GESUNDER EGOISMUS HILFT KIND UND FAMILIE

Nov 18, 2020 | RECHT UND SOZIALES

Der „Job“ als Mutter oder Vater ist kräftezehrend. Damit aus totaler Erschöpfung, depressiver Verstimmung oder Schlafproblemen keine dauerhaften gesundheitlichen Schäden werden, ist eine seit 1989 gesetzlich verankerte Mutter- (Vater-)Kind-Kur absolut empfehlenswert. Wie kommt man an solch eine Kur und was passiert dort eigentlich?

Text Susanne Berg

 

„Ich war erschöpft, müde und ohne Motivation“, erinnert sich Tanja (Name geändert). Ihr Partner hat gesundheitliche Probleme, der Umzug ins eigene Haus muss bewältigt werden, und eines ihrer beiden Kinder (2 und 6) leidet an ständiger Bronchitis. Beide brauchen dringend eine Auszeit. Ein halbes Jahr vorher fängt sie an, zu planen. Denn die angepeilte Kurklinik kann schnell zum gewünschten Zeitpunkt ausgebucht sein. „Da man das Recht hat, sich für eine zur eigenen Situation passende Einrichtung zu entscheiden, sollte man sich vorher informieren. Ich habe mir Erfahrungsberichte der Kurkliniken durchgelesen“, berichtet Tanja. Wegen des heilsamen Klimas fürs Kind fiel ihre Wahl auf eine Kurklinik an der Ostsee. Sie wendet sich gleich an die Krankenkasse und hat Glück. Ihre Kur wird sofort für diese Klinik bewilligt.

 

„Bei medizinischen Voraussetzungen haben Mütter und Väter in Familienverantwortung laut §§ 24 und 41 SGB V alle vier Jahre Anspruch auf eine medizinische Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme. Die Kur wird auch für mit- fahrende Kinder von den Krankenkassen finanziert und dauert drei Wochen – falls notwendig, verlängerbar um eine Woche. Auch zwischen den vier Jahren kann ein Antrag gestellt werden“, so Anne Schilling, Geschäftsführerin der Elly-Heuss-Knapp-Stiftung des MGW, die trotz ihrer wichtigen Arbeit immer wie- der auf Spenden angewiesen ist. Mütter mit behinderten oder betreuungsbedürftigen erwachsenen Kindern dürften häufiger eine Kur beantragen. Zehn Euro pro Tag für das Elternteil müssen selbst gezahlt werden.

Es gibt die reine Mutter- bzw. Vater-Kur ohne Kinder. Sind die Kinder noch zu © MüttergenesungswerkCornelia Werner klein und brauchen
ihre Mutter noch zu sehr, um sie drei Wochen beim Vater oder den Großeltern zu lassen, gibt es die Mutter- bzw. Vater-Kind-Kur. Haben auch die Kinder gesundheitliche Probleme, werden sie bei einer solchen Kur ebenfalls mitbehandelt. 
Lässt man sich von einer der über 1000 Beratungsstellen des MGW oder der 350 Caritas-Stellen in Deutschland beim Antrag helfen, sind die Aussichten auf Erfolg noch größer. Mit den Antrags- papieren geht man zum Hausarzt seines Vertrauens, der den medizinischen Teil ausfüllt. Dort bespricht man Symptome und passende Klinik. Noch bevor die Krankenkasse den Kurantrag genehmigt hat, sollte man seinen Wunschzeitraum in der favorisierten Einrichtung vorreservieren.

Nach einem Arztgespräch in der Kurklinik wird für jede Mutter ein individueller Therapieplan erstellt. In diesem finden sich Physiotherapie, Heilbäder, Massagen, zahlreiche Sportangebote wie Walken und Schwimmen, aber auch Einzelgespräche mit einer Psychologin und Gruppengespräche mit den anderen Müttern bzw. Vätern. Entspannungsübungen, Vorträge sowie Kreativangebote komplettieren das Rundumpaket. „Einfach mal raus zu sein aus dem gewohnten Alltag, Sport und Bewegung haben gutgetan, oder dass ich zwischen- durch eine Stunde Zeit hatte, mir ein Buch zu nehmen und an den Strand zu gehen“, berichtet Tanja.

Für Väter gibt es reine Vätergruppen. Mitfahrende Kinder werden altersgerecht betreut und bei eigener medizinischer Diagnose behandelt. Währenddessen geht die Mutter zu Physiotherapie oder Walken oder kann sich in Ruhe mit anderen Müttern austauschen. „Drei Wochen lang fiel für mich die Hausarbeit weg. Wir konnten uns jeden Tag an einen gedeckten Tisch setzen. Ich war froh um die gemeinsame Zeit mit den Kindern. Wir haben viele entspannte Stunden am Strand verbracht“, sagt sie rückblickend.

Mütter kommen erst in die Kur, wenn sie gar nicht mehr können.“ Zu erfahren, dass es allen anderen Müttern genauso geht und es auch an den gesellschaftlichen Bedingungen liegt, verändere den Blick auf die eigene Leistung und die eigenen Bedürfnisse. Das könne täglich eine halbe Stunde Zeit für sich allein mit einer Tasse Tee oder zweimal in der Woche eine Stunde Walken sein. Oder aber, die Hausarbeit familiär anders zu verteilen. „Mütter leisten viel zu viel. Ich wünsche mir für die Frauen eine kleine Portion mehr Egoismus!“

Noch ein halbes bis ein Jahr nach einer Kur, manchmal länger, haben sich u. a. die Mutter-Kind-Beziehung verbessert, die Menge an eingenommenen Medikamenten sowie Arztbesuche verringert, wie der Forschungsverbund Familiengesundheit der Medizinischen Hoch- schule Hannover herausgefunden hat. „Die Mütter haben auch einfach wieder Lebensfreude und mehr Kraft“, weiß Anne Schilling. Tanjas Kur ist jetzt über ein Jahr her. Für sie und ihre Familie hat es sich ausgezahlt: „Die Kur hat was gebracht, bis jetzt. Meine Erschöpfung kam nicht mehr wieder.“ Auch ihrem Kind geht es deutlich besser.

 

AUSWAHL AN BERATUNGSSTELLEN IN NÜRNBERG UND UMGEBUNG:

 

Arbeiterwohlfahrt

Karl-Bröger-Straße 90459 Nürnberg

0911/4508-131

awo-gesundheitsservice.de

 

Bayerisches Rotes Kreuz

Sulzbacher Straße 42 90489 Nürnberg 0911/5301-231 brk.de

Diakonisches Werk Roth-Schwabach Wittelsbacher Straße 4a 91126  /  Schwabach 09122/9256-335 diakonie-roth-schwabach.de

 

Caritasverband

Fürth
Königstraße 112-1144 90762 Fürth 0911/740-5015 caritas-fuerth.de

Lauf

Altdorfer Straße 45
91207 Lauf 09123/96268-15 caritas-nuernberger-land.de

Erlangen

Mozartstraße 29 91052 Erlangen 09131/8856-0 das-wohlfuehlhaus.de

 

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