Teil 1: Ein Rahmen aus Geborgenheit

Feb 17, 2021 | TITELTHEMA

FÜR VIELE INDIGENE VÖLKER WIE AUCH DIE TUPI-GUARANI IN MANAUS, BRASILIEN, WIRD DAS LEBEN DURCH RITUALE GELEBT.
„In einer Zeit, in der globale Monokultur die kulturelle Vielfalt aushöhlt, sind die unterschiedlichen Feste und Rituale indigener Völker eine Erinnerung daran, wie verschieden die Einsichten und Prioritäten von Menschen sein können und welch vielfältige – und erfolgreiche – Lebenswege sie wählen.“

 

Große Feste und kleine Momente, wenn Onkel Heinz immer den Braten aufschneidet und ich mir abends den Wohlfühltee aufgieße – Rituale halten uns zusammen. Als Gesellschaft. Als Familie. Als Individuum. Wie sehr, merken wir oftmals erst, wenn sie nicht mehr da sind. 

Text: Katharina Wasmeier 

Soziologin Dr. Marie-Kristin Döbler

Es war ein seltsames Gefühl im Frühjahr. Von irgendwie beklemmt sein, irritiert. Unaufgeräumt. Unwohl allemal. Von einem Tag auf den anderen sollte nicht mehr passieren dürfen, was gänzlich naturgemäß, allerorts und immerzu dazugehörte: Menschen treffen, begrüßen und dabei – berühren. Im natürlichen Prozess vollkommen ausgebremst, fühlten sich die schönsten Begegnungen an wie flügellahm, es fehlten Brückenschlag, Kontakt im worteigensten Sinn. „Und hieran kann man sehen, wie wichtig Rituale für uns im Alltag, wie zentral sie für unser ganzes Leben sind“, legt Soziologin Dr. Marie-Kristin Döbler den Finger in die Wunde. „Wenn uns solche vermeintlich unbedeutenden, alltäglichen Handlungen schon so aus der Bahn werfen, wenn das also die Basis ist, wie wichtig mögen dann die größeren Rituale wohl erst sein?“ Beisetzungen und Gute-Nacht-Geschichten, gemeinsame Mahlzeiten oder Begrüßungsformen – der Vollzug bewusster Handlungen und ritueller Praktiken geht Hand in Hand mit der Menschwerdung. Denn das Ritual – oft in Traditionen* der Kulturgemeinschaft – gibt dem Menschen ein Gefühl von Sicherheit, Gewissheit und Kontinuität. Rituale er- und bezeugen aber auch soziale Verbindungen – freundschaftliche, familiäre Beziehungen etwa – und Gruppenzugehörigkeit. Gemeint ist damit einerseits die Möglichkeit, Teil einer Gruppe zu werden oder zu sein, indem ich deren Rituale annehme und praktiziere – oder eben nicht. „Andererseits geht es auch um das Herstellen der Gruppe selbst und das Darstellen des Zusammenhalts sowie der Zugehörigkeit.“ Wie seltsam manch Familienritual auf Außenstehende wirken mag, wird oft erst deutlich, wenn ein Gast, ein neuer Partner zu Besuch ist und – unbewusst – den ungeschriebenen Hierarchien, Praktiken und Rollen nicht entspricht. „Das verursacht Irritationen und kann zu Konflikten führen – oder zu einer Öffnung“, beschreibt Dr. Döbler eines der Merkmale der Rituale: deren Wandlungsfähigkeit. „Rituale sind adaptierbar, müssen wandlungsfähig sein, sonst hat man ein Korsett aus Zwängen, das mehr Probleme schafft als löst.“ Die sprichwörtlichen Alten, die Konservativen – wenn plötzlich die Enkelin das Fass anzapft und nicht mehr Opa, muss man das aushalten. Im besten Fall: wohlwollend. Weil Rituale wiederholbar sind, geben sie eine Sicherheit, etwas zu prognostizieren, bieten Verlässlichkeit, bestätigen gleichwohl die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft und auch sich selbst als Individuum. Gewissheit, Verlässlichkeit, Planbarkeit – wie sehr wir angewiesen sind auf diese nur scheinbar antiquierten Inhalte, zeigt uns die jüngste Vergangenheit. „Rituale strukturieren das soziale Leben, sowohl den Tagesablauf als auch den Jahresalltag“, erklärt Dr. Marie-Kristin Döbler. Wenn wir das nicht haben, schwimmt alles so durch. Kein Urlaub, der geplant, kein Fest, auf das sich vorbereitet, keine kollektive Erinnerung, von der gezehrt werden kann. Keine Zäsur im Homeoffice. Die Tage gleichen sich, die Zeit verrinnt ohne Höhepunkte. Rituale stiften nicht nur Frieden und Gemeinschaftsgefühl, sondern „schaffen Außeralltäglichkeit. Sie dienen der Besonderung, durchbrechen den Trott.“ Dabei muss es nicht der große Wurf sein, es reicht schon, ein Abendessen als Besonderheit zu inszenieren, oder bewusst gemeinsam eine Serie anzuschauen als fixer Termin, der in bestimmter Weise in Wochen- oder Tagesabläufe eingepasst wird, so dass das Abendessen früher beginnt als üblich; Rituale haben etwas mit Aufmerksamkeit zu tun, mit einem gewissen aktiven Tun, einer Rahmung. Wichtig ist die Botschaft: Wir machen das immer so. Sitzen immer in bestimmter Ordnung um den Tisch. Machen immer vor dem Gottesdienst einen Spaziergang. Sitzen immer sonntags ums Lagerfeuer – und wenn das Lagerfeuer heute nur der „Tatort“ ist. 

* Tradition oder Ritual? Traditionen sind kulturkreisspezifische Ereignisse wie beispielsweise Ostern als kalendarisches Ereignis. Ob hierbei Eier versteckt werden oder Schokohasen, ob wir in die Kirche gehen oder ein Feuer entzünden, dies alles sind rituelle Handlungen, die je nach Gemeinschaft unterschiedlich ausgestaltet werden.

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