Wir wollen von Anfang an geliebt werden

Sep 8, 2020 | AKTUELLES

Vorgeburtliche Erfahrungen prägen unser Gefühlsleben 

Hören, schmecken, (mit)fühlen – von Anfang an beeinflusst die Außenwelt die Entwicklung des Ungeborenen. Wie ein Mensch später mit den Herausforderungen des Lebens umgeht – diese Weichen werden weit vor der Geburt gestellt.

 Text Simone Blaß

Bis in die Siebzigerjahre hielt man Neugeborene für kleine Bioklumpen Mensch, die man nach der Geburt am besten von der Mutter trennt, damit diese sich ausruhen kann, die man möglichst nicht stillt, weil das irgendwie eklig und wahrscheinlich auch irgendwie giftig ist, und die man möglichst lange allein in einem Zimmer schreien lässt, weil das nämlich ganz wunderbar die Lungen stärkt. Und man ging noch weiter: Operationen bei Neugeborenen wurden sogar ganz ohne Betäubung durchgeführt. Heute wissen wir es besser, und dank neuester Ultraschalltechnik ist uns auch dann, wenn wir selbst nicht schwanger sind, bewusst, dass im Bauch der Mutter ein kleiner Mensch heranwächst. Doch wie wichtig die pränatale Phase auch für unser späteres Gefühlsleben ist, sickert erst so langsam durch – dabei handelt es sich hierbei um einen ganz elementaren Baustein in unserer Entwicklung.  

Lange glaubte man, die vorgeburtliche Entwicklung sei rein von Genen beeinflusst und das Kind entwickle sich sozusagen von alleine. Das allerdings stimmt so nicht, die Gene stellen lediglich die Palette an Möglichkeiten zur Verfügung, der Stimulus kommt aus der Umwelt. Das vorgeburtliche Kind ist ein lebendiges, interaktives Wesen, das von der Empfängnis an durch seine mütterliche Umgebung beeinflusst wird. Das Lernen durch diese Umgebung wirkt sich auf die Struktur- und Funktionsentwicklung des Gehirns aus. 

Bereits acht Wochen nach der Befruchtung, wenn der Embryo gerade mal etwas größer ist als ein Gummibärchen, reagiert er schon, wenn seine Lippen etwas berühren. Und nicht nur das: Er bewegt sich schon bald in Richtung einer Hand, die auf dem Bauch liegt – eine Geste, die die meisten Mütter von Anfang an ganz instinktiv machen. Ein ungeborenes Kind kann schmecken, reagiert auf Geräusche und kann freundliche von aggressiven Stimmen unterscheiden. Über den Herzschlag, hormonelle Veränderungen im Blut, die die Plazentaschranke überschreiten, und über die Qualität der Sauerstoffzufuhr ist es eng mit dem Empfinden der Mutter verbunden. Steht diese zum Beispiel unter starkem Stress, erhöht sich deren Herzschlag, ihr Körper geht auf Alarm und schüttet Cortisol aus. Eine Situation, die auch nicht spurlos am Kind vorbeigeht. Allein die Stimme der Mutter, die das Kind nicht nur von außen hört, sondern auch in Form von Schwingungen über die Wirbelsäule und das Becken wahrnimmt, und bei der jede Stimmung und jede Emotion direkt mitschwingt, hat Auswirkungen auf das Kind. Das Wahrgenommene wird in dessen Gehirn verarbeitet und abgespeichert. 

„Jede Erfahrung, die ein Mensch in seinem Leben macht – und zwar ab der Zeugung – wird in seinen Zellen gespeichert“, davon ist auch die Erlanger Körperpädagogin Christiana Charalambous überzeugt. „Sie wird sozusagen zu verkörperter Erfahrung.“ Was vor ein paar Jahrzehnten noch unglaublich klang, ist heute nachweisbar: Das Ungeborene speichert von Anfang an seine vorgeburtlichen Erfahrungen ab. Positive wie das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, aber auch negative wie Ohnmacht und Hilflosigkeit. Störende Einflüsse, eine Abneigung der Mutter gegenüber dem Kind oder gar traumatisierende Ereignisse können lebenslang Spuren hinterlassen: Betroffene tun sich später oft schwerer damit, den eigenen Gefühlshaushalt zu regulieren. Sind die Gehirn-Erregungsmuster sehr stark verschoben, können sie durch „schwieriges Verhalten“ auffallen und müssen dann zusätzlich zu ihren vorgeburtlichen Lasten noch Ablehnung aus dem Umfeld verkraften. Das alles kann, muss aber nicht eintreten. Denn nicht jeder Stress in der Schwangerschaft hat gleich katastrophale Folgen, schon Ungeborene können Resilienz entwickeln. Was auch bedeutet, dass sich nicht vorhersagen lässt, wie sich pränatale Belastungen auswirken. „Manche Kinder haben von Anfang an eine starke Energie, die sie zum Teil aus sehr schwierigen Bedingungen entwickeln“, erklärt der Psychoanalytiker und Pränatalforscher Ludwig Janus im Gespräch mit ELMA. „Eine große Rolle scheint hier die innere Zuwendung zum Kind zu spielen, der man inzwischen heilsame Wirkung zuschreibt. Mit dem Kind reden, in den inneren Dialog gehen, ihm die Situation erklären und ihm sagen, dass Gefühle, wie zum Beispiel Trauer bei einem Todesfall oder Wut auf den (Ex-)Partner, nichts mit ihm zu tun haben. Wie mit uns am Anfang umgegangen wurde, so gehen wir später vor allem mit uns selbst, manchmal auch mit der Welt um. Hier gilt es nicht nur, neu zu denken, sondern auch neu zu fühlen. Denn wenn wir verstehen, was passiert ist, können wir es einordnen und auch damit umgehen.“ 

Therapien, in denen vorgeburtliche und auch geburtliche Erfahrungen in Relation gesetzt werden, können selbst Jahrzehnte später tiefe Traumata bearbeiten. Geschieht dies nicht, beeinflussen die  Erinnerungen wie ein Hintergrundfilm unser ganzes Leben. Die Erfahrungen, die wir vor und während unserer Geburt machen, sind uns später ähnlich den Erfahrungen der ersten Lebensjahre aufgrund der mangelnden Sprachfähigkeit in diesem Zeitraum nicht mehr bewusst zugänglich. Das heißt aber nicht, dass sie nicht da sind. Sie werden sozusagen ganz unten im Gehirn, auf einer „sensomotorisch-imaginativen“ Ebene abgespeichert und tauchen später als uns oft unerklärliche Emotionen wieder auf. Zeigen sich in Prüfungsängsten, in Angst vor engem Raum oder sogar in der Art und Weise, wie Menschen sich umbringen. 

Jedes Kind zeigt – das werden alle Mütter bestätigen, die mehrmals schwanger waren – schon sehr früh seine Persönlichkeit. Es agiert und es interagiert – von Anfang an als ein Mensch, der seine ganz eigene Wahrnehmung hat. Die Förderung der vorgeburtlichen Außen-Innen-Beziehung ist heutzutage nichts Neues mehr. Und doch elementarer, als uns vielleicht bewusst ist, wenn der Vater spielerisch in den Bauch ruft oder das angehende Geschwister diesen mit viel Liebe und begleitet von lustigen Gesängen eincremt. Schließlich bilden sich während der Schwangerschaft eine ganze Menge Gehirnzellen und die Entwicklung des Gehirns ist ja mit der Geburt nicht abgeschlossen, wir können lebenslang weiterlernen, neue Synapsen bilden bzw. alte verwerfen. Doch nicht nur Erfahrungen von außen beeinflussen das Kind im Bauch: Wissenschaftler gehen inzwischen sogar davon aus, dass innere Bilder und Vorstellungen auf irgendeine Weise zum Ungeborenen übertragen werden können. Die Forscher sprechen hier von Spiegelneuronen. Bei Ultraschallaufnahmen zeigt das vorgeburtliche Kind nämlich schon bei belastenden Gedanken der Mutter eine deutliche körperliche Reaktion. Es bewegt sich mehr, der Herzschlag erhöht sich messbar. 

Wir wissen um das Zusammenspiel von Seele und Körper, sowohl beim Kind als auch bei der Mutter, und es hat sich bereits viel getan in den Kreißsälen, doch trotzdem stehen auch heute noch die medizinischen und juristischen Aspekte im Vordergrund. Dabei ist es das ureigene Potenzial der Frau, gebären zu können, und es ist das Potenzial des Kindes, die Wehen zu nutzen, um sich von der Uteruswand abzustoßen und im Geburtskanal vorwärtszuarbeiten. „Sich darauf zu besinnen ist das Entscheidende!“ so Ludwig Janus. Denn dieses Potenzial kommt am besten zur Geltung, wenn es sich in einem sicheren Raum entfalten kann. Amerikanische Geburtsforscher haben festgestellt, dass so die Notwendigkeit von medizinischen Interventionen um 50 Prozent sinkt und das wiederum starke Auswirkungen auf das Neugeborene hat. „Man sollte sich vorher überlegen, was geburtshilfliche Eingriffe in die Lebenswirklichkeit des ungeborenen Kindes bedeuten“, da ist sich der Pränatalforscher sicher. „Keine Frage, ein Kaiserschnitt kann lebensrettend sein. Wenn aber eine Frau zum Beispiel ihre Angst vor der Geburt mit einem Kaiserschnitt bekämpft, dann ist das ein tiefer Eingriff in ihr Potenzial als Mutter. Sie nimmt sich dadurch die Möglichkeit, ihre elementare Kraft zu erleben und sie nimmt eben auch ihrem Kind den Triumph.“ 

Auf die Frage, was Ludwig Janus diesen werdenden Müttern raten würde, kommt die Antwort schnell: „Die Frauen sollten sich bereits im Vorfeld mit ihrer Angst und damit auch ihrer eigenen Geburt auseinandersetzen. Sich fragen, wo sie herkommt und was sie mitteilen will. Und so wieder Vertrauen zu sich und zum eigenen Kind entwickeln.“ In dem Moment, in dem ein ausgereiftes Baby geboren wird, ist es stark genug, um auf die Welt zu kommen. Diese Kraft sollten wir ihm auch zutrauen. Denn das Ungeborene hat bereits monatelang gelebt, gekämpft, kommuniziert und nicht selten auch etwas durchlitten. Oder wie die Psychotherapeutin und Autorin Bettina Albert so schön sagt: „Die Seele fühlt von Anfang an.“

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