Mächtig in Weinfranken, Wächter in Mainfranken

Nov 4, 2020 | Schau ins Land

Festung Marienberg und Residenz Würzburg

Spätestens im Herbst richtet sich die Aufmerksamkeit der Welt zielstrebig ins Unterfränkische, wo sie gleich dem berühmten Auge von Mordor erspäht, was sie begehrt: Wein- pardon: Mainfranken. Mittendrin in dieser Pracht thronen erhabene Bauwerke.

Text: Katharina Wasmeier 

Bereits im Mittelalter wusste man die exquisite Mischung von Klima und Boden zu schätzen und kultivierte die Region auf 40 000 Hektar Rebfläche zum größten Weinanbaugebiet nördlich der Alpen. Ganz so viel ist heute nicht mehr übrig, doch immerhin wringen die fränkischen Weinbauern aus gut 6500 Hektar Jahr für Jahr um die 350 000 Hektoliter und verkorken den Ruf der Region zuverlässig als Genuss- und Kulturlandschaft, die in Deutschland ihresgleichen sucht. In der zweitgrößten Slowfood-Region Deutschlands huldigt man selbstverständlich Bacchus, bei dem es sich praktischerweise um den antiken Gott des Weins handelt und zugleich um eine fränkische Rebsorte, besonders hingebungsvoll im Herbst in Form von Weinfesten, von denen sich obengenanntes Späherauge magnetisch angezogen fühlt. Damit die Welt der Region nicht die Haare vom Kopf degustiert, hat sie sich sukzessive um ein paar andere Sehenswürdigkeiten bereichert. Die sind zwar ähnlich alt, verfügen dafür aber über eine wesentlich längere Halbwertszeit als das flüssige Gut und bringen  selbst bei einem exzessiven Genuss garantiert keine Nebenwirkungen mit sich. Weithin sichtbar auch für eilige Autobahn-Vorbeihuscher ist die Festung Marienberg. 741 zur ersten Würzburger Bischofskirche erhoben, baute man um ebenjenes Gotteshaus ab 1200 eine für diese Zeit ungewöhnlich große Burg, die im Lauf der Jahrhunderte umgemodelt, aufgerüstet und zum Bollwerk der Wehrhaftigkeit entwickelt wurde, das wie so vieles erst von den gewaltigen Erschütterungen des 2. Weltkriegs in die Knie gezwungen wurde: 1945 brannte die Festung fast ganz aus, der Wiederaufbau dauerte bis 1990. Seither wacht die Festung geweißelt und erstarkt über die Stadt zu ihrem Fuße, der sie vermutlich als „castello Virteburh“ auch Namensspenderin ist – ganz überzeugt ist die Sprachwissenschaft da nicht. Um so sicherer kann man sein, mit der uralten Marienkirche, dem 40 Meter hohen Bergfried und dem Brunnenhaus mit seiner über 100 Meter tiefen Zisterne eindrucksvolle Zeugnisse einer über 1000-jährigen Burggeschichte zu entdecken. Die Burg besitzt noch dazu mit dem heiter klingenden „Maschikuliturm“ eine beeindruckende Scharfschützenanlage, von deren Anblick man sich am besten im allegorisch-getupften Fürstengarten erholt – und dabei die einzigartige Aussicht auf Würzburg genießt, das Maintal bis Randersacker sowie den Nikolausberg mit der barocken Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung, besser bekannt als „Käppele“. 

Und man kann schon mal den schweifenden Blick auf Scharfsicht stellen und dabei mit der Stadtkarte wedeln: Unten im städtischen Tal befindet sich die zweite herrschaftliche Schlossanlage. Die circa 1000 Jahre, die Marienberg und Residenz trennen, durchkreuzt man binnen einer halben Stunde forschen Schrittes auf Siebenmeilen- oder besser: Zweikilometerstiefeln, noch dazu bergab, um über die urberühmte Alte Mainbrücke hineinzustürmen ins „barokoko’sche“ Wunderwerk: die Würzburger Residenz, deren Aufnahme ins Welterbe die UNESCO 1981 damit begründete, sie sei „das einheitlichste und außergewöhnlichste aller Barockschlösser“ und „einzigartig durch ihre Originalität“ – ein Merkmal, das die durchschnittliche zeitgenössische Architektur eher vermissen lässt. Doch die Residenz ist frei von modernen Sorgen, begann doch vor genau 300 Jahren ihr Bau nach Plänen eines Mannes, den viele wahrscheinlich nur als Straßennamen kennen: Balthasar Neumann wurde als unbedeutender Ingenieur des Offizierskorps vom absolutistischen Fürstbischof von Schönborn mit dem Bau einer Repräsentanz beauftragt – und führte mit dem Ergebnis nicht nur die Stadt zum Erfolg, sondern setzte sich als einer der bedeutendsten Baumeister des Barock und Rokoko in Süddeutschland selbst ein Denkmal, dessen Anblick schon von außen den Atem eines jeden Schlösserfreundes stocken lässt. Zeit zum Luftholen wird auch drinnen kaum bleiben: riesige Deckenfresken und glitzernde Spiegelkabinette, Kaiser- und Weißer Saal, Pracht und Pomp in 300 (!) Räumen, von denen 40 besichtigt werden können. 

Residenz Würzburg, R.3, Treppenhaus auf Höhe der zweiläufigen Treppe mit Balusterfiguren

Zum Ensemble auf knapp 15 Hektar gehört selbstverständlich standesgemäß nicht nur ein Garten, sondern derer drei bis fünf: Süd- und Ostgarten, Englischer Garten und Hofküchengarten umranken, sich an die barocke Stadtmauer kuschelnd, das schnieke Bauwerk und wollen würdiger Haltung und forschenden Schrittes durchmessen werden. Zu entdecken gibt es alles, was die damalige Gärtnerseele zur Beruhigung bedurfte und heutzutage als „instagrammable“ gedealt wird: Symmetrie und Heckenschliff, in Form gestanzter Buchs und knirschende Weg-Geometrie, in deren Mitte sich garantiert akribisch hineingezirkelte Springbrunnen und Teichanlagen finden und ordentlichst frisierte Eiben bereitgehalten werden für den Fall, dass es eine göttliche Hand nach einer feinen Partie Kegelspiel verlangt. 

Apropos „spielen“: Während erwachsene Personen beim Lesen der Würzburger Schlosslektüre im besten Fall feuchte Augen bekommen vor Glück und freudiger Erwartung, füllen sich die des Nachwuchses im schlimmsten Fall jetzt bereits mit heißen Tränen der Verzweiflung. Aufkeimendem Zwist können wir im besten Fall hier und jetzt sofort Einhalt gebieten, und zwar dank kluger kultureller Finten der Mainfrankenmetropole: Die bietet nämlich in Kooperation mit dem Mainfrankentheater allerlei multisupermediale Dinge an, die zahlreiche Anknüpfungspunkte für Kinder und auch ausflugsskeptische Teenager beinhalten. Neben dem circa einstündigen Audiowalk „Die Stadt als Bühne und Zuschauerraum“ für Jugendliche ab 13 Jahren verlieren sich

Würzburg, Festung Marienberg, Fürstengarten (AF 11), Blick zum südlichen Gartenpavillion

Prinzen und Prinzessinnen aller Altersgruppen womöglich im mehrteiligen Hörspiel „Der kleine Prinz“ mit besonderem Würzburger Clou „Familienrallye“, bei der Kinder ab circa acht Jahren selbst in die Rolle des kleinen Protagonisten schlüpfen und im Hofgarten der Residenz durch das Weltall reisen können. Das „Museum für Franken“ auf der Festung Marienberg hat sich für Nachwuchshistoriker ebenfalls allerlei einfallen lassen und bildet u. a. mittels druckfrischem „Entdeckerheft“ Jungbesucher spielerisch zu Museumsexperten aus. Sollte die Neugierde dann unstillbar und der Forscherdrang schier endlos werden, sei an dieser Stelle noch ein kleiner Tipp in Elternrichtung gegeben: Die eingangs genannten Weinfeste, idyllisch in Weinhängen, auf Winzerhöfen und an Flussufern begangen, fallen zwar dieses Jahr weitestgehend aus. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Würzburger sich ihres wichtigsten Kulturguts einfach so entledigen. Zweifel? Einfach unauffällig zur Alten Mainbrücke schlendern. Quod erat demonstrandum. 

 

 

Residenz Würzburg, Westfassade in ihrer Gesamtbreite von 168 m

 

Festung Marienberg
97082 Würzburg
Telefon 0931 35517-50
ÖZ Außenbereich: Apr–Sep 9–18 Uhr & Okt–Mär 10–16.30 Uhr; montags geschlossen
museum-franken.de
Entdeckerheft z. B. museum-franken.de/fuehrungen-mehr/entdeckerheft.html

Residenz Würzburg
Residenzplatz
97070 Würzburg
Telefon 0931 35517-0
ÖZ Apr–Okt 9–18 Uhr & Nov–Mär: 10–16.30 Uhr; täglich geöffnet
residenz-wuerzburg.de
Rallye z. B. mainfrankentheater.de/theater/plattformx/theater-x-digital

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