TEIL 1: DER TALER FÄLLT NICHT WEIT VOM STAMM

Okt 18, 2020 | TITELTHEMA

DAS KLEINE EINMALEINS

Bei Geld hört die Freundschaft auf – und manchmal auch die Kindheit, wenn das erste eigene Zwei-Euro-Stück auf Nimmerwiedersehen im Bällebad verschwindet – oder womöglich monatlich im Nirgendwo. Über Geld spricht man nicht, Geld hat man, wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert, wir lassen was springen oder legen etwas auf die hohe Kante, Geiz ist angeblich geil, andere wollen lieber klotzen statt kleckern – aber was ist denn der „richtige Umgang“ mit Geld? Und vor allem: Wie bringt man den bei? 

Kein Königsweg

Darüber reden oder lieber nicht, Wünsche erfüllen und Frust aushalten, finanzielle Sicherheit und Anschaffungen sorgfältig überdenken: Im Umgang mit Geld befinden sich Familien oft in einem Spannungsfeld, das schlimmstenfalls zur Zerreißprobe gerät. Aber wie um Himmels Willen geht’s denn richtig?

Text: Katharina Wasmeier 

Wer sich damit gleich in mehrfacher Hinsicht ziemlich gut auskennt, das ist Andrea Brinkmann, Vorstandsmitglied der landesweit aktiven „Stiftung Deutschland im Plus“, und Mutter zweier Kinder im Alter von 5 und 7 Jahren. „Jetzt“, sagt Brinkmann, „ist die beste Zeit, um damit anzufangen“, und sie meint damit: über das Thema reden. Über Geld. Viel, ehrlich, offen. „Ein großer Fehler, den Eltern häufig machen, ist der Versuch, ihre Kinder vor dem Thema zu beschützen.“ Die Folge: Unsicherheit, die sich in unsouveränem Verhalten äußert, in kopfloser Kauferei und unwirtschaftlichem Haushalten, in prahlerischem Verhalten oder verschüchtertem Rückzug. Aber was ist die geldgoldene Mitte? 

Szenario 1: Das Kind verfügt frei über wöchentliches Taschengeld, bekommt obendrein Apanage für Kino, Ausflüge, extraordinäre Mahlzeiten; Anschaffungen wie Kleidung oder Schulmaterialien werden von den Eltern bezahlt, Markentrends berücksichtigt, um das Kind keiner sozialen Ausgrenzung auszusetzen, ein eigenes Girokonto wird erst zum Beginn der Ausbildung eingerichtet, das Thema „Geld“ soll möglichst lang unbeschwert sein, und darum soll das Kind möglichst nichts über finanzielle Engpässe der Familie erfahren.  

Szenario 2: Das Kind verfügt frei über Taschengeld in Form des gesamten Kindergeldes, von dem es von Schulmaterialien bis Freizeitaktivitäten alles bis auf größere Anschaffungen wie besondere Saisonkleidung selbst bezahlt, und es besitzt ein eigenes Girokonto. Das Thema „Geld“ wird frühzeitig, jedoch trotz guter finanzieller Lage der Familie nur in Form von größtmöglicher Sparsamkeit und Ressourcenschonung vermittelt, um stets den Wert einer Sache herauszustellen; Markentrends werden nicht berücksichtigt, um dem Kind eine differenzierte Sicht beizubringen.

„Und genau dazwischen liegt der richtige Weg“, findet Andrea Brinkmann, deren Stiftung sich seit 2007 für finanzielle Bildung, Überschuldungsprävention, Schuldnerberatung und Forschung einsetzt und für Eltern, Lehrer, Kinder und Jugendliche besondere Angebote wie die ausgezeichnete „Budgetplaner-App“ bereithält. „Kinder dürfen und müssen frühzeitig, jedoch immer altersgerecht lernen, finanzielle Verantwortung zu übernehmen.“ Das bedeutet: Erklären, warum man arbeiten geht, und Leistung in Relation zu einer Anschaffung setzen. Den pädagogischen Effekt von Münzgeld nutzen. Einen achtsamen Umgang mit Geld vorleben. Kleine Haushaltsbücher führen, mit denen das Kind lernt, sich Sparziele zu setzen – und wie gut das Gefühl sein kann, dieses Ziel auch zu erreichen. Zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Geld beispielsweise Vorfreude bringen und damit Spaß machen kann. „Einen Familieninvestitionsrat zu gründen, um über alltägliche Bedürfnisse, aber auch größere Anschaffungen zu sprechen, bindet die Kinder auf eine sehr offene Art in die finanzielle Situation der Familie ein – und schafft so Sicherheit“, rät Andrea Brinkmann, denn noch immer sei es üblich, vorhandenes Geld zu thematisieren, nicht vorhandenes aber mit einem Tabu zu belegen. Dabei lauert hier die Teufelsspirale: Dem Kind vermeintlich zuliebe über die Verhältnisse leben, muss im Konflikt enden. Dem Kind zuliebe aber das offene Gespräch anzubieten, bringt gleichsam Lösungsvorschläge mit sich, beispielsweise, indem man „über Werte und Möglichkeiten spricht und die auch ausschöpft – und weiß, gutes Gebrauchtes zu beschaffen“. Und damit lässt sich gleich das hochaktuelle Thema der Nachhaltigkeit verknüpfen! 

Es sagt das Sprichwort: Spare, spare,
Denn dann hast du in der Not!
Der eine spart, kriegt graue Haare,
Der and’re erbt nach seinem Tod.
(EAV, Geld oder Leben)

Und: aushalten! Die Kinder, dass es „Nein“ gibt und das auch „Nein“ bedeutet – auch, wenn dieses Frustmoment für beide Seiten erstmal unerfreulich ist. „Halten Sie’s aus“, sagt Andrea Brinkmann. „Sie werden sehen: Der Frust geht schnell vorbei, der Zorn übers nicht gekaufte Eis ist schnell vergessen – für Kinder sind unterm Strich andere Dinge viel wichtiger.“ Was war schön am Ausflug oder Urlaub, schau mal dort, die Schafe! Situativ, so Brinkmann „mögen das Dramen sein, doch für Kinder sind die viel weniger wichtig als positive Erinnerungen.“ Fünf Euro von Zahnfee? Oder vielleicht lieber einen Wackelzahnkuchen gemeinsam backen? „Fragen Sie doch einfach mal Ihr Kind!“

Ein von Grund auf gesundes Verhältnis zu vermitteln, stellt wichtige Weichen für den gesamten späteren Lebensweg – auch, was das Verständnis von arm und reich angeht, und den respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Verhältnissen. Hier sind die Eltern in der Vorbildfunktion mehr denn je gefordert. Denn „Geld berührt unter Kindern Freundschaften hochemotional“ – und führt schlimmstenfalls zum Bruch. 

„Dann verdient mein Kind eben selbst etwas dazu!“ Was erstmal wie eine leichte Lösung klingt, birgt freilich auch Fallstricke. Denn abgesehen von gesetzlichen Vorgaben (S. XXX) gibt es beispielsweise auch pädagogisch sinnvolle Handlungsspielräume. „Prinzipiell abraten würde ich davon, Tätigkeiten im eigenen Haushalt zu entlohnen“, so Andrea Brinkmann. Das Kind müsse vielmehr lernen, dass es sich hierbei um selbstverständliche Alltäglichkeit handelt. Der älteren Nachbarin am Wochenende Brötchen mitzubringen sei hingegen ein Beispiel einer „temporären Maßnahme“, bei der sowohl ein Obolus zum Taschengeld hinzuverdient als auch eine schöne Portion Selbstvertrauen erworben werden könne, denn das Kind erfährt: Hier wird mir eine Aufgabe übertragen, hier wird mir etwas zugetraut – das schaffe ich! 

Im Großen und Ganzen gibt es nicht den einen Königsweg – aber viele kleine, vorzüglich fürstliche Wege, um den Umgang mit Geld gut zu vermitteln. Die Kinder nicht vor dem Thema zu schützen versuchen, Wertigkeiten und Verantwortung vermitteln. Oder noch kürzer: „Es gibt keinen falschen Weg, außer gar nicht darüber zu sprechen.“ 

„Gut geplant ist halb gewonnen!“ Die Stiftung Deutschland im Plus bietet die kostenfreie „Budgetplaner-App“ zum Download an. Übersichtlich und mit denkbar einfacher Bedienbarkeit wird hier ohne Kontoanbindung transparente Hilfestellung bei Ein- und Ausgaben geleistet. 2019 gewann die Anwendung den „FinanzApp des Jahres“-Award. (deutschland-im-plus.de/feature/budgetplaner-app)

 

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