Klassische Musik – eine elitäre Nische?

Feb 22, 2021 | KULTUR

Bach ist von Beat gar nicht so weit, nur fehlt vielen der Zugang. Dabei gibt es viele Türöffner.

Text: Katharina Erlenwein

Samtkleidchen und Lackschuhe, dann ab in die „Zauberflöte“, Nachmittagsvorstellung. Jede Woche teuren Geigenunterricht, unterm Weihnachtsbaum ein Liedchen hingekratzt, und die Großeltern lächeln milde. – So ähnlich sieht das bürgerliche Klischeebild vom Musikunterricht klassischer Prägung aus. Und zwischen den Zeilen steht: Das ist was für Wohlstands- und Bildungsbürger, für Kinder eher langweilig bis mühsam, und überhaupt: Ist Popmusik vom Streamingdienst nicht die viel angenehmere Variante, sich mit Musik zu beschäftigen? Die klassische Musik hat es nicht leicht, sich ihren Nachwuchs (vor allem beim Publikum) heranzuziehen. Das Schlagzeug hat die Blockflöte als beliebtes Instrument längst überholt. Seit Jahren haben Opernhäuser und Konzertveranstalter deshalb aufwändige Programme aufgelegt, mit denen sie die Jugend interessieren wollen – für Bach und Beethoven statt Beyoncé und Bushido. Doch es bleibt mühsam, vor allem Kinder aus Familien, die selbst nicht viel mit Klassik anfangen oder sich kein Opern-Abo leisten können. Die Hürden sind hoch, denn der Klassik-Zirkus gibt sich bisweilen elitär. Wer nicht Adagio von Allegro unterscheiden oder den Geheimcode „Klavierkonzert C-Dur KV 503“ nicht entziffern kann, fühlt sich da schnell ausgeschlossen. Und dahinter steht immer auch die Frage: Was bringt mir das? 

Fragt man die, die sich der Sache hingeben, lautet die Antwort: unendlich viel! Samuel Bammessel kann – ja, genau – ein Lied davon singen. Seit der fünften Klasse war der Nürnberger im Windsbacher Knabenchor, hatte anders als Gleichaltrige einen sehr straffen Tagesablauf, von der Morgenandacht über Schule und Stimmbildungs-Unterricht bis zur Chorprobe jeden Nachmittag. Stress? „Ja, klar ist es anstrengend“, berichtet er, „es gibt viele, die in der achten Klasse das Handtuch werfen, vielleicht zehn Prozent haben keine Krisen wegen der starken Belastung. Aber wer sich durchbeißt, dem bringt es wirklich viel fürs Leben.“ Samuel hat sich durchgebissen in der Elite-Ausbildung für Sängerknaben, die international gastieren, für ihre Konzerte und Aufnahmen gefeiert werden. „Heute ist klassische Musik für mich ein Ventil, mit dem ich ganz viel emotional verarbeiten kann.“ Dafür nahm er manche Eigenheit in Kauf, über die Gleichaltrige vielleicht nur grinsen können: Auftritte im blauen Anzug samt Fliege, das ist schon eigenartig für heute 13-Jährige. „Vom Erscheinungsbild sind wir da natürlich dinosauriermäßig“, sagt auch der Künstlerische Leiter der Windsbacher, Martin Lehmann, lachend. „Aber wir präsentieren uns als eine Einheit, auch optisch, und zeigen die Ernsthaftigkeit dieser Musik.“ Das verstehen auch die Jüngsten unter seinen Schützlingen schnell. Denn Musik wirkt nicht durch den historischen Kontext oder die wissenschaftliche Untersuchung, sondern ganz direkt mit Tönen auf die Seele. Und die dürfen auch ernst sein. Für kleinere Jungs gibt es das „Klangfänger“-Projekt, mit dem die „Windsbacher“ auch in Nürnberg, Würzburg, Rothenburg und Pappenheim den Nachwuchs ans Singen heranführen. Ja, auch Bach kann Spaß machen. Man muss es nur ausprobieren. „Der klassische Gesang ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Er ist Emotion pur, eine Äußerung der Seele“, ist Chorleiter Lehmann überzeugt. 

Das bestätigt Samuel, der mittlerweile sein Abi hat und sogar noch ein Freiwilliges Soziales Jahr in Windsbach dranhängt. „Das Gemeinschaftsgefühl im Chor ist ganz wichtig, man will das nicht mehr missen. Das Verantwortungsgefühl, das man im Alltag oder auf Konzertreisen automatisch lernt, ist ganz zentral.“ Das kann auch Internatsleiter Thomas Miederer bestätigen, der schon viele Jungs an dieser besonderen Schule fürs Leben begleitet hat, auch durch die Krisen und die Momente, in denen man alles hinschmeißen möchte. „Nicht alle beißen sich da durch. Aber was man sich erarbeitet hat, bekommt einen ganz anderen Wert als das, was einem zufliegt.“ 

Klar, die „Windsbacher“ sind Spitzensportler gegenüber anderen Kindern, die einfach nur ein Instrument lernen oder in einem Chor singen. Aber für die Hobby-Künstler gelten die gleichen Erkenntnisse: Gemeinsam musizieren verlangt das Aufeinander-Hören, Einfühlungsvermögen und Teamgeist. Und den trägt man im Alltag weiter mit sich herum.

Liana Pereira und Wolfgang Fischer sehen das jeden Tag. In ihrem „Musikpunkt“, einer privaten Musikschule, unterrichtet sie Cello, er Schlagzeug. Von Pop und Rock über Klassik bis zur Alten Musik ist also alles dabei. Das Paar, neben dem noch viele Kollegen im „Musikpunkt“ ihren Unterricht anbieten, zieht ungern eine strikte Trennlinie zwischen den Genres, der Ansatz ist betont ganzheitlich. „Wenn meine Schüler so gern ein Thema aus ,Game of Thrones‘ spielen möchten, dann machen wir das. Die Motivation und der Zugang sind doch das Wichtigste“, sagt Pereira.

Musikunterricht-Nürnberg-Cellounterricht-Schlagzeugunterricht

Mit 16 hat die Brasilianerin ihr Herz ans Cello und die Klassik verloren und promoviert jetzt in Musikpädagogik. Denn die kommt ihr in den Studiengängen oft zu kurz. „Es gibt zu viel Schubladendenken“, pflichtet ihr Wolfgang Fischer bei. Man müsse die Kinder und Jugendlichen abholen, wo sie stehen. „Wenn man Filmmusik von Hans Zimmer hört, ist man ja schon ganz nah an Komponisten wie Dvořák oder Strawinsky. Es muss nicht immer die Arie der ,Königin der Nacht‘ aus Mozarts ,Zauberflöte‘ sein.“ 

Für beide steht die Literaturauswahl nicht im Vordergrund, sondern die Stücke sind die Mittel, um die Technik auf einem Instrument zu erlernen. Das Zusammenspielen vermittelt Sozialkompetenz, Toleranz, Aufmerksamkeit. „Wenn ich in einem Ensemble spiele, muss ich mich fragen, welche Rolle ich gerade übernehme, ich muss pünktlich meinen Einsatz spielen und genau auf die anderen hören“, nennen sie den Prozess. „Wir sind Türöffner für die Kinder. Und natürlich öffnen wir auch die Tür zu Bach und Mozart.“

Das versucht auch Philipp Roosz am Staatstheater Nürnberg: Niederschwellige Angebote, für Kindergartenkinder UND deren Eltern gibt es da, Kinderkonzerte, die die Aufmerksamkeitsspanne der Kleinen einkalkulieren, „und das ist nicht nur ,Peter und der Wolf‘“, sagt Roosz. Großartig findet er das Engagement der Stadt Nürnberg im Angebot „Mubikin“ („Musikalische Bildung für Kinder und Jugendliche“), das von der städtischen Musikschule gemeinsam mit der Musikhochschule, dem Staatstheater und anderen organisiert wird. „Kinder sind offenohrig“, sagt Roosz, das heißt, tolerant gegenüber Harmonien. Sogenannte Neue Musik, also Klassik von zeitgenössischen Komponisten, wird von Kindern gar nicht als so schwer zugänglich empfunden wie von manchen Erwachsenen. Roosz sieht die Schwellen mehr in den Köpfen und Klischeevorstellungen. Immer wieder sagt er Schülern, die z. B. über den Nürnberger „Kulturrucksack“ erstmals in die Oper gehen, dass es okay ist, wenn sie in der Jogginghose kommen. Manche wollen sich aber schick machen. „Wichtig ist aber, dass man sich auf das Erlebnis einlässt.“

Vielleicht baut sich manche Hürde gegen die Klassik auch erst im Laufe der Schulzeit auf: Gymnasiasten, die alle Vornamen von Johann Sebastian Bachs vielen Söhnen lernen mussten, haben sicher keine große Motivation, sich auf seine Stücke einzulassen. Den brausenden Klang eines seiner Chor-Werke live zu hören oder gar selbst zu singen, würde sicher mehr Interesse wecken. „Es stellt sich auch die Frage, ob man allen das Notenlesen beibringen sollte“, sagt Musikpädagoge Roosz. Denn die einen, die ein Instrument spielen, langweilen sich dabei unendlich, die anderen fragen sich, wozu das gut sein soll. Es braucht also Begeisterung, Erleben von Musik, auch im Schulunterricht. 

Dafür eignet sich die Klassik freilich genauso gut wie Volksmusik aus allen Kulturkreisen oder Pop. Türen öffnen in jeder und zu jeder Form, wie es viele Musiklehrer machen, ist also das A und O. Und da sind sich der Dirigent des Spitzen-Chors, Martin Lehmann, und die Lehrer von Hobby-Musikern wie Wolfgang Fischer und Liane Pereira einig: „Selbst tun ist wichtig. Wer selbst erlebt hat, wie einen die Harmonien berühren, der versteht die Musik.“ 

 

windsbacher-knabenchor.de

musik-punkt.de

mubikin.nuernberg.de

staatstheater-nuernberg.de/content/musik-entdecken

www.nuernberger-kulturrucksack.de

 

https://windsbacher-knabenchor.de/wp-content/uploads/2020/09/7_ML_WKC_2018c-Mila-PAvan-scaled.jpeg

https://windsbacher-knabenchor.de/wp-content/uploads/2020/09/6_Martin-Lehmann-2-c-Mila-Pavan-scaled.jpg

https://windsbacher-knabenchor.de/wp-content/uploads/2020/09/WKC_2018c-Pavan.jpeg

 

X