Geborgenheit: die lebenslange Suche nach dem Halt

Nov 18, 2020 | DAS WOLLEN WIR WISSEN

Text: Simone Blaß 

Die Zeit, die wir im Mutterleib verbringen, ist der Urzustand des Geborgenseins: sicher, warm, vertraut, geschützt. Lebenslang versuchen wir – zumindest momenteweise – diesen uns in die Wiege gelegten Urzustand wieder zu erreichen.

 

„Was ist das – Geborgenheit?“ 

Julia, 4 Jahre

 

Ja, was ist das eigentlich – Geborgenheit? Geborgenheit scheint für jeden von uns etwas anderes zu sein. Aber irgendwie hat es immer mit Sicherheit zu tun, mit Vertrauen und Akzeptanz, mit Nähe und Wärme. Das scheinen die Zutaten zu sein, aus denen heraus dieses Gefühl überhaupt erst entwickelt werden kann.

 

„Ich empfinde Geborgenheit

im Gottesdienst.“

Anna, 80 Jahre

 

„Wenn mein Freund mich fest im Arm hält –

dann fühl ich mich geborgen.“

Valeria, 18 Jahre

 

Nimmt man sich ein bisschen Zeit und denkt darüber nach, was für einen selbst Geborgenheit bedeutet, dann hat man schnell ein paar Bilder im Kopf. Soll man das Gefühl aber definieren, wird es schwierig. Das ist ähnlich wie mit der Gemütlichkeit: leichter zu spüren als zu beschreiben. Wir alle wissen, was es bedeutet, aber erklären? Immerhin haben wir ein Wort dafür – im Gegensatz zum Rest der Welt. Die Dänen haben „Hygge“ – ein Wort zumindest für das Verbreiten von Wohlbefinden, und die Thailänder sprechen mit nur einem Wort von „warm ums Herz“ – was der Geborgenheit schon ziemlich nahekommt. Aber im Gros der Sprachen fehlt das entsprechende Pendant. Das war auch der Hauptgrund, warum Geborgenheit von einer hochrangigen Sprachjury einmal zum zweitschönsten1 Wort der deutschen Sprache gewählt wurde: „Hieraus wird erkennbar, wie wichtig es ist, Wörter für Gefühle zu haben, denn mit dem Wort kommt der Sache eine gewisse Existenz zu. Und: Man kann in Worte fassen, ob das Gefühl vorhanden ist oder nicht. Auch wenn unter dem Gefühl in konkreten Situationen wohl jeder etwas anderes verstehen kann“, erklärt die Sprachwissenschaftlerin Mechthild Habermann von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen.

 

„Ich fühle mich geborgen, wenn ich zu Hause alles dicht mache,

Telefone aus, Kerzen und Musik an.“

Jana, 30 Jahre

 

„Wenn ich nachts nicht schlafen kann

und Mama sagt: Komm rüber zu mir!“

Lukas, 11 Jahre

 

Genau wie die Gemütlichkeit, die ebenfalls nur in kleinsten Gruppeneinheiten und mit einem Bauchgefühl der Sicherheit entstehen kann, ist auch die Geborgenheit abhängig von unserem subjektiven Empfinden. Wir müssen uns sicher sein, dass wir vertrauen können, uns nicht zu  verstellen brauchen, müssen dieses Ganz-bei-uns-Sein empfinden, das uns im Alltag so oft abgeht. Die innere Mitte sozusagen.

 

„Geborgenheit ist für mich, wenn ich nach einem langen Arbeitstag

abends den Kopf in den Schoß meiner Partnerin lege,

sie mir sanft über die Haare streicht und wir einfach schweigen.“

Mehmet, 51 Jahre 

 

Vom „Geborgenheitswesen Mensch“ spricht der Psychologieprofessor Hans Mogel von der Uni Passau. Er ist einer der wenigen Forscher, die sich mit der Empfindung intensiv beschäftigt haben. Und im Lauf der Zeit hat er herausgefunden, dass es einige Begriffe gibt, die mit Geborgenheit weltweit in engem Zusammenhang stehen: Sicherheit auf Platz Nummer eins, aber auch sozialer Kontakt, Nestwärme, Familie, Gemeinschaft, Zuhause, und erstaunlicherweise ist sogar der Arbeitsplatz für viele Menschen Teil einer Geborgenheitssituation. Wer geborgen ist, ist geschützt. Und manchmal gehört dazu auch, sich abzuschotten, die Welt und äußere Einflüsse auszuschließen. Sich auf sich selbst konzentrieren, auf die Kinder, den Partner, Freunde …

 

„Wenn ich nach einer Woche im Außendienst heimkomme,

die Kinder auf mich zufliegen und es nach Essen riecht.“

Johannes, 35 Jahre 

 

Geht man dem Wort etymologisch auf den Grund, dann findet man heraus, dass Geborgenheit von „bergen“ abstammt, im Sinne von „jemanden vor der Gefahr in Sicherheit bringen“, und eigentlich einen „Zustand des Geborgenseins“ beschreibt. Wann und wie wir diesen Zustand allerdings erreichen, das verändert sich im Lauf der Zeit. Ist für viele junge Menschen der Begriff Geborgenheit noch eng verbunden mit Sex, so spielt das bei der älteren Generation überhaupt keine Rolle mehr. Neben Alters- und natürlich Geschlechtsunterschieden – nur Frauen finden zum Beispiel Geborgenheit in der Nachbarschaft – gibt es aber auch Unterschiede zwischen den Kulturen. In Asien zum Beispiel wird Geborgenheit häufig auch mit Existenzsicherung in Verbindung gebracht. Eins aber ist allen gemein: Je unsicherer die Zeiten, desto größer das Bedürfnis nach Geborgenheit. 

 

„Freundschaft ist Geborgenheit im Du“  (Zenta Mauriņa, lettische Schriftstellerin) 

 

Prof. Dr. Mechthild Habermann, Lehrstuhl für Germanistische Sprachwissenschaft (Bild: FAU/David Hartfiel)

Die Versuchsanordnung des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zum Thema Geborgenheit ist eines der grausamsten Experimente der Verhaltensforschung: Einem Affenbaby werden lediglich zwei Drahtmütter angeboten. Eine mit Fell überzogene und eine, die nur Nahrung spendet. Auf sehr traurige Art kann man hier beobachten, wie verzweifelt das Affenjunge nach Geborgenheit sucht. Forscher der Universität Magdeburg konnten an Ratten zeigen, dass fehlende Geborgenheit, die die Tiere normalerweise durch Ablecken der Jungen herstellen, Veränderungen im Gehirn zur Folge hat in Richtung Angst, Aggression und Suchtverhalten – was sich auf späteres Lern- und Sozialverhalten auswirkt.

 

„Wenn mein Mann mich in dem ganzen Trubel kurz in den Arm nimmt

und ich mich fühle wie auf einer Insel im Meer.“

Sandra, 43 Jahre 

 

Auch Kinder erleben Geborgenheit durch Menschen, die sie schützen, in den Arm nehmen, mit ihnen spielen. Das ist die Basis – auch, um später selbst emotionale Wärme geben zu können. Fehlt diese Basis, kann vieles schieflaufen. Und dass ein Zusammenhang besteht zwischen frühen Trennungen bzw. sozialer Kälte und Entwicklungsstörungen – das kann man sich nicht nur küchenpsychologisch herleiten, das wird auch in der Forschung in den letzten Jahren immer deutlicher.

 

„Geborgenheit empfinde ich, wenn ich mit meinem Kleinsten abends bei sanfter Beleuchtung im Bett liege

und wir uns abwechselnd vorlesen – da darf uns niemand stören, da lassen wir die Welt draußen.“

Mona, 45 Jahre

 

„Wenn wir alle zusammengekuschelt einen Film anschauen.“

Jonas, 9 Jahre

 

Wir wollen gesehen werden. „Wer übersehen wird, verliert die Verbindung zur Welt und manchmal auch zu sich“, schreiben die Pädagogen Udo Baer und Gabriele Frick-Baer in ihrem Buch „Das Wunder der Geborgenheit“. Schlimme Erfahrungen, zum Beispiel auch in vorhergehenden Partnerschaften, können den Zugang zu diesem ganz besonderen Gefühl blockieren. Ihn wiederzufinden kann Jahre dauern – aber das bedeutet nicht, dass Betroffene passiv warten müssen, bis die Geborgenheit sich mal wieder bequemt, um die Ecke zu kommen. Denn das könnte dauern. Es ist besser, selbst aktiv die Basis zu schaffen, Lebensumstände „geborgenheitsfreundlich“ zu gestalten und Bindungen zuzulassen. Und zum anderen Rituale einzuführen. Denn die Wiederholung von bekannten Mustern gibt uns Sicherheit und Struktur. Gibt uns etwas, worauf wir uns verlassen können.

 

„Ein Becher heißer Kakao,

wenn es draußen kalt ist.“

Angelika, 38 Jahre

 

Neben den äußeren Voraussetzungen brauchen wir vor allem menschliche Nähe vom ersten Lebenstag an, brauchen Freunde, soziale Kontakte, beständige und berechenbare Beziehungen. Das erst macht es uns möglich, Geborgenheit überhaupt zuzulassen. Professor Habermann hält es da mit Goethe: „Geborgenheit ist freilich ein stärkeres Wort für Glück.“ Und sie fragt: „Geht noch mehr?“ Nein, mehr geht nicht.  

Für die Wissbegierigen unter uns: Als das schönste deutsche Wort gilt „Habseligkeiten“.

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