TEIL 4: RAUS AUS DER SCHULDENFALLE

Okt 18, 2020 | TITELTHEMA

Das erste selbstverdiente Geld, die erste eigene Wohnung – flügge werden ist eine spannende Zeit. Für viele junge Erwachsene bedeutet die neue Freiheit aber auch, dass sie zum ersten Mal in Eigenregie ihre Finanzen organisieren müssen. Da lauert so mancher monetäre Stolperstein, und unterm Strich kann schnell ein dickes Minus stehen. Beratungsstellen bieten Hilfe und zeigen Wege: raus aus der Schuldenfalle.

Text: Manuela Prill

Man kann kommen und gehen wie man will, niemand meckert über die schmutzigen Klamotten in der Ecke oder zu viel Fastfood auf dem Speiseplan: Die erste eigene Bude fühlt sich super an, endlich frei! Doch dann flattert eines Tages die Nebenkostenabrechnung ins Haus – 300 Euro Nachzahlung! Ein Schock, wenn man nicht damit gerechnet hat. So was kann die neue Freiheit leicht ins Wanken bringen, wenn sie zu sehr auf Kante genäht ist. Unvorhergesehene Kosten werden dann schnell zum Schuldenstolperstein. Das Schlimmste, was man in diesem Fall machen kann: den Kopf in den Sand stecken. Denn Schulden lösen sich nicht in Luft auf, im Gegenteil. Und mit dem Schuldenberg wachsen auch oft Schuldgefühle und Schuldscham. Bevor sich diese Spirale weiter nach unten dreht, holt man sich besser so früh wie möglich Rat und Unterstützung – von den Eltern, von Erwachsenen, denen man vertraut, oder bei professionellen Beratungsstellen. Seriöse Anlaufpunkte sind kostenlose Angebote von Kommunen oder Sozialverbänden wie Diakonie, Rotes Kreuz oder Arbeiterwohlfahrt. Der Deutsche Caritasverband etwa führt in Erlangen, Bamberg, Roth oder Weißenburg Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen, an die sich auch Jugendliche wenden können. Für Nürnberg und den Landkreis Nürnberger Land unterhält das Institut für Soziale und Kulturelle Arbeit (ISKA) im Auftrag der Stadt bereits seit 1988 eine allgemeine Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle. Seit kurzem betreut das Institut auch ein Angebot speziell für junge Erwachsene, das von der Jugendinformation Nürnberg, einer Einrichtung des Kreisjugendrings Nürnberg Stadt, ins Leben gerufen wurde: „my.cash – die Jugendschuldnerberatung“. Einmal im Monat können sich junge Leute bis 26 Jahre im Jugendtreff „Luise“ kostenlos mit allen Fragen rund ums Geld an Experten wenden. „Wir bieten hier bereits seit 2013 eine Rechtsberatung an, und da ist aufgefallen, dass das Thema Geld immer wieder aufkam“, berichtet die Leiterin der Jugendinformation Nürnberg, Eva Marenda. Der Informationsbedarf, speziell was Schulden betrifft, sei groß, und so entstand die Idee von „my.cash“. „Wenn es in jungen Jahren schon Probleme mit Geld gibt, dann kann es später schwierig werden“, betont Marenda. Umso wichtiger sei es daher, dass junge Leute sich schnell Hilfe suchen, wenn die Schuldenfalle zuzuschnappen droht oder sie schon hineingetappt sind. „Es ist nicht schlimm, wenn es passiert ist. Schlimm ist, wenn man nichts macht.“

Der Leiter der ISKA Schuldnerberatung, Michael Weinhold, kennt die vielfältigen Gründe, aus denen Jugendliche in die Schuldenfalle tappen, und dass es meist ein Konglomerat aus mehreren Ursachen ist, wenn Einnahmen und Ausgaben sich nicht mehr die Waage halten. Ein wichtiger Aspekt ist die Lebensphase, in der sich die jungen Leute befinden. „Es ist eine Zeit, in der sich viel verändert. Man probiert sich aus im Job oder Studium, man bricht vielleicht eine Ausbildung ab oder zieht mit Freunden zusammen und stellt fest, das passt doch nicht so“, sagt Weinhold. All das kann ganz schnell die Finanzplanung durcheinanderwirbeln. Das Ausbildungsgehalt ist auf einmal geringer oder fällt eine Zeitlang ganz weg. Die Nebenkosten für die Wohnung sind höher als gedacht. Oder ganz aktuell: „Durch Corona sind für viele Studenten die Nebenjobmöglichkeiten, zum Beispiel in der Gastronomie, weggebrochen. Das können sie alleine nicht kompensieren“, so Weinhold. Kurzum: Budgetplanung in jungen Jahren ist ein fragiles Kartenhaus; knickt ein Pfeiler weg, ist oft die ganze Konstruktion in Gefahr. Welche konkreten Hilfen kann eine Schuldnerberatung bieten? „Wir machen uns zunächst ein vollständiges Bild von der Situation“, erklärt der ISKA-Experte. Lebensumstände, Fixkosten, Ausgaben, laufende Verträge etc. werden unter die Lupe genommen. Eine wesentliche Rolle spielt, wofür jemand (zu viel) Geld ausgibt. Bei Jugendlichen steht das Smartphone dabei an erster Stelle. Laut der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Überschuldungsstatistik hatten rund zwei Drittel der unter 25-Jährigen, die 2018 eine Schuldnerberatungsstelle aufsuchten, Handyschulden. Im Schnitt standen sie mit 1573 Euro bei Telekommunikationsanbietern in der Kreide. Zur Schuldenfalle werden kann das Handy gleich doppelt, weiß Michael Weinhold. „Zum einen schließt man eine Art Kreditvertrag ab, bei dem man ein Gerät über Ratenzahlungen erwirbt. Auf der anderen Seite einen Dienstleistungsvertrag, mit dem Einzelgebühren oder Flatrates verabredet werden.“ Auch Mitgliedschaften im Fitnessstudio gehören in diese Kategorie. Jugendliche überschauten solche Verträge oft nicht, achten nicht aufs Kleingedruckte oder seien sich nicht bewusst, dass sie tatsächlich eine feste Verpflichtung über Monate eingehen. „Wenn sich während der Laufzeit aber finanziell etwas verändert, kann es ganz schnell passieren, dass man mit zwei, drei Raten im Rückstand ist.“ Dann hat man fix einen negativen Schufa-Eintrag an der Backe, der einem zukünftige Wege verbauen kann. Gibt es sonstige Forderungen, etwa Bußgelder? Auch damit sollte man nicht hinterm Berg halten, damit die Berater wirklich einen realistischen Überblick bekommen. Hilfreich sei manchmal oft schon das „Übersetzen“ von Mahnschreiben und Behördenbriefen, die gerade junge Leute häufig gar nicht verstehen würden. Dann wird nach Einsparpotenzial und konkreten Maßnahmen zum Schuldenabbau geschaut. Wie lässt sich meine Haushaltsplanung verändern? Kann man mit dem Vermieter eine Stundung der Miete vereinbaren? Oder sich mit der Bank auf eine machbare Ratenzahlung für das überzogene Konto einigen? „Zum Teil nehmen wir auch Kontakt mit den Gläubigern auf, doch unser Ziel ist es, die Jugendlichen eigenständig zu machen und mit ihnen gemeinsam nach einer Prognose für die Zukunft zu schauen“, so Weinhold. Wichtig bei alledem: Niemand muss sich schämen, wenn er finanziell in der Bredouille steckt. Oft sind es blödes Pech und Pannen, die zur Pleite führen – das kann jedem passieren. Was man dann braucht, sind individuelle Lösungen für den Weg raus aus der Schuldenfalle. Auch wenn es sicher einiges an Überwindung kostet – sich Rat und Hilfe zu holen, ist auf jeden Fall schon mal ein erster guter Schritt Richtung Plus.

Hilfe vor Ort und im Netz 

Die nächsten Termine von „my.cash – die Jugendschuldnerberatung“: 21.10., 18.11. und 16.12. jeweils von 17 bis 19 Uhr „Luise – The Cultfactory“, Scharrerstraße 15, Nürnberg Anmeldung erforderlich über info@jugendinformation-nuernberg.de oder per WhatsApp: 

01 63  – 3 41 29 10 jugendinformation-nuernberg.de

Allgemeine Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen des ISKA Nürnberg, Untere Krämersgasse 3 Voranmeldung unter 0 911 – 24 463-0 oder per Mail schuldnerberatung@iska-nuernberg.de iska-nuernberg.de/schuldnerberatung

Termine von „my.cash – die Jugendschuldnerberatung“: 21.10., 18.11. und 16.12. jeweils von 17 bis 19 Uhr „Luise – The Cultfactory“, Scharrerstraße 15, Nürnberg Anmeldung erforderlich über info@jugendinformation-nuernberg.de oder per WhatsApp: 

01 63  – 3 41 29 10 jugendinformation-nuernberg.de

Der Deutsche Caritasverband bietet in verschiedenen Städten der Region kostenfreie Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen, an die sich auch Jugendliche wenden können; Standortsuche unter caritas.de/pleite-was-nun Dort hat der Sozialverband zudem viele nützliche Informationen und Videos speziell für Teens und Twens rund um das Thema Schulden zusammengestellt. Was bedeutet eigentlich Haushaltsplanung? Was Inkasso? Sind Kredite per se schlecht? Wie läuft eine Privatinsolvenz ab? Und was genau darf ein Gerichtsvollzieher pfänden? Die Seiten bieten zudem ein Finanzcoaching für junge Leute mit Tipps zur Vermeidung von Schulden und einige Tools wie ein Selbsteinschätzungstest oder ein digitales Haushaltsbuch. Außerdem kann man sich anonym online beraten lassen.

Schuldnerberatungen der Diakonie in Bayern gibt es u. a. in Coburg, Bamberg, Neustadt/Aisch, Ansbach, Fürth, Gunzenhausen, Weißenburg; Adressen und Infos unter schube.de

Ein Verzeichnis von kostenfreien Beratungsstellen findet sich auch auf der Homepage des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales stmas.bayern.de/schuldnerberatung

Können Minderjährige Schulden machen? Vertragsrechtlich ist das sehr schwierig, denn die Eltern müssen bei Verträgen, die zu wiederkehrenden Zahlungen verpflichten, zustimmen. Das Gleiche gilt für Bankgeschäfte. Beim Abschluss von Darlehensverträgen braucht es gar die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts. Selbständig Geld ausgeben können Minderjährige allerdings schon, und zwar im Rahmen des sogenannten „Taschengeldparagraphen“. Nach § 110 des BGB darf ein Minderjähriger ab sieben Jahren einen Vertrag ohne Zustimmung seiner gesetzlichen Vertreter abschließen, wenn er „die vertragsmäßige Leistung mit Mitteln bewirkt, die ihm zu diesem Zweck oder zu freier Verfügung von dem Vertreter oder mit dessen Zustimmung von einem Dritten überlassen worden sind“. Sprich: Bekommt der Nachwuchs zehn Euro Taschengeld, dann darf er diese für Comics oder InApp-Käufe raushauen. Problematischer wird es, wenn die Kids beispielsweise ein Abo abschließen. Ist das dann noch durch den Taschengeldparagraphen abgedeckt? „Das hängt vom Alter und der Höhe ab“, sagt Michael Weinhold von ISKA. Da müsse von Fall zu Fall neu überprüft werden.

Manuela Prill

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