„Warum ich in der Klapse war“

Sep 8, 2020 | BLEIBT GESUND

Ein Baby! Das Glück ist perfekt, oder etwa nicht? Dass nicht immer alles  rosarot ist, wenn ein kleines Wesen auf die Welt kommt, hat Stefanie Banner erlebt. Die 37-Jährige aus Lauf hat uns von ihrer Depression erzählt, an der sie nach der Geburt ihres Sohnes Alexander erkrankte – und die so besonders perfide ist.

 Protokoll Claudia Senft

Wenn ich an meine Depression denke, dann meistens im Zusammenhang mit meiner Überforderung. Ein Beispiel: Das Gesicht von Alexander hat sich rot gefärbt, er schreit furchtbar … Ein paar Sekunden später nuckelt er an seiner Milchflasche, dann hört er damit auf und schreit erneut. Meine beiden Freundinnen sehen mir sprachlos zu, wie ich versuche, mein Baby zu beruhigen. Ich sei so ruhig dabei, meinen sie. „Jetzt wisst ihr, warum ich in der Klapse war!“ sage ich nur und lache. Was sie nicht sehen: Innerlich läuft mein Gehirn auf Hochtouren, es spielt sämtliche Situationen durch, die mir helfen könnten, den kleinen Jungen zum ruhigen Trinken zu animieren. Schließlich entscheide ich mich dafür, mit dem Baby auf die Couch zu gehen, damit es sich entspannt. Und ich bin froh, dass mein Plan aufgeht. Alexander hört sogleich auf zu schreien und lächelt mich während des Trinkens an, als wäre nichts gewesen. Nur die dicken Tränen, die an seiner Wange herunterkullern, zeugen von seinem Geschrei. Wie oft haben mein Mann und ich uns schon eine Bedienungsanleitung für das kleine Wesen gewünscht. Stattdessen sind wir von einer Überforderung in die nächste gerutscht – immer mit derselben Frage: Was hat das Baby? Dieser Stress machte mich jedoch krank. Die Diagnose lautete: schwere Wochenbettdepression.

Angst vor Stigmatisierung
Alexander kam am 16. Dezember zur Welt, er ist mein erstes Kind. Doch ich hatte mir das Muttersein irgendwie anders vorgestellt. Es sei das Schönste, sein Baby in den Armen zu halten. Schockverliebt sollte man am besten sein. Und ich? Ich wollte nach zwei Wochen Muttersein am liebsten von der Brücke springen oder das Kind irgendwo aussetzen. Zuneigung? Fehlanzeige! Ich fühlte mich vor allem nach dem Stillen, das regelmäßig zwei bis vier Stunden und einige Schreiattacken dauerte, einfach leer und am Ende meiner Kräfte. Ich hatte keinen Appetit, keinen Hunger, keine Energie, dafür Angst vor dem nächsten Stillen. Ich fühlte mich zu Hause eingesperrt, traurig, lustlos, lebensmüde. Und ich hasste das Baby in manchen Momenten. Als ich meiner Hebamme Anne davon erzählte, klingelten bei ihr die Alarmglocken. Sie empfahl mir, mich in der Mutter-Kind-Ambulanz im Nürnberger Südklinikum vorzustellen. Nach dem Gespräch mit einer Psychologin willigte ich ein, mit Alexander in die Mutter-Kind-Tagesklinik zu gehen, in der ich täglich von 9 bis 15 Uhr therapiert wurde – acht Wochen lang. Nur konnte keiner diese Depression sehen, sie kann ja auch nicht wie ein gebrochener Arm eingegipst werden, um zu verheilen. Leider ist die Krankheit in der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, über das nicht offen geredet wird. Viele Betroffene – auch ich – schämen sich oder haben Angst vor Stigmatisierung („die ist in der Psychiatrie!“). Vor allem als frischgebackene Mutter, die vor Glück leuchten sollte, ist diese Situation besonders schlimm. Deshalb musste ich auch eine Weile darüber nachdenken, ob ich mich in der Klinik behandeln lassen sollte. An meinem ersten Kliniktag fielen mir dann Sätze wie „Schön, dass du da bist!“ oder „Das ist echt mutig von dir!“ besonders auf!

Über meine Erkrankung zu reden, war mir unangenehm. Einmal wollte der Taxifahrer beim Abholen von der Klinik wissen, was Alexander denn habe. Ich sagte nur, dass er kerngesund sei und ich  wegen einer Wochenbettdepression behandelt würde. Ich erwartete eigentlich betretenes Schweigen, der Fahrer ging jedoch darauf ein und wollte mehr dazu wissen. Ich war froh, dass er mir nicht den Stempel „die Psycho-Mama“ aufdrückte, denn davor hatte ich schon etwas Angst – auch im Gespräch mit der Familie oder mit Freunden. Aber alle nahmen meine Probleme ernst und boten mir Hilfe an.

Ein großer Schritt zur Besserung war bei mir übrigens, mit dem Stillen aufzuhören. Und siehe da, mir ging es gleich etwas besser, als Alexander aus der Flasche trank und ich meinen Körper wieder für mich hatte. Mein Mann übernahm die Kindfütternachtschicht und ich konnte den Kleinen ab und an bei meinen Eltern oder meiner Schwester abgeben, um auch mal wieder etwas Zeit für mich zu haben und mich von den Schreiattacken zu erholen. Dabei fühlte ich mich zwar wie eine Rabenmutter, aber meiner Seele tat der Abstand gut. Ich war wirklich froh, dass mich mein Umfeld so gut unterstützte.

„Mein Leben verglich ich damals mit einem entgleisten Zug, der eine Schiene finden musste, um dann mit seinen Waggons langsam weiterzufahren. In der Klinik wurde mir dieser Weg geebnet.“

Dort fühlte ich mich von Anfang an gut aufgenommen. Wir hatten alle dieselbe Krankheit und konnten uns gegenseitig helfen und Tipps geben, zudem tauschten wir uns über die Entwicklung unserer Kinder aus, was zusätzlich Sicherheit im Umgang mit diesen gab; wir redeten über die Medikamente, die uns verschrieben wurden, und hatten Spaß beim gemeinsamen Frühstück oder während der Therapieeinheiten. Mit jeder Woche merkte ich, dass es mir besser ging. In psychologisch betreuten Gruppen besprachen wir den Umgang mit den Babys und unser Krankheitsbild, in einem Einzelcoaching lernte ich, wie ich Alexander beruhigen kann, in Gesprächen mit meiner Psychologin und Ärztin haben wir Lösungen gesucht für die Dinge, die mich belasteten – zum Beispiel meinen Rückenschmerz, wenn ich mit Alexander lange auf dem Gymnastikball gehopst bin, damit er einschlafen kann. Meine Konzentrationsfähigkeit kehrte langsam zurück, die Lust und Energie dafür, neue Sachen auszuprobieren oder einfach nur einen Kuchen zu backen, und die verloren geglaubte Fähigkeit, den eigenen Alltag selbst zu gestalten. Außerdem verringerte sich meine Angst vor der nächsten Schreiattacke des Babys, weil ich immer besser wusste, was mit Alexander los war.

Nach acht Wochen war ich so weit, mein Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen. Ich überlegte mir eine Tagesstruktur mit dem Kleinen und machte mit meinen Eltern und meiner Schwester feste Zeiten aus, zu denen sie Alexander betreuen sollten, damit ich was für mich tun kann. Denn ich habe gelernt: Nur eine gesunde Mutter kann eine gute Mutter sein. Die Corona-Pandemie machte mir leider einen Strich durch viele meiner Pläne, allerdings war ich froh, dass ich wieder so viel Energie hatte, damit umzugehen. An manchen Tagen merke ich, dass ich noch nicht ganz gesund bin. Aber ich kann nun sagen, dass ich glücklich bin, Alexander zu haben. Ja, ich liebe ihn und möchte ihn nicht mehr hergeben. Und wenn er wieder laut schreit, probiere ich einfach alles aus, bis er mich wieder mit seinem noch zahnlosen Lächeln anstrahlt.

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