Erwachsen werden im Zivil- und Strafrecht

Feb 22, 2021 | RECHT UND SOZIALES

Egal ob die Jugend Verantwortung übernimmt und unser Klima schützt, alkoholselige Unvernunft zelebriert und Coronapartys feiert oder noch von Mutti im SUV zur Uni gefahren wird: Rechtlich werden Helden, Rabauken oder Muttersöhnchen nur nach dem Alter unterschieden. Hier gibt es, entsprechend der Entwicklung des Kindes, jede Menge Geburtstage, an denen Verantwortlichkeiten, Erlaubnisse und Verbote einsetzen. Wie also müssen wir auf unseren kleinen Max aufpassen und was darf er wann? 

Text: Wolf von Rosenstiel

Zunächst ein guter Rat: Schließt eine private Haftpflichtversicherung für euch und eure Kinder ab. Sie kostet nicht viel und sichert Kinder wie Erwachsene gegen die schlimmsten Risiken ab. Wenn das erledigt ist, lassen wir den kleinen Max jetzt entspannt seinen Windeln entwachsen. Zunächst kann der Zwerg absolut nichts falsch machen – im Gegensatz zu seinen Eltern. Die ersten drei Jahre muss Mäxchen de jure mehr oder minder rund um die Uhr beaufsichtigt werden. Safe Zones gibt es nur im Gitterbett oder unter den Adleraugen der Eltern. Ab dem Alter von drei kann Max seinen Aktionsradius dann langsam etwas erweitern. Wenn ein Vierjähriger beim Spielen im Hof sein Spielzeugauto dem Nachbarn auf die Brille wirft, ist das jedenfalls keine Verletzung der Aufsichtspflicht und löst auch keinen Schadensersatzanspruch aus. Im Rahmen des Üblichen darf man Kinder, gerade auf dem eigenen Grundstück, dann auch alleine spielen lassen. Ab sechs Jahren darf der Schüler ganz offiziell alleine in die weite Welt. Also zur Schule gehen oder auch bis 20 Uhr ins Kino. Sogar ohne Mama oder Papa. Entlastung für alle Eltern, die Benjamin Blümchen eh noch hundertmal daheim sehen und während der Vorstellung lieber shoppen oder sich einen Kaffee gönnen. 

Sobald Max seinen siebten Geburtstag gefeiert hat, ist er beschränkt geschäftsfähig und auch deliktsfähig. Jetzt darf er eine Cola kaufen, und wenn er mit einem Stein vorsätzlich die Scheibe des Nachbarn einwirft, weil er den nicht mag, dann muss er den Schaden auch ersetzen. Unlängst wurden drei ungeratene neunjährige Buben verklagt, die mit Fleiß das Fahrrad einer älteren Dame zertrümmert hatten und dabei von der Polizei erwischt worden waren. Als die Eltern nicht zahlen wollten, weil die Kinder doch minderjährig gewesen seien, beeindruckte das den Richter wenig. Er meinte, das wäre eben der perfekte Fall für Taschengeldentzug. Wenn Max mit sieben Jahren shoppt, auch via Handy oder online, dann ist alles, was an Beträgen über das übliche Taschengeld hinausgeht, genehmigungspflichtig. Allerdings wird es sich bei Internetgeschäften in den meisten Fällen um die Nutzung des Accounts eines Erwachsenen handeln, den dieser selbst zu sichern hat, was dann wieder das Problem der Eltern ist. Bis zu seinem zehnten Geburtstag ist ein Kind in aller Regel noch nicht dafür verantwortlich, wenn es fahrlässig einen Unfall im Straßenverkehr verursacht. Deswegen muss Max bis zum Alter von acht grundsätzlich und darf, bis er zehn ist, mit seinem Radl auf dem Gehweg fahren. Ab einem Alter von zehn muss der Fahrradfahrer dann auf die Straße wechseln. Wenn er jetzt beim Radeln auf seinem Handy Fortnite spielt und jemandem ins Auto fährt, braucht er die erwähnte Haftpflichtversicherung. 

Wenn Max mit 13 dem Moritz auf die Nase schlägt, dann ist er zivilrechtlich verpflichtet, ihm Schmerzensgeld zu zahlen. Strafrechtlich relevant wird das jedoch erst, wenn der Jugendliche 14 und nunmehr strafmündig geworden ist. Ab diesem Zeitpunkt muss er für etwaige Untaten vor dem Jugendgericht einstehen. Außer bei Intensivtätern drohen hier aber bei den typischen Jugendsünden hauptsächlich Sozialstunden oder schlimmstenfalls Jugendarrest. Ab 14 darf Max auch alleine bis 22 Uhr ein Kino, ein Konzert oder eine Gaststätte besuchen. Mit einem Erwachsenen geht das auch bis 23 Uhr. Sogar seine Religion darf er jetzt selbständig wechseln oder aufgeben. Ab 16 darf Max dann bis 24 Uhr Party machen. Jetzt darf er auch sein erstes Bier trinken und ist somit schon auf der Zielgeraden zur Volljährigkeit. Die Kontrollmöglichkeiten der Eltern werden zusehends geringer. Wenn Jugendliche in diesem Alter nicht mehr das tun, was die Eltern wollen, werden sie weder Familiengericht noch Polizei dazu zwingen, zumindest solange es nicht illegal ist. Mit 18 ist dem Erwachsenen dann bekanntlich alles erlaubt, was ihm jemals erlaubt sein wird – es gibt nur noch ein paar Jugendboni. Bei Straftätern bis 21 wird geprüft, ob diese nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht beurteilt werden müssen. In aller Regel wird dann noch Jugendstrafrecht angenommen. Mit 21 ist es dann endgültig vorbei mit der Jugend. Jetzt wachsen bei Max Schimmelkulturen im WG-Kühlschrank. Oder er gründet schon eine eigene Familie. Oder Mama fährt Sohnemann nur noch zu den Prüfungen in die Uni.

 

Wolf von Rosenstiel

ist Rechtsanwalt für Familien- recht und teilt sein Wissen künftig nicht nur in seiner Kanzlei, sondern auch in unserer ELMA.

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