Teil 2: LET’S TALK ABOUT SEX, BABY!

Sep 8, 2020 | TITELTHEMA

Ein Wort kann schützen

Die Macht des Wörtchens NEIN

Wenn man mal bewusst darauf achtet, dann fällt einem auf, wie viel Nacktheit uns umgibt. Sie springt uns von jedem zweiten Werbeplakat an, lässt sich beim Durchzappen kaum vermeiden und scheint so selbstverständlich, dass wir das schon gar nicht mehr bewusst wahrnehmen. Anders unser flügge werdender Nachwuchs. Und die sehen nicht nur das, sondern noch viel mehr.

Text Simone Blaß

Unsere Kinder kommen schon fast zwangsläufig mit Pornographie in Kontakt. Das war schon früher möglich und ist jetzt fast unvermeidbar. Laut Peer Briken, Professor für Sexualforschung am Universitätsklinikum Hamburg, sehen sich quasi alle Jungs ab 13 Videos mit pornographischem Inhalt an – manche sogar mehrmals wöchentlich. Ähnliche Erfahrung hat auch Jörg Völlger von Pro Familia gemacht. Der Sozialpädagoge wird von Schulen gebucht, um über Sexualität zu sprechen. Denn wie aufgeklärt wir in unserer Gesellschaft auch sein mögen, reden möchten wir darüber dann doch lieber nicht. Ein perfekter Nährboden für Halbwahrheiten oder verzerrte Realität. „Oft kommen die Kinder mit elf oder zwölf Jahren das erste Mal mit Pornographie in Kontakt, manche sogar schon in der Grundschule.“ Meist aus Versehen. „Hier ist es wichtig, zu vermitteln, warum man Pornos eigentlich erst ab 18 schauen darf, was es mit dem Jugendschutz auf sich hat, welche Rollenbilder vermittelt werden und auch, was mit Schamgefühl oder Ekel ist.“ Denn das, was gefällt und das, was im sexuellen Bereich üblich ist, hat schließlich wenig bis gar nichts zu tun mit dem, was die Jugendlichen bevorzugt auf den verschämt gezeigten Videos so allgemein aufschnappen. Und von dem sie glauben (könnten), dass es auch das ist, was von ihnen erwartet wird. Egal, ob Junge oder Mädchen. 

Doch was tun, wenn man am verschlossenen Zimmer des Nachwuchses vorbeikommt und aus dem PC oder dem Handy eindeutige Laute schallen? Sofort zu reagieren könnte äußerst peinlich werden, und zwar für beide Seiten. „Verbieten nützt nichts – da wird es nur reizvoller“, davon ist Jörg Völlger überzeugt. „Denn sie werden sich die Filmchen sowieso ansehen, notfalls bei Freunden. Die meisten Jugendlichen können fiktive Bilder gut von der Realität unterscheiden. Aber wenn man nicht darüber spricht, wenn man ihnen nicht sagt, dass der Geschlechtsverkehr nicht so sein wird wie das, was sie in Pornos gesehen haben, dann kann es schwierig werden. Denn es kommt durchaus vor, dass Jungs glauben, sie könnten da lernen, wie Sex geht, und wollen es dann genau so mit den Mädchen machen. Und die Mädchen werden oft nicht genug gestärkt. Gestärkt, um zu sagen, hör auf! Sie machen das mit, obwohl sie eigentlich nicht wollen.“ 

Natürlich wünschen wir uns alle, dass unsere Kinder sich irgendwann glücklich verlieben, das auskosten können und sich langsam und behutsam gemeinsam mit dem anderen an all die schönen Momente herantasten. So läuft es oft, öfter als man vielleicht in der heutigen Zeit glauben mag, aber eben leider nicht immer. Sie können auch an einen Partner geraten, der ihre Grenzen nicht respektiert, der irgendwo mal aufgeschnappt hat, dass jemand, der nein sagt, ja meint und dessen Erwartungen eben von YouPorn & Co. gefüttert wurden. 

Sexuelle Gewalterfahrungen sind kein Einzelfall. Im Gegenteil. Die Zahlen sind erschreckend hoch. Mehr als die Hälfte aller Mädchen und jungen Frauen sowie ein Drittel aller jungen Männer zwischen 17 und 20 Jahren haben bereits unfreiwillige Erfahrungen gemacht – im Real Life und/oder in Social Media. Die Täter kommen in der Regel aus dem Bekannten- und Verwandtenkreis. Wobei, und darauf weist Tanja Ramsauer aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie Bayreuth im Gespräch mit ELMA deutlich hin, oft die Meinung vorherrsche, „dass alle Formen, die weniger schlimm sind als die ‚klassische‘ Vergewaltigung, für die Betroffenen nicht sooo schlimm sind.“ Eine fatale Fehlannahme: „Insbesondere jüngere Kinder bzw. Jugendliche können je nach Stand ihrer psychosexuellen Entwicklung auch Übergriffe ohne Körperkontakt schwer einordnen und als Trauma erleben.“ Darunter fallen unter anderem verbale Belästigungen, obszöne Anrufe, sexualisiertes Mobbing, übergriffiges Verhalten in Chats und sozialen Netzwerken oder Exhibitionismus. Aber eben auch das bewusste Zeigen von Pornographie. Die Folgen durch sexuelle Gewalt jeder Art können, so die Erfahrung der Kinder- und Jugendärztin, gravierend sein. „Es entsteht ein schlechtes Selbstbild, das oft seelische Belastungen wie z. B. eine Depression nach sich zieht. Wir sehen immer wieder Jugendliche, die Symptome einer Traumafolgestörung haben, auch wenn das Ereignis die nicht erfüllt. Manche erleben den Übergriff unkontrolliert wieder in Form von Flashbacks, der erfahrene Kontrollverlust verursacht bei ihnen Gefühle der Hilflosigkeit und Überforderung. Manche vermeiden Situationen, die sogenannte ‚Trigger‘ an das Erlebte auslösen könnten, und ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück.“

Der beste Schutz vor sexuellen Übergriffen ist ein starkes Selbstbewusstsein. „Und das können die Eltern durch ihre Erziehung fördern, indem sie die Bedürfnisse ihrer Kinder wahrnehmen und Grenzen achten“, erklärt Tanja Ramsauer. Auch schwierige Themen, bei denen man vielleicht sogar erst einmal seine eigene Einstellung dazu überprüfen muss, sollten in der Aufklärung ihren Raum finden. Liedtexte, Filme oder Berichte in der Regenbogenpresse können ein guter Aufhänger für so ein Gespräch sein. So können die Jugendlichen auch lernen, in angemessener Weise über Sexualität zu sprechen.  

Bedenkt man, dass Kinder und Jugendliche einer Studie zufolge bereits vor 20 Jahren innerhalb einer Woche im Durchschnitt 143 Mal sexuelles Verhalten zur „normalen“ Sendezeit beobachten konnten, kann man sich hochrechnen, was sie heute in ihren Smartphones zu sehen bekommen. Und nicht nur dort, auch im Fernsehen rappelt es zur besten Sendezeit im wahrsten Sinne des Wortes in der Kiste. Betrug, häufiger Partnerwechsel, verherrlichte sexuelle Gewalt und zu Sexobjekten degradierte Frauen sind gang und gäbe, und das auch weit vor 20 Uhr. Umso wichtiger ist es, Sexualität immer wieder ins richtige Licht zu rücken. Über Gefühle und Grenzen zu sprechen und darüber, dass zu frühe und damit meist ungute Erfahrungen ein schlechter Grundstein für ein erfülltes Liebesleben sind. 

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