Durch die Welt brettern

Nov 18, 2020 | ADVERTORIAL, Schau ins Land

Skimboarding und Kiteboarding, Snowboarding, River-, Mountain- oder Wakeboarding – die Liste der Sportarten, die im Deutschen so unspektakulär „Brettsport“ heißen, ist ziemlich lang. Ob auf Wasser oder Schnee, mit Segeln oder Zugmaschinen – seitdem im Hawaii des 15. Jahrhunderts der Mensch entdeckte, wie geschmeidig und vor allem geschwind man sich durch die Welt bewegen kann, wenn man sie auf einem Brett durchkreuzt, boardet er vergnügt über Stock und Stein. 

Text: Katharina Wasmeier

Wie gut vor allem zweiteres funktioniert, haben in den 1950er Jahren kalifornische Surfer erkannt und kurzerhand aus vier Rädern und einem Brett den Prototyp desjenigen Geräts gebastelt, das bis heute für Freiheit, Jugendkultur und urbanen Lifestyle steht – oder fällt. Denn das gehört zum Skateboarden dazu. Hinfallen. Aufstehen. Üben. Nochmal. Probieren. Dranbleiben. Irgendwann: können. Skaten, sagen Stewie und Jojo, das musst du wollen: Kein Trainer, der dich hochpeitscht, nur du selbst und deine Disziplin – und die anderen Skater, die dir helfen – mit Tipps und beim Aufstehen. Die soziale Komponente, das ist für die beiden jungen Männer ausschlaggebend. Zwei von zwei Dutzend Skatern, die heute Abend am „Germa“ unterwegs sind; so nennen sie den Kornmarkt am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, einer der Hotspots der Szene – und zugleich hochverdichteter Ausdruck all dessen, was Skaten bedeutet: Geräuschkulisse, wenn die Bretter nach den Sprüngen auf den Boden krachen, die vier Rollen über Plattenfugen knattern, über Gehwegkanten schleifen, gegen Bänke knallen. Ärger, weil manche Menschen das stört, dass da vor ihren Ohren was passiert, was sie kaum verhindern können. Freiheit, weil nichts und niemand die jungen Leute abhalten kann von ihrer Art, den öffentlichen Raum zu nutzen, sich die Stadt nicht nur anzueignen, sondern sie zu benutzen. Kultur, weil hier alles zusammenkommt, was im urbanen Lexikon zu finden ist: Alte und Junge, Touristen und Einwohner, Geschichte und Moderne, Schlendern und Hektik und – Tauben. 

Die flattern, als ein seltsam gebogener Stock zwischen sie fährt, dahinter ein Junge auf einem Brett. Warum der Stock? „Das ist ein Blindenstock. Den braucht er, weil er nur ungefähr 20 Prozent Sehfähigkeit hat“, erklärt Stewie, Steward Seidl eigentlich, Vorstandsmitglied des 2011 gegründeten Skateboardfreunde Nürnberg e. V., „Stimme für die Szene“ mit rund 60 aktiven Mitgliedern. „Das beste Beispiel dafür, dass das Einzige, was du zum Skaten brauchst, dein Wille ist.“ Und ein Board. Das hat Stewie geschenkt bekommen, als er 13 war und „noch nie mit dem Thema in Berührung gekommen“. Ab in den Park damit. Gucken, was die anderen so machen.
Erstmal vorsichtig, schüchtern – und sofort aufgenommen in die Gemeinschaft. „Niemand disst dich, weil du Anfänger bist“, das gibt es nicht in der Szene. Man hilft sich. Gemeinsam etwas schaffen, Hürden überwinden, Dampf ablassen, weiterkommen. Durch die Stadt heizen. Anschluss finden. Ein „sportliches Esperanto“, weil das Brett überall auf der Welt funktioniert, das gemeinsame Fahren keiner Sprache bedarf, keines Geldes, keiner Ausrüstung, irgendwer hat immer was zum Abgeben, und plötzlich gehört man dazu. Ersetze „Brett“ durch „Ball“, wo ist der Unterschied? „Es ist die perfekte Mischung aus Team- und Einzelsport“, sagt Jojo. „Man gibt sich gegenseitig Tipps und pusht sich, aber auf dem Brett stehst du alleine.“ Was soll daran Kultur sein? „Es ist kreativ und jeder, der will, kriegt Zugang. Es gibt keine Grenzen und keine Begrenzungen. Keine Hierarchien, sondern Respekt.“ 

Und das Klischee der Cool Kids, die Kiffer, die Abhänger, die Nichts-auf-die-Reihe-Krieger, was ist damit? „Unsinn“, sagt Stewie und erzählt von den Ingenieuren und Azubis, den Studenten und Handwerkern, die ihr Leben ganz schön gut und ihre Seele übers Skaten organisieren. Aber – wo sind die Ingenieurinnen und Azubinen, die Studentinnen und Handwerkerinnen? „Die gibt es natürlich auch“, versichert Stewie und zeigt auf eine Handvoll Mädels, die ihre Runden am Germa ziehen. „Nur leider nicht so viele.“ Es scheint eine Hemmschwelle zu geben, die zu durchbrechen noch nicht ganz gelungen ist. Aber schon ziemlich, wie beispielsweise die „Synesisters“ beweisen, ein Kollektiv junger Damen. Deren Idee ist: „G*rls ermutigen und supporten, ebenfalls zu skaten“, sagt Simira Tang, die im Skateboardfahren ihre große Leidenschaft, aber auch ihren sozialen Halt gefunden hat. „Für Außenstehende“, sagt die 21-Jährige, „mag Skaten bedeuten: super laut, hohe Verletzungsgefahr, dreckige Klamotten und kaputte Schuhe. Davon ist nichts abzustreiten.“ Ladylike? Geht anders. Braucht aber kein Mensch, denn „vor allem ist Skaten bzw. bringt Skaten Überwindung und Mut, unglaublich viel Spaß, eine starke Körperbeherrschung oder Balance, intensive Erfolgserlebnisse durch den ganzen Progress und eine unglaublich große und familiäre Community.“ Egal wer du bist oder was du hast, sagt Simira, „Skaten verbindet – ganz egal, aus welchen Verhältnissen du stammst oder woher du kommst.“ Die Mädels-Skaterszene sei in den letzten Jahren immer weiter gewachsen, vor allem im letzten Jahr sei das Interesse extrem angestiegen, „was uns super happy macht“. Eine größere Szene bedeutet freilich auch eine lautere Stimme, mit der Interessen vertreten, Projekte umgesetzt werden können – und sich um Nachwuchs gekümmert wird. Wenn er denn käme, sagt Stewie, und dass die Kids aber „nicht mehr von selbst draufkommen“ vor lauter Schule, Hausaufgaben, Handy. Deswegen gibt es Workshop-Angebote, über die der Verein die Kleinen aktivieren will. Mit Erfolg. Erfolgreich ist auch der stete Tropfen, mit dem sie ihr Anliegen in den Spittlertorgraben gehöhlt und dort einen superoffiziellen Skatepark installiert bekommen haben.

Dabei braucht’s den gar nicht zwingend. Es gibt „Straßefahren“ wie am „Germa“, erklärt Stewie, andere fahren lieber „Bowl“ – in den Boden eingelassene Riesenschüsseln, Pools wie am Pferdemarkt – oder Rampen. „Obstacles“ sind Hindernisse, städtebaulicher oder selbstgedrechselter Natur, die es zu überwinden gilt. Im besten Fall mit Tricks, die heißen „Pop Show It“, erklärt Stewie und fliegt durch die Luft, eine Woche jeden Tag üben, dann klappte es. Oder „Bomb Drop“ oder „Hippie Jump“ oder „Three-Sixtie“ und „One-Eighty“ – schon der Klang ist verheißungsvoll, verrucht irgendwie. Straße halt. Um Weltruhm geht’s hier nicht. Tony Hawk ist ein großer Name, der noch leise nachklingt. Ganz wenige schaffen es zum Profisport, zum Geldverdienen und Idol-Status. Mit Chris Pfanner lebt ein solcher Star in Nürnberg, mit Christoph Maderer einer, der ganz nah dran ist – mit der Kameralinse, aber auch aus eigener Überzeugung. „Skaten“, sagt er, „ist Meditation, Fitness und Koordination.“ Dass es sich um einen ernstzunehmenden Sport handelt, sollte doch spätestens der Ritterschlag der olympischen Disziplin bewiesen haben. „Ich denke, es ist wichtiger denn je, es gibt schon genug Nerds, die den ganzen Tag nur in ihrer virtuellen Welt am Rechner unterwegs sind und das echte Leben, das echte Streetlife mit allen Facetten verpassen.“

Simira Tang // Foto: Katharina Liebl

Allemal: Skaten räumt dich auf. Gibt dir einen Inhalt, eine Beschäftigung und eine Aufgabe, an der du dranbleibst, die du schaffen willst und übst, und bei der du dir vielleicht die Knie aufschlägst und heulst. Niemand zwingt dich, du machst es trotzdem, und dann – schaffst du’s. Was für ein Erfolgserlebnis! 

Und das ist jetzt wieder so ein Städter-Ding, die anderen haben Pech gehabt? Wer’s nicht eh längst selbst entdeckt hat, wirft einen kurzen Blick auf die Skatemap: Blaue Tupfen sprenkeln das ganze Land, die nah herangezoomt verraten, wo in der Metropolregion sie stehen, die teuren oder sperrholzgezimmerten Bowls und Halfpipes, wo die Streetparks zu finden sind, und wo die (wenigen) Indoorhallen und die Street Spots sich verstecken: unter Brücken und auf Parkplätzen, an den Wiesen und Feldern, den Äckern und Wäldern, vielleicht auch in einem Park(haus)? Hilpoltstein und Emskirchen, Obermichelbach und Kleinsendelbach, Postbauer-Heng und Reichenschwand. „Es ist nur der allererste Schritt, für den man wirklich mutig sein muss“, sagen Stewie und Jojo. Hingehen. Mitmachen. Den Beton benutzen. Der Rest? Kommt zu dir. 

 

Keep rollin’, rollin’, rollin’, rollin’… 

SKATEMAP &CO. Ausflug, Ferien, Langeweile irgendwo in der Metropolregion oder Deutschland oder … ? Nehmt euer Brett und vielleicht einen Schluck Mut und schaut hier nach, wo(hin) ihr skaten könnt. (skatemap.de, der-skatepark.de)

SKATEBOARDFREUNDE NÜRNBERG e. V. 2011 gegründeter Zusammenschluss für Nürnberg, Fürth und Erlangen. Weiß die besten Plätze, organisiert Workshops, Trips und Events. (facebook.com/SBFNbg)

SCHOKOFABRIK Hier kann es regnen, stürmen oder schneien – in Bayreuth gehen Skater in die Halle rein … Mit passendem Wetter (oder Outfit) auch in die Outdooranlage „Obere Röth“. (schoko-bayreuth.de)

BAMBERGER SKATEFREUNDE e. V. Jam-Sessions, Ausflüge, Kinderworkshops – seit 2016 gibt es in Bamberg und Umgebung eine Lobby auf vier Rollen. (bambergerskatefreunde.de)

Der Nürnberger Christoph Maderer ist nicht nur selbst passionierter Skateboarder, sondern hat auf der Halfpipe seiner Leidenschaft kurzerhand eine Abzweigung genommen und sich zu einem der gefragtesten Fotografen der Skate-Szene gemausert.

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