„Das positive sehen“ – Christikind Benigna Munsi im Interview

Dez 9, 2020 | LEBENSRAUM

„Ich versuche, immer das Positive zu sehen.“

Christkind statt Nikolaus – was ursprünglich als urprotestantischer Akt gegen die Heiligenverehrung begann, ist spätestens seit dem 20. Jahrhundert auch aus traditionell katholischen Gegenden nicht mehr wegzudenken. Wann und wie genau aus dem kleinen Jesus ein strahlender Engel verdächtig weiblicher Anmutung wurde, ist nicht so richtig klar – wohl aber, dass seit 1933 genau diese himmlische Figur in Nürnberg sehr irdische Gestalt angenommen hat: „Das Christkind lädt zu seinem Markte ein, und wer da kommt, der soll willkommen sein“ lautet der letzte Satz des alten Prologs, für den Nürnberg, der Christkindlesmarkt und die im Zweijahresturnus neugewählte weltliche Stellvertreterin auf der ganzen Welt berühmt sind. 

In der aktuellen Amtsperiode hat Benigna Munsi (18) die goldene Krone auf, die zum ersten Mal nicht nur im Glanz der Vorweihnachtszeit steht, sondern auch urplötzlich im Zentrum wenig positiver Nachrichten: War es gleich zu Beginn die AfD, die mit ihrem Kommentar zum indisch-stämmigen Christkind ihr fremdenfeindliches Gesicht zeigte, muss in diesem Jahr die für Kinder, Schwache, Einsame so bedeutend nahbare Gestalt einen neuen Weg der Begegnung suchen: Ende Oktober gab die Stadt Nürnberg nach langem Ringen bekannt, den Christkindlesmarkt abzusagen. Ein bisschen himmlischen Glanz und irdisches Stahlen haben wir trotzdem noch für euch einfangen können – und mit Benigna Munsi und dem Christkind über schlechte Laune, Großfamilien und sommerliches Plätzchenbacken geplaudert.

Interview: Katharina Wasmeier

ELMA: Du bist Ministrantin, singst im Kirchenchor, tanzt Ballett, spielst drei Instrumente, hast dein Studium begonnen – schläfst du eigentlich auch noch manchmal? 

Ministrantin, Sängerin, Fußballerin, Schauspielerin, Regenbogen – Benigna Munsi füllt souverän die Rollen aus. Kostüme auch.

Benigna Munsi: Ich schlafe ziemlich gut und viel, bin allerdings auch eine Frühaufsteherin, die versucht, den Tag möglichst gut zu nutzen– und samstags um 8.30 Uhr Chorprobe hat. Das fällt jetzt in Passau zwar leider weg, aber ich finde bestimmt schöne andere Sachen. 

ELMA: Du hast gestern dein Gewand anprobiert. Hast du dazu jetzt eine goldene Gesichtsmaske bekommen?

Christkind: Das nicht, aber ich habe eine große Schar an Engeln, die im Hintergrund für mich arbeiten und sich um alles kümmern – auch um die Sicherheit. 

ELMA: Statt Engeln hast du so viele Geschwister – darauf ist das Christkind sicher neidisch. Oder wie seht ihr das? 

Benigna: Ich würde niemals tauschen wollen: So eine Großfamilie ist super! Aber du musst nicht neidisch sein, denn du hast ja deine Engel, deine Freunde und auch Familie. Zwar eine kleine, aber dafür ist die immer da. Und du bist wahrscheinlich das meistgeliebte Einzelkind der Welt … 

ELMA: Ist das immer toll? 

Christkind: Ich fühle mich ja wie gesagt gar nicht so sehr als Einzelkind. Meine vielen Freunde machen die fehlenden Geschwister wieder wett. Aber manchmal wäre ich gerne ein Junge. Kennst du das? Was würdest du denn machen, wenn du einen Tag ein Junge sein dürftest? 

Benigna: Nichts anders als jetzt! Ich sehe überhaupt keine Einschränkungen oder Unterschiede, sondern mache alles einfach so, wie es mir gefällt. Sport, Klamotten – egal! Dafür bist du immer so schön und elegant. Willst du nicht manchmal auch ein bisschen verrückt sein?

Christkind: Neulich habe ich beim Himmelsflug einfach mit fünf fremden Wolkenkätzchen gespielt, das war super! Und sonst – würde ich so gerne einmal backen! Ich esse doch so gerne Plätzchen, vor allem die mit Marmelade drin, und habe einfach keine Zeit, selbst welche zu machen. Deshalb backe ich im Sommer – das ist dann schon ziemlich verrückt. Und ich bin ja auch schon so wahnsinnig alt. 

ELMA: Wie stellst du dir dein Leben vor, wenn du, sagen wir, 100 bist? 

Benigna: Ich hoffe, dass ich da noch gesund bin und auf ein Leben ohne Reue zurückschauen kann. Es kommt ohnehin alles, wie es sein soll. Mit manchen Türen öffnen sich Möglichkeiten, die du sonst nie in Erwägung gezogen hättest. Ich versuche, immer das Positive zu sehen. 

ELMA: Wir freuen uns jedes Jahr aufs Christkind. Warum, glaubst du, brauchen wir dich so dringend?

Christkind: Weil die Menschen immer gestresst und gehetzt sind, und das noch viel mehr im Advent. Ich denke, ich kann ein bisschen Ruhe mitbringen, Freude und Hoffnung auf bessere Zeiten – heute wichtiger denn je. Und ich versuche, den Leuten Aufmerksamkeit zu schenken, die sonst immer vergessen werden. Wenigstens an einem Tag im Jahr. Und natürlich versuche ich, den Frieden auf Erden zu bringen. 

ELMA: Was machst du, um die Welt ein bisschen freundlicher zu gestalten? 

Benigna: Wenn ich mal schlechte Laune habe, versuche ich die möglichst für mich zu behalten und nicht motzig zu anderen zu sein – das bringt mir nichts und verdirbt nur die Laune der anderen. Neulich hat mich ein fremder Opa in der Stadt angesprochen, woraufhin wir uns eine Stunde supergut unterhalten haben. Ehrlich: Es war toll, was ich gelernt habe, wie entspannt ich in dem Moment war. Kein Handy, keine Uhr, nur dieser zufällige Austausch unter Fremden, den es kaum mehr gibt. Das ist schade, denn man kann so viel lernen, wenn man sich so begegnet. 

ELMA: Du bringst jedes Jahr viele Geschenke. Dabei sagst du: „Wer alles schon hat, der braucht nichts geschenkt.“ Wann hat man denn genug?

Christkind:  Ein Zuhause zu haben, etwas zu Essen und Freunde, und damit froh und zufrieden zu sein – dann hat man genug. Wenn man erkennt, dass es nicht immer Materielles sein muss, dann hat man den ersten Schritt zur Zufriedenheit gemacht. Zufrieden bin ich meistens, manchmal sehe ich aber Sachen, die mich traurig machen. Wirst du manchmal wütend? 

Benigna: Ungerechtigkeit macht mich wütend. Hilflosigkeit. Und dass Menschen vorschnell übereinander urteilen, ohne die Lebenshintergründe des anderen zu kennen. Was macht dich denn traurig? 

Christkind: Dass die Leute so wenig aufeinander achtgeben, das ganze Jahr gestresst sind und sich immerzu mit anderen vergleichen: Sei es aus Neid, weil die anderen mehr haben, oder aus Freude darüber, besser zu sein als die anderen. Ihr streitet doch bestimmt auch in der Familie. Könnt ihr das gut? 

Benigna: Die Familie ist ein geschützter Raum, in der wir diskutieren lernen, rhetorische Fähigkeiten entwickeln können, uns in Sicherheit ausprobieren und Gefühle rauslassen – was superwichtig ist. Klar gibt es auch unnötiges Gezicke, und man muss wissen oder zumindest lernen, wann Grenzen überschritten sind. Das Wichtigste: Sich hinterher entschuldigen und vertragen! Und du hast wahrscheinlich viele gute Freunde, die dir helfen. 

ELMA: Können Freunde Familie ersetzen?

Christkind: Das funktioniert wahrscheinlich nicht für jeden, aber für eine gute Beziehung muss man nicht zwingend verwandt sein. Auch eine Gemeinschaft kann Familie sein oder werden. Ich sehe oft Patchworkfamilien, die von Jahr zu Jahr mehr zueinanderfinden und zusammenwachsen. Alte Freunde von mir sind Nikolaus und St. Martin. Weißt du noch, ob du denen mal ein Gedicht aufgesagt hast? 

Benigna: Na klar, Martinslieder und Nikolausgedichte – immer! Das gehört zur Familientradition. Mama hat als Kirchenmusikerin zu der Zeit ihre Hauptarbeitstage – und wir sind nicht nur als Ministranten dabei, sondern auch als Krippenspieler. Ein Heidenspaß mit Verkleidung, am liebsten war ich immer das Schaf! Ansonsten besuchen wir immer unsere Nachbarn, gewissermaßen die erweiterte Familie – und es gibt richtig klassische Würstchen mit Kartoffelsalat. Aus Zeitmangel. 

ELMA: Was wünscht ihr euch fürs neue Jahr?

Christkind: Ich wünsche dir für die Zukunft viel Spaß beim Erfahrungen sammeln, dass du versuchen kannst, alle Möglichkeiten zu nutzen und über dich hinauswächst! 

Benigna: Und ich dir keine gebrochenen Flügel und dass du gesund bleibst und auf dich und uns alle aufpassen kannst – und nicht zu viel Stress hast! 

 

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