ZIVILCOURAGE IN DER ÖFFENTLICHKEIT ZEIGEN

Dez 10, 2020 | HALTET DIE KLAPPE

Sie schauen hin, nicht weg!

Daniela und Jason (beide 16) können eins nicht ab: Streit. Deshalb sind sie „Coolrider“ geworden und zeigen in der Öffentlichkeit Zivilcourage, wo andere lieber den Kopf einziehen. Es gibt Stress im Bus? Jemand verhält sich in der U-Bahn doof? Seit ihrer „Coolrider“-Ausbildung wissen die beiden Mittelschüler aus Nürnberg, wie man mit solchen Situationen umgeht. 

Interview: Manuela Prill

Daniela, Jason, wie kam es, dass ihr „Coolrider“ geworden seid?

Daniela: Unsere Klassenlehrerin hat uns in der 7. Klasse davon erzählt, aber keiner aus meinem Freundeskreis wollte mitmachen, da habe ich zuerst gezweifelt, aber mich dann doch dafür entschieden, weil ich es eine sehr interessante Sache fand – ich hasse Streitigkeiten!

Jason: Ich bin auch ein Mensch, der nicht gerne streitet. Ich diskutiere zwar mit anderen und teile meine Meinung mit, aber ich streite mich nicht. Ich sage: Streiten ist sinnlos, handgreiflich werden ist genauso sinnlos. Ich will mich dafür einsetzen, dass man Streit anders löst als mit Schlägereien.

Ihr habt gelernt, wie man mit Streithähnen in der Öffentlichkeit umgeht, oder mit Leuten, die sich nicht an Regeln halten. Was muss man dabei vor allem beachten?

J: Uns wurde zum Beispiel erklärt, wie man eine Person ansprechen soll. Dass man nicht einfach hingeht und sagt: „Hey, warum hast du deine Füße auf dem Sitz?“ „Warum“ sollte man überhaupt nicht benutzen, sondern höflich fragen: „Entschuldigung, könnten Sie bitte Ihre Füße vom Sitz nehmen. Wenn sich danach jemand dort hinsetzt, wird seine Hose dreckig.“ Man sollte auf den Fehler hinweisen und eine Erklärung dazu geben.


Was, wenn es demjenigen völlig egal ist?


D: Wenn jemand stur reagiert, versucht man es auch nicht weiter, weil man merkt, der will nicht kommunizieren. 

 

J: Was man noch machen kann: Andere Fahrgäste ansprechen und sie fragen, wie sie das finden. Wenn derjenige merkt, dass viele dagegen sind, ist ihm das peinlich, dann nimmt er automatisch die Füße runter.

 

Was habt ihr noch gelernt?

J: Dass man erst die Situation einschätzen und gut überlegen soll, ob es sinnvoll ist, sich einzumischen. Es kann ja auch sein, dass jemand ein Messer in der Hand hat. Nicht spontan hingehen, immer mit Abstand und vorher überlegen, was man sagt.

Habt ihr schon mal eine brenzlige Situation erlebt?

D: Ja, mit meiner Freundin im U-Bahnhof. Da waren zwei Frauen, die geschlägert haben. 

Habt ihr euch eingemischt?

D: Nein, weil man gesehen hat, dass sie sehr aggressiv waren. Wenn wir uns da eingemischt hätten, wäre wahrscheinlich was Schlimmes passiert. Das lernt man auch bei den „Coolridern“: Durchdenken, was können die Konsequenzen sein? Besser, man gibt in so einem Fall dem U-Bahn-Fahrer Bescheid.

J: Ich hab schon viele Situationen erlebt, zum Beispiel ein paar Elfjährige, die es lustig fanden, die Notbremse an der Rolltreppe zu ziehen. Da bin ich hingegangen und habe ihnen erklärt, dass sie, wenn da jetzt jemand gestürzt wäre, eine Straftat begangen hätten, weil das Körperverletzung wäre. Gut, in dem Fall ist nichts passiert, aber mir war es wichtig, sie darauf hinzuweisen, dass das eben überhaupt nicht lustig ist.

Das „Coolrider“-Motto ist „Hinschauen statt Wegschauen“. Warum, glaubt ihr, trauen sich so viele Menschen nicht, sich einzumischen?

D: Ich glaube, die meisten wollen das nicht, weil es für sie zusätzlicher Stress ist. Sie kommen vielleicht von der Arbeit, sind genervt und haben ihre eigenen Probleme. Sie denken, das geht mich nichts an, selber schuld …

J: Bei uns im Jugendtreff haben wir mal eine Umfrage gemacht, warum Erwachsene weitergehen, wenn sich zwei Jugendliche schlägern. Viele haben gesagt, sie haben gerade selber so viel im Kopf. Die meisten waren der Meinung, wenn sie sich einmischen, würde aus einem kleinen Streit ein noch größerer werden. Ich finde das nicht gut, es könnte dabei ja trotzdem einer auf die Gleise fallen.

Braucht es Mut, ein „Coolrider“ zu sein?

D: Definitiv! Du musst schon Selbstbewusstsein haben. Wenn du selber so rüberkommst: „Bitte, bitte, nimm doch die Füße vom Sitz“, dann bestärkt das den anderen, einfach weiterzumachen. Ich bin selber eher zurückhaltend. Die Ausbildung hab ich deshalb auch für mich gemacht, um an mir zu arbeiten.

Wann sollte man sich besser raushalten?

D: Wenn es spät oder wenn man allein ist und wenig Leute unterwegs sind, die man dazuholen könnte. Auch bei Gruppen oder Leuten, die betrunken sind, wäre es zu gefährlich, vor allem für mich als Mädchen.

Spielen wir doch mal so eine Situation durch. Ich bin jetzt ein Typ, der Daniela im Bus blöd anbaggert. Du, Jason, sitzt ein paar Reihen weiter und kriegst das mit. Wie reagierst du?

J: Ich würde sie aus der Entfernung mit irgendeinem Namen ansprechen, ungefähr so: „Hey Sarah, ich hab grad mit deinem Vater telefoniert, er wartet an der nächsten Haltestelle auf dich!“ So zieht man das Mädchen quasi aus der Situation raus. In dem Moment merkt der Typ das und lässt sie in Ruhe.

Guter Trick! Ich hör aber nicht auf und rücke ihr noch mehr auf die Pelle.

D: Dann muss man lauter sprechen. Dadurch drehen sich viele Leute um. Sie haben zwar Angst, aber Menschen sind neugierig, sie wollen wissen, was da passiert. Diese Blicke mag derjenige nicht. Das ist dann, wie wenn ein Scheinwerfer auf ihn gerichtet ist.

Hilft euch das Wissen aus der Ausbildung auch bei Streit mit Freunden oder in der Familie?

D: Mir schon, vor allem in der Schule. Seitdem ich „Coolrider“ bin, antworte ich zurück, wenn ich beleidigt werde. Wenn mich jemand blöd anlacht, dann lache ich den auch blöd an, so sieht er, dass ich das nicht mit mir machen lasse. Unternimmt man nichts, kann es nur schlimmer werden.

J: Manchmal, wenn ich zu sehr beleidigt wurde, habe ich das sehr persönlich genommen und den anderen ebenfalls beleidigt. Seit ich „Coolrider“ bin, bin ich anders. Ich höre meist gar nicht zu, das geht da rein und da raus. Aber es gibt schon Momente, wenn etwa meine Familie mit reingezogen wird, dann bin ich nicht mehr so cool drauf. Kein Mensch ist perfekt.

Diese Frage nur, falls noch Platz ist

Seid ihr ein Vorbild?

D: (lacht etwas verlegen) Na ja, vorher – ich geb’s zu – bin ich öfters bei Rot über die Ampel gelaufen. Aber jetzt weiß ich, dass solche Kleinigkeiten wichtig sind. Es sind nur ein paar Sekunden, die man warten muss, aber die können jemandem das Leben retten. Ich bin zwar nicht erwachsen, aber wenn kleine Kinder sehen, dass ich bei Rot rübergehe, denken die, das ist o.k. 

J: Selber kann ich das nicht sagen, ob ich ein Vorbild bin. Aber ich hab mal ein paar Fünftklässlern, die immer bei Rot rübergelaufen sind, gesagt: „Wenn da ein Auto kommt, dann ist es ganz schnell aus mit euch!“ Jetzt sehe ich sie immer an der Ampel stehen und warten.

 

Das Coolrider-Projekt wurde 2002 von der VAG-Aktiengesellschaft Nürnberg gemeinsam mit der Polizei und Nürnberger Schulen ins Leben gerufen. Die Idee: Junge Leute erhalten eine professionelle Streitschlichter-Ausbildung und setzen sich für mehr Sicherheit im ÖPNV ein. Mittlerweile beteiligen sich weitere Partner, Schulen und Schüler aus ganz Bayern. >> coolrider.de

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