganz besonders in diesen Tagen von Ritualen tragen und sie in unserem Leben wirken lassen.

 

Sind Rituale auch für Eltern ein gutes Mittel, ihre Paarbeziehung zu stärken?

Auf jeden Fall! Elternschaft kann eine Partnerschaft ins Wanken bringen, deshalb können Rituale hier sehr hilfreich und bedeutsam sein. Besonders in der jungen Elternschaft, dann, wenn gerade ein Baby geboren wurde und der Fokus fast ausschließlich darauf liegt, dessen Bedürfnisse zu stillen, muss man sich als Paar neu finden. In dieser bewegenden und emotionalen Zeit ist es umso wichtiger, liebevolle Rituale zu schaffen, kleine Inseln im Alltag, auf denen wir innehalten und uns als Paar erleben können. Und sei es nur, indem wir uns einmal am Tag ganz bewusst fest umarmen.

Interview: Manuela Prill

Kira Preußing (40) ist Dipl.-Sozialpädagogin sowie Systemische Paar- und Familientherapeutin und arbeitet in der Schwangerschaftsberatungsstelle Zentrum Kobergerstraße in Nürnberg.
>> zentrum-koberger.de

 

 

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