Wer beim Yoga die Kerze nicht schafft, macht eben ein Teelicht an

Dez 10, 2020 | DAS WOLLEN WIR WISSEN

Bis vor Kurzem war Scheitern was Schreckliches. Etwas, was man besser verschämt für sich behielt. Heutzutage ist Scheitern dagegen ja in – denn es zeigt, dass man mit Fehlschlägen umgehen kann, nicht den Fehler macht, keine Fehler machen zu wollen und in der Lage ist, nach vorne zu sehen. Also können wir im Rahmen aller guten Vorsätze dieser Welt getrost alles mal ausprobieren, was wir schon lange mal schaffen wollten. Geht’s gut, ist’s prima. Geht’s schief, ist es einfach Teil der modernen Kultur des Scheiterns – dachte sich auch Simone Blaß und versuchte sich in einer Sportart, die versprach, gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Abnehmen, Tiefenmuskulatur stärken und Stress abbauen. 

Text: Simone Blaß

Yoga ist ja jetzt modern. Und ich finde, es klingt auch so chic. Vor allem für jemanden, der schweißtreibenden Ausdauer-Sportarten lieber aus dem Weg geht. Ein bisschen hierhin und ein bisschen dahin verbiegen, die innere Mitte finden und zum Schluss eine Runde dösen – das hörte sich für mich nach der perfekten Sportart an. Für jetzt und alle Zukunft. Schließlich kann man damit alt werden – im Gegensatz zu Beachvolleyball zum Beispiel. Obwohl – wenn ich meine guten Vorsätze inklusive gesunder Ernährung und Schokoladenverzicht durchhalten würde, hätte ich ja vielleicht doch noch eine Chance auf die für diese Sportart notwendige Bikinifigur.  

Aber jetzt erst mal Yoga. Und schon stellt sich mir das erste Problem: Welches Yoga ist das richtige? Eine Yoga-Form wie das Bikram-Yoga, das seinem Begründer nach einer Folter gleicht und bei dem man sogar an den Schienbeinen schwitzt, kam für mich von vornherein genauso wenig in Betracht wie Nacktyoga oder einer der neuesten Trends: Surfyoga. Letzteres zum einen in Ermangelung des geeigneten Wassers in der Nähe, und zum anderen, weil ich schon froh bin, wenn ich auf festem Boden länger als drei Sekunden auf einem Bein stehen kann, ohne umzukippen. Und was bei uns im Viertel los gewesen wäre, wenn ich der Nachbarin erzählt hätte, dass ich jetzt zum SM-Yoga gehe? Da wäre ich ja nicht mal mehr zum Erklären gekommen. Also war das auch gestrichen. Doga, bei dem der Hund den Hund macht, oder das aus Kalifornien stammende Ganja-Yoga, bei dem der Geist nicht gereinigt, sondern vernebelt wird, erschlossen sich mir nicht. Ähnlich war es mit dem Bieryoga – wobei ich persönlich ja Weinyoga sowieso viel interessanter gefunden hätte, aber das gibt es leider nicht. Wahrscheinlich, weil es semantisch zu nah am Lachyoga liegt und somit zu Verwirrungen führen könnte. 

Ich entschied mich also der Einfachheit halber ganz pragmatisch für Yoga ohne Spezialnamen bei uns in der örtlichen Turnhalle. Die ich lediglich am Umkleidekabinengeruch wiedererkannte. Überall standen Fake-Kerzen, bunte Tücher waren aufgehängt und Klangschalenmusik tröpfelte sanft gemeinsam mit kondensiertem Schulkinderschweiß von der Decke. Dass mir die in den Farben ihres aktuell zu bearbeitenden Chakras gewandete Yogalehrerin mit „Namaste“ kein Heißgetränk anbieten wollte und wiederum der Sonnengruß keine Begrüßungsformel ist, das habe ich schnell herausgefunden. Nicht aber, was mit den Frauen passiert ist, die vor dem Schultor oder beim Einkaufen noch ganz normal ausgesehen haben. Allesamt gewandet in mit Gottheiten oder Mandalas bedruckten T-Shirts, in Discounter-Yogahosen und bestückt mit Fußwärmern – deren Sinn mir schon bei den deutlich bunteren Aerobicstunden in den Achtzigern keiner so richtig erklären konnte –, tönten sie im Schneidersitz und mit andächtig geschlossenen Augen schon mal, was das Zeug hielt. Neben sich Glasflaschen mit sehr seltsam anmutendem Inhalt, meist grünlich. Schnell schob ich mich dazwischen, versteckte verschämt meine selbstgestrickten Socken und die Plastikflaschenapfelsaftschorle wieder in der Tasche und bemühte mich redlich, mich quer durch Brehms Tierleben zu turnen. Katze, Kuh und Schmetterling gingen ja noch, beim Kaninchen war ich raus, und ooooom mein Gott, spätestens als ich bei der Heuschrecke mit der Nase auf der turnhalleneigenen Matte lag, wusste ich, warum alle anderen ihre Matten von zuhause mitgebracht hatten. 

Nachdem mir eine Menge Pranayamas, Mudras, Mantras und Shantis um die Ohren geflogen sind und ich, wie es schien, die Einzige war, die das alles nicht sofort einordnen konnte, kamen wir zum Shavasana. Sieben Minuten lang stillliegen. Die Gefahr, mich mit einem Schnarcher zu blamieren, ließ mich krampfhaft wach bleiben. Mein Körper wollte hier zappeln und sich da kratzen, und mein Geist tanzte rum wie ein Duracell-Häschen auf Speed. Doch ich blieb dran, schließlich sollte laut unserer erleuchtet wirkenden Yogini durch diese Übung das Prana in den Nadis gespeichert werden. Was auch immer das bedeuten mag – es hat mir sicher gutgetan. 

Um ehrlich zu sein muss ich allerdings zugeben, dass das Licht in mir, das die ersten Wochen so motiviert all die anderen Lichter gegrüßt hat, ziemlich schnell wieder auf dem heimischen Sofa erloschen ist. Der Weg zur Bikinifigur war mir dann doch zu weit, der zum Kühlschrank war naheliegender. Jetzt überlege ich gerade, ob ich auf Zumba umsteige, mich für Kampfsport entscheiden soll oder doch lieber der Boule-Gruppe im Stadtpark beitrete, was wahrscheinlich den größten Durchhalteerfolg vorweisen würde. Aber was auch immer das Rennen macht, ich beginne frühestens im Herbst 2021 damit – denn dann kann ich notfalls ganz unauffällig am kollektiven Scheitern Ende Januar teilnehmen. 

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