Teil 1: Streiten leicht gemacht

Dez 9, 2020 | TITELTHEMA

O du fröhlicher, o du seliger, gnadenbringender … Weihnachtsstreit

 

Weihnachten, das Fest der Liebe? Schön wär’s! Noch schmunzeln wir verhalten und wissen doch genau: Da liegt nicht nur ein Duft von Plätzchen, Gans und Harmonien in C-Dur in der Luft. Sondern auch: Knatsch und Zwietracht, Türenknall und fliegende Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren. Dass auf so einem Fest der Liebe die Stimmung ganz schnell kippen und zum waschechten Streit eskalieren kann, wissen wir. Aber hey: Wenn wir eh alle streiten – dann machen wir’s wenigstens richtig! 

 

Friede, Freude, Heiterstreit 

Streiten ist meistens so unangenehm wie manchmal unabdingbar. Und natürlich halten wir alle unsere eigene Art der Auseinandersetzung für die einzig wahre. Warum das aber alles wirklich so ist, wie es ist, so mancher Streit wirklich wichtig und wie wir’s am besten machen, lassen wir uns lieber mal von den echten Experten erklären.

Text: Katharina Wasmeier

 

Manche streiten leise und manche sehr laut, manche mit Worten und andere mit Türen. Ein Streit kann flirren und sirren, bahnt sich langsam an und dann seinen explosiven Weg. Wir können zu zweit streiten und zu zehnt, manchmal auch ganz tief drin in uns selbst. Der eine sucht die Konfrontation geradezu, der andere das Weite, sobald ein Missklang ertönt. Der Krach kann simmern und schwelen und manchmal vernarben, er kann aber auch feste umarmt und weit weg verlacht werden. Er lauert um die Ecke von Freund- und Verwandtschaften, lungert in den Leben von Familien und Einzelgängern herum, streichelt hämisch Fremde wie Liebende, und obwohl ihn eigentlich keiner mag, gehört er ziemlich felsenfest zum Leben dazu. Und wenig überraschend gilt auch hier: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – oder nur unter großer Mühe. „Man lernt ein Leben lang. Doch die Prägung aus der Kindheit schreibt sich tief in die Gefühle ein“, sagt die Erlanger Soziologin Prof. Dr. Aida Bosch. Und für die Kinder gilt es, Weichen zu stellen für etwas, das später als „gute Konfliktkultur“ gelobt werden wird: Wege finden, Differenzen zivil auszutragen, Grenzen wahren und Höflichkeit, Kompromisse, gar Lösungen finden und statt Schuld zuweisen Verantwortung übernehmen. Das klingt anstrengender als es ist, doch den Weg dorthin gilt es zu – tja: bestreiten. „Kinder sind ungebremst in ihren Emotionen und müssen erst lernen, sie zu regulieren“, so Dr. Bosch. 

Ein Prozess, der dauert, aber im Gleichschritt des zivilisatorischen Prozesses unabdinglich geworden ist: Je mehr Kontakt unterschiedliche Menschen zueinander haben, desto mehr Toleranz füreinander benötigen sie – und desto mehr Selbst- und Affektkontrolle. Rumbrüllen, Ellenbogen, zuschlagen? Nicht so gut. Die Kehrseite der Unterdrückung der Gefühle: Mehr Neurosen, wie schon Sigmund Freud konstatierte. Autoaggressives Verhalten. Den Ärger runterschlucken – oft ratsam, aber sicherlich nicht immer. „Kindern muss die Möglichkeit gegeben werden, Wut zuzulassen. Nur so können sie lernen, Affekte zu regulieren und einen angemessenen Ausdruck zu finden.“ Raum für das individuelle Gerechtigkeitsempfinden. Und die passende Sprache dazu. Ein Beispiel: Ein Kind, das zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, artikuliert das Gefühl nicht, das sich dann festsetzt. Später fehlt dem Erwachsenen die Konfliktfähigkeit – und ein essenzielles Werkzeug, für die eigenen Interessen einzustehen. Über die Emotionen zu sprechen statt stets ein „Reiß dich zusammen!“ einzufordern oder den Zorn als pathologischen Zustand zu brandmarken, sei, so Prof. Bosch, eine vorzulebende Verantwortung der Eltern. Ein gute statt einer toxischen Konfliktkultur entwickeln, die getränkt ist vom schwierigen Klima aus Verachtung und Neid, Despektion und Unterdrückung und folgender Explosion. 

Auch der Streit unter Geschwistern – ein eigenes Thema zunehmenden Forschungsinteresses – sei zwar oft ein Ausdruck natürlicher Rivalität, meist aber eine Form spielerischer Tests, die „manchmal ausarten“, soziales und emotionales Training. Im besten Fall erlangen Kinder hierbei eine Frustrationstoleranz, die sie später benötigen, und die sie für die Anforderungen „ziviler Konflikte“ vorbereitet. Zwischenmenschliches. Was man halt dann dauernd so hat. Dass die Familie dafür ein „Safe Space“, also das beste Trainingsfeld ist, so Prof. Bosch, sei leider nicht immer gegeben, denn „wo wir lieben, sind wir verletzlich. Hohes Vertrauen macht uns anfällig für Enttäuschung und setzt voraus, dass unsere Verletzlichkeit respektiert wird.“ Es scheint, also müsse man verdammt viel denken. Sich zurückhalten, kontrollieren. Oder? Nein. „Unbedingt“, sagt die Soziologin, „durchaus mal spontan sein! Auf den Tisch hauen!“, denn wichtig sei es, sich die Authentizität zu bewahren und sich selbst als echt zu erleben, statt stets gefangen im sozialen Korsett. 

Wie das mit dem Streiten richtig geht, wissen Susanne Galsterer und Magdalena Steib – und zwar ziemlich gut. Als Mediatorinnen führen die beiden aus Erlangen und Neumarkt mit der „Streitschule Nürnberg“ den hiesigen Ableger eines deutschlandweit vertretenen Netzwerks. „Konstruktiv streiten kann jeder – und wenn man es noch nicht kann, dann lernt man es eben“, so das Credo, unter dem in individuellen Seminaren oder solchen für Paare, Senioren oder (Schul-)Kinder vermittelt wird, wie man das richtig macht mit dem Streiten.„Jede Emotion ist erlaubt, denn jedes Gefühl ist wichtig“, sagt Susanne Galsterer. Gerade Kindern gegenüber sei wichtig, deren Gefühle stets wahrzunehmen und zu respektieren, statt abzuwiegeln. Gemeinsam das Gefühl anschauen statt „Da brauchst du doch nicht wütend zu sein!“ In einer ersten Wut sei eine unperfekte Kommunikation durchaus erlaubt, doch „wichtig ist, dann in Ruhe nochmal darüber zu sprechen, was genau mich geärgert hat und was ich mir gewünscht hätte.“ Wütend zu sein oder verärgert, sei verständlich und vermutlich nicht immer zu kontrollieren. Die Erfahrung zeige jedoch, so die Mediatorin, „dass man mit einer richtigen Wut im Bauch selten einen Streit fair klären kann.“ Besser: Die berühmte Nacht drüber schlafen – und tags darauf erklären, was mich in Rage gebracht hat und was ich eigentlich gebraucht hätte. Ultima Ratio hier nach wie vor: die Ich-Botschaft. 

Die gute und konstruktive Streitkultur habe zudem unbedingt Fairness und Erfüllung möglichst vieler Bedürfnisse auf beiden Seiten zum Ziel. In den Seminaren der Streitschule wird das geübt. Gute Kommunikation (Freundlichkeit, zuhören, ausreden lassen, erklären, verschiedene Sichtweisen erkennen und akzeptieren). Eigene Grenzen und die des anderen kennen und akzeptieren. Kritik richtig formulieren statt Vorwürfe machen. Streiten ohne Verlierer … So viel Theorie – aber wie geht das in der Praxis? „Weihnachten daheim ist ein Pflichttermin voller Interessenskonflikte und Erwartungen“, findet der Psychologe Prof. Dr. Frieder R. Lang, der am Nürnberger Institut für Psychogerontologie übers Erwachsen- und vor allem Älterwerden forscht. Frust, Erfüllungsdruck, Geschrei. Mediatoren? Sitzen vielleicht längst am Tisch. „Die meisten Menschen werden im Laufe ihres Lebens verträglicher“, sagt Dr. Frieder Lang. Altersmilde, das ist eigentlich: Erfahrungsmilde. „Ältere Menschen verfügen meist über eine größere Empathie und weichen negativen Emotionen geschickter aus.“ Die Großeltern aufzusuchen bei Frust und Ärger berge wenig Gefahr von Gegenärger, biete dafür eine neutralere Position. Oma und Opa, die Quasi-Mediatoren. Oder mal was anderes probieren. Lachen, zum Beispiel. 

 

Streiten leicht gemacht – Tipps & Tricks von der Streitschule

 

Vorher: 

– sich der eigenen Bedürfnisse bewusst werden
– diese rechtzeitig benennen
– gemeinsam Regeln formulieren / aushandeln
– sich bewusst sein, dass es immer mehrere Sichtweisen geben kann

 

Mittendrin: 

– meine Sicht möglichst neutral schildern
– sagen, wie ich mich dabei gefühlt habe
– dem anderen zuhören, wenn er seine Sicht erzählt
– den anderen fragen, wie er sich dabei gefühlt hat
– jeder formuliert, was er gebraucht hätte, oder jeder formuliert einen Wunsch
– jeder reflektiert, was er selbst dazu beitragen könnte, damit das Miteinander besser klappt
– gemeinsam Lösungen suchen und sich dann auf eine Lösung einigen

 

Nachher: 

– entschuldigen reicht oft nicht
– eine Lösung finden, die beide akzeptieren
– nach einem kleinen Zeitraum (z. B. 2 Wochen) nochmal gemeinsam schauen, wie es jedem geht, und ggf. nochmal nachjustieren
– regelmäßige Feedbackgespräche: Lob und Manöverkritik

 

Streitschule-nuernberg.de

X