Teil 1: LET’S TALK ABOUT SEX, BABY!

Aug 24, 2020 | TITELTHEMA

Zärtlichkeit, Natürlichkeit und die Macht des Wörtchens NEIN

Wann sag ich‘s wie, was darf ich sagen und was soll das alles überhaupt? Für die meisten Eltern kommt früher oder später dieser Moment, der hoffentlich schnell vorbei und irgendwie für alle peinlich ist. Dabei geht es bei der Aufklärung um so viel mehr als nur Sex!

 

Verantwortung, Respekt und alle formen von Liebe

Bei der Aufklärung geht es um mehr als Sex

Wenn man Jugendliche zu Hause hat, dann fragt man sich manchmal, wer hier wen aufklären könnte. Denn unsere Teenager kommen häufig mit Inhalten in Kontakt, von denen wir in diesem Alter definitiv noch keine Ahnung hatten. Umso wichtiger aber ist es, von klein auf ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und offen über Sexualität zu reden – natürlich immer alters- und kindgerecht.

Text Simone Blaß

Kleine Kinder wundern sich über alles und letztendlich dann doch eigentlich über nichts. Denn dass Babys im Bauch ihrer Mutter heranwachsen, kommt ihnen – vorausgesetzt, man geht mit dem Thema entspannt um – genauso selbstverständlich vor wie die Tatsache, dass Menschen verschwinden, wenn man die Hand vor die Augen legt. Gestaltet man die Aufklärung also dem Alter entsprechend und beantwortet einfach immer kindgerecht die Fragen, die auftauchen, dann geht das Aufklären irgendwie ganz nebenbei. Zumindest bis zu einem bestimmten Punkt. Denn sehr viel schwieriger wird es, wenn ein Elfjähriger das Wort Sodomie irgendwo aufschnappt und man, sich innerlich übergebend, äußerlich ruhig erklären muss, dass es eigentlich Zoophilie heißen muss und warum diese Sexualpraktik, obwohl sie in Deutschland nur eine Ordnungswidrigkeit ist, den Tieren ziemlich sicher nicht gefällt. 

Wobei wir beim Kernpunkt der Aufklärung wären: Erlaubt ist, was gefällt. Und zwar beiden. Oder allen dreien oder wie auch immer. Genau hier muss sie ansetzen, die Aufklärung von angehenden Jugendlichen. Zwar sind diese bereits in der Grundschule nach Lehrplan aufgeklärt worden – und das gilt übrigens quer durch alle Religionen –, diese Aufklärung allerdings unterscheidet sich von Lehrkraft zu Lehrkraft massiv. Die einen bringen kaum etwas anderes über die Lippen als das Allernotwendigste, würden am liebsten noch die Bienenmetaphern bemühen und ergeben sich dem kollektiven Gekicher. Die anderen nehmen ihren Auftrag gleich so ernst, dass das Kind innerhalb kürzester Zeit mehr weiß als all die Erwachsenen um es herum und täglich reichlich verstört heimkommt. Beides ist nicht optimal. Dabei übernimmt die Schule als Vermittlungsinstanz eine wichtige Rolle. Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geben immerhin 80 Prozent der Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund an, ihr Hauptwissen über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus der Schule zu haben. Umso wichtiger ist es gerade in diesem Corona-Jahr, in dem der Sexualkundeunterricht ganz hinten runterfällt, darauf zu achten, dass die Kinder ans Wissen kommen. 

Eine dänische Studie besagt, dass unsere Kinder immer früher in die Pubertät kommen. Faktoren wie Stress, Übergewicht und möglicherweise sogar hormonbeeinflussende Umweltgifte wie Bisphenol A, das als Plastikweichmacher benutzt wird, könnten eine Rolle spielen. Je früher allerdings die Pubertät einsetzt, desto weiter klaffen körperliche und geistige Reife auseinander. Eine frühe Pubertät bedeutet übrigens nicht zwangsläufig, dass auch die sexuellen Aktivitäten früher einsetzen. Im Gegenteil: Laut dem aktuellen Jugendsexualitätsreport* scheint es hier sogar eine leichte Rückentwicklung zu geben. Trotzdem ist es wichtig, seinen Körper zu kennen, auf die Veränderungen vorbereitet zu sein, und vor allem: einen verlässlichen Ansprechpartner zu haben, der jede Frage ernst nimmt: „Ein Falsch gibt es hier nicht“, beruhigt Jörg Völlger von der Sexual-, Schwangerschafts- und Partnerschaftsberatung Pro Familia. Und es ist auch durchaus in Ordnung, mal keine Antwort zu wissen oder peinlich berührt zu sein – denn das zeigt dem Kind oder Jugendlichen, dass die Grenzen des Einzelnen stark variieren können. „Bleiben Sie einfach authentisch. Sagen Sie dem Kind, das kann ich dir jetzt gerade nicht beantworten, aber ich kümmere mich darum, dass du eine Antwort bekommst. Und machen Sie das dann auch.“ Zum Beispiel, indem ihr eurem Nachwuchs zeigt, auf welchen sicheren Seiten im Netz er sich angemessen informieren kann. „Ich bin ein Freund davon, die Dinge beim Namen zu nennen und nicht um den heißen Brei herumzureden. Sex gehört zum
Leben dazu. Kinder wissen
immer irgendetwas irgendwoher, sie gehen ja nicht blind und taub durch die Welt. Dass da die einen weniger und die anderen – zum Beispiel weil sie größere Geschwister haben – mehr aufschnappen, ist völlig normal. „Aber natürlich staunt man auch als Sexualpädagoge nicht schlecht, wenn Kinder in der 4. Klasse vom ‚Arschficken‘ sprechen. In solchen Momenten gilt es nicht nur aufzuklären und über Wortwahl zu reden, sondern auch die anderen Kinder mit viel Fingerspitzengefühl zu schützen.“ Denn dass Themen wie diese nicht altersgerecht sind, versteht sich von selbst. 

Sprache ist übrigens ganz entscheidend bei der Sexualerziehung. „Es macht zum Beispiel einfach einen Unterschied, ob ich sage, der Mann dringt in die Frau ein oder ob ich sage, die Frau nimmt den Mann auf.“ Das hat auf der einen Seite etwas mit Respekt zu tun, auf der anderen Seite aber auch damit, dass Dinge, die nicht benannt werden, irgendwie auch nicht existieren. Was eine große Gefahr bei drohendem sexuellen Missbrauch darstellt. Ihr könnt noch so ein gutes Vertrauensverhältnis zu eurem Kind haben – in der Regel wird es sich ab einem bestimmten Alter seine Informationen lieber bei Freunden, aus Jugendzeitschriften, aus dem Netz und bei einem guten Verhältnis zueinander bei seinen Geschwistern holen. „Ältere Geschwister können ein großes Potenzial sein“, meint Jörg Völlger, der früher selbst lieber seine Schwester gefragt hat. „Aber“, fügt er schmunzelnd hinzu, „ältere Geschwister wissen auch nicht immer alles. Oder sie glauben etwas zu wissen und dann ist das eigentlich gar nicht so.“

Aufklärung innerhalb der Familie ist mehr als über Sex und Verhütung zu reden. Angesichts von rund 600 Babys, die pro Jahr in Deutschland von Müttern unter 15 geboren werden, und unter Berücksichtigung von rund 2500 Schwangerschaftsabbrüchen bei Mädchen unter 18 allein im letzten Jahr ist das natürlich ein wichtiges Thema. Genau wie sexuelle Orientierung, der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten oder die Verwendung von Hygieneartikeln wie Tampons oder Menstruationstassen bzw. die Pflege des eigenen Körpers. Aber darum geht es nicht allein. Es geht um Verantwortung – sich selbst und anderen gegenüber. Um Respekt. Um Zärtlichkeit. Aber auch um Varianten der Liebe, um käufliche Liebe und – ganz wichtig – um die Macht des Wörtchens Nein.

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