„Kindertrauer ist wie Pfützenspringen“

Feb 22, 2021 | RECHT UND SOZIALES

Es heißt, dem größten Schmerz sei zu begegnen, indem man über ihn spricht. Doch was, wenn die richtige Sprache erst noch gefunden werden muss oder schlichtweg nicht reicht? Bei „Lacrima“ finden Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Halt und neue Wege, sich trauern zu trauen – und damit bestenfalls hinaus aus der Dunkelheit. 

Text: Katharina Wasmeier 

Fröhlich bunte Konstrukte aus Holz und Federn und Tierbildern lehnen an einer Wand, auf dem Tisch hübsche Kistchen mit Glitzer drauf und Perlen, aus niedlichen Schachteln linsen Püppchen mit lustiger Frisur und großen Augen, kleine Pokale glitzern silbern im Licht. Ein schöner Basteltisch, könnte man meinen. Dann zupft der Blick am Bild: „Mamakiste“ steht zwischen dem Glitzer. „Sorgenpüppchen“ unter Wollehaaren. An den Wänden: „Himmelsleitern“, kleine silberne Urnen. „Alles Gelegenheiten, Tod und Trauer zum Ausdruck zu bringen und das Thema sprachfähig zu machen“, erklärt Ursula Gubo und zeigt mit den Fingern ihre wichtigsten Ziele: Erinnern an den Verstorbenen, Ressourcen stärken – und Hoffnung geben auf eine schönere Zukunft.
2012 hat die Sozialpädagogin etwas ins Leben gerufen, was dem Tod denjenigen Raum gibt, den er sonst kaum haben darf: Das „Zentrum für trauernde Kinder“, organisiert unter dem Dach der Johanniter-Unfall-Hilfe e. V., bietet mit vier Kindergruppen, zwei für Jugendliche und eine für junge Erwachsene in Nürnberg, Fürth, Schwabach und Ansbach, eine einzigartige Anlaufstelle für Schmerz, der „in dieser Dimension nicht vorstellbar ist“, sagt Ursula Gubo, die das sagen darf: 2003 verlor die heute 60-Jährige ihren Mann und weiß: „Alles, was du nicht be- oder verarbeitest, kommt wieder. Die Seele sucht sich ein Ventil.“ Manchmal ist sie schnell, macht Bauch- und Kopfweh oder nachts ins Bett. Manchmal lässt sie sich Zeit. Zu viel. Deswegen: Her mit der Trauer, die „nicht schlecht ist, sondern eine gute Fähigkeit, mit etwas Negativem umzugehen“, sagt Ursula Gubo, und dass es nur darauf ankommt, die für sich selbst richtige Ausdrucksform zu finden.,

„Lange saßen sie dort und hatten es schwer,
doch sie hatten es gemeinsam schwer,
und das war ein Trost.
Leicht war es trotzdem nicht.“
(Astrid Lindgren, Ronja Räubertochter)

 


Deshalb bietet „Lacrima“ (lat. Träne) keine Lösung, keine Heilung, weil „Tod und Trauer keine Krankheit sind“. Sondern „einen Ort, an dem man traurig sein darf.“ Denn traurig sein hat keinen Platz, in der Öffentlichkeit weinen schon gar nicht. „Gerade Kinder“, sagt Ursula Gubo, „halten sich zurück und versuchen, nicht noch mehr Kummer zu bereiten.“ Dabei hat nicht nur der Papa seine Frau verloren, sondern das Kind seine Mama. Hat Mama ein Kind verloren, doch auch der Bruder seine Schwester. Und wo Papa ist, traut man sich vielleicht bald nicht mehr zu fragen, wenn Mama dann immer weint. Die Jüngsten, erzählt Ursula Gubo, kamen im Alter von vier Jahren, die meisten sind älter, „vor sechs kann man Endlichkeit kaum begreifen.“ Be-greifen, sagt Ursula Gubo und betontdie Wichtigkeit der Konfrontation, des Abschiednehmens, und dass es nicht gut ist, die Kinder vermeintlich zum Schutz von der Beerdigung fernzuhalten. Sie müssen es sehen. Fühlen, so schlimm es auch ist. Zwischen fünf und 30 Jahren sind die Mädchen und Jungen, die Söhne und Töchter, die Brüder und Freundinnen, die von Eltern, Bekannten oder Schulpsychologen geschickt, gebracht, getragen werden. So kostenlos das Angebot ist, so freiwillig kann es natürlich nur angenommen werden. Ein erstes Gespräch, sagt Ursula Gubo, versuche sie aber in jedem Fall zu realisieren. Meist nur ein Telefonat mit den jungen Erwachsenen, ein persönliches Treffen mit den Kindern und Jugendlichen. Danach kommen die meisten immer wieder. Für Wochen, Monate. Manche für Jahre.
Weil es Halt und Schutz gibt und eine Gruppe, in der man kein trauriger Exot, sondern ähnlich verwundet ist. Und dann, fragt man vorsichtig, weinen alle? „Nein, überhaupt nicht“, lacht Ursula Gubo, und das laute Lachen zeigt gleichsam, worum es hier geht: Aufwecken aus der starren Furcht, weg vom „System der gegenseitigen Schonung“, Normalität. Tod ist Leben. Was stets gleich bleibt: Zu Beginn der Treffen eine Kerze anzünden für die Verstorbenen. Weil das Verbindung schafft und zudem eine winzige Tür anbietet für die, die unter dem so mächtigen Thema in Sprachlosigkeit zu zerbrechen drohen. Auch immer mit dabei: die Eltern im Nebenzimmer. Zum Aufpassen, Einschreiten, Schützen? Nur vor sich selbst. „Auf diese Weise kommen ganz nebenbei auch die Erwachsenen in einen Austausch“, verrät Ursula Gubo. Und: Wenn ein Kind einen Elternteil verloren hat, muss es sich jederzeit versichern können, dass der andere noch da ist. „Kindertrauer ist wie Pfützenspringen“, sagt die Leiterin des Teams von rund 30 geschulten, aber ehrenamtlichen Trauerbegleitern. „Das kann schnell und heftig aufplatzen und genauso schnell wieder vergessen sein. Sie lassen nur so viel Emotion zu, wie sie selbst aushalten.“
Und rauslassen. In Gesprächen, Erinnerungsarbeit, leisen Tränen. Aber auch Wut und Zorn, und diesen elenden Schmerz laut rausschreien, die Dunkelheit in dicke Bälle packen und zerknüllen und werfen, und dran an den Pfosten, mit Schaumstoffschlägern auf dieses ganze Schreckliche, das Unverständnis, die Hilflosigkeit dreschen. Bis es gut ist, wieder geht, die Luft zurückkommt und ein bisschen Ruhe einkehrt. Und ein bisschen mehr gerüstet sein fürs Leben. Weil man überlebt hat. „Ja, es kann passieren, dass viel geweint wird“, sagt Ursula Gubo, weil man das anderswo nicht kann. „Aber wir müssen hier kein Lernziel erreichen. Wir haben Geduld.“ Zum Reden mit den Karten aus der „Talk Box“, „Hast du den Toten noch gesehen?“ und „Was möchtest du werden, wenn du groß bist?“. Leben + Tod = Normalität. Die Kinder kommen, bis es normal ist. „Unser Ziel ist es, uns überflüssig zu machen“, sagt Ursula Gubo. Die Trauer sitzt mit am Tisch. Das ist jetzt eben so. 

 

Ursula Gubo Sozialpädagogin

Johanniter-Unfall-Hilfe e. V.
Regionalverband Mittelfranken
Lacrima – Zentrum für trauernde Kinder
Johanniterstraße 3, 90435 Nürnberg
Tel. 0172 7828272
ursula.gubo@johanniter.de
lacrima-mittelfranken.de 

 

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