Stadt oder Land

Aug 17, 2020 | LEBENSRAUM

WO LEBT ES SICH BESSER?

Das Gras auf dem Land ist grüner, die Luft besser, die Blumen blühen bunter, und beim Waldspaziergang findet der gestresste Mensch zu sich selbst. So ist zumindest die Idealvorstellung vom Land, die derzeit in den sozialen Medien und in Magazinen mit wildromantischen Bildern und Geschichten gefüttert wird. Trotzdem ziehen nicht alle raus: Seit 2008 leben weltweit mehr Menschen in der Stadt. Auch in Deutschland. 77 Prozent der Bevölkerung leben in Städten und Ballungsräumen, die restlichen 15 Prozent leben in Dörfern mit weniger als 5000 Einwohnern. Auch in der Metropolregion Nürnberg ballt sich das Leben um Städte wie Nürnberg, Fürth, Erlangen oder Bamberg. 

Auf der einen Seite also das Leben in der Natur, Ruhe und starke Gemeinschaft, auf der anderen Kultur, Kneipe und öffentliches Leben. Doch wo lebt es sich wirklich besser – Stadt oder Land? ELMA hat zwei Familien befragt.  

Text Daniela Ramsauer

Land: „Es gibt nicht das ganze Jahr über Äpfel“

Familie Wening
Der Bauernhof der Wenings ist bereits seit 1756 in Familienbesitz. Wolfgang Wening (52) führt mit seiner Frau Steffi (41) den Stophelhof, der sechs Kilometer entfernt von Heilsbronn bei Ansbach liegt. Steffi kommt ursprünglich aus Windsbach und lebt seit inzwischen 20 Jahren in Neuhöflein. Die drei Töchter Maria (9), Elisa (5) und Anna (2) sind hier geboren. Wolfgang hofft, dass eine der drei später mal das Anwesen übernehmen und weiterführen wird. Auf ihrem Biobetrieb halten die Wenings seit 2015 Mutterkühe und vermarkten das Fleisch der Tiere. Der Stophelhof ist auch ein Erlebnisbauernhof. Schulklassen und Kindergärten können die Kuhherde kennenlernen, das Leben am Weiher, in Wald und Natur entdecken. 

Wohnort
Neuhöflein

Einwohner
70

Haustiere
60 Rinder, 8 Hühner und 1 Hahn,
2 Kaninchen und 1 Katze

Berufe der Eltern
Landwirt und studierter Bauingenieur
und Informationswirt, Heilpädagogin. Zurzeit sind beide in Elternzeit.

DAS SAGEN DIE WENINGS ÜBER DIE GEGENSÄTZE VON STADT UND LAND:

Wolfgang Wir haben einen großen Garten, blühende Felder und die Kühe. Auf den ersten Blick mag es hier aussehen wie im Bilderbuch. Aber das alles zu pflegen und zu erhalten, da steckt sehr, sehr viel Arbeit dahinter. Sowas hast du in einer Mietwohnung in der Stadt nicht. Und du kannst trotzdem raus in die Natur – zum Beispiel an die Pegnitz. Das kann auch lebenswert sein. Für mich wäre das aber nichts. Ich liebe es, mit den Tieren hier zu sein. Kühe gehören für mich zum Kreislauf dazu: Wir bauen Kleegras und Getreide an, die für den Erhalt einer Biolandwirtschaft nötig sind. Alle paar Monate schlachten wir und verkaufen das Fleisch. Für ein Rind bekomme ich 2000 Euro. Das ist nicht viel, aber trägt zu unserem Lebensunterhalt bei. Ich denke, dass einige Städter zu wenig über Lebensmittel wissen. Wir hatten letzten Sommer eine Schulklasse zu Besuch. Ein Junge wollte die noch grünen Äpfel vom Baum pflücken und essen. Ich sagte: „Nein, die sind nicht reif.“ Der Junge antwortete darauf: „Was? Äpfel sind doch das ganze Jahr über reif!“ – Klar, er hat irgendwie recht: Im Supermarkt bekommt er das ganze Jahr über reife Äpfel. Wie soll er es anders wissen? 

Steffi Ich gebe zu: Wir sind abgeschottet hier. Wenn meine Kinder zu Freunden, zum Sport oder sonst wohin wollen, dann bin ich das „Mamataxi“. Außer dem Schulbus fahren hier keine öffentlichen Verkehrsmittel. Durch unser Dorf dafür einige – und oft schnelle –  Autos. Wir wollen noch nicht, dass unsere Mädels da alleine zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sind. Auch was Dorfgemeinschaft bedeutet, sollte man es sich überlegen, ehe man aufs Land zieht. Es gibt Dorftratsch, manchmal auch Cliquen, die das soziale Leben vorgeben. Du musst dich in diesem Umfeld  bewegen und handeln können – sonst fühlst du dich nicht wohl. Dafür schauen die Leute auf dich und sind in der Not für dich da. Das ist wertvoll. Auch erleben wir den Ablauf des Jahres hier sehr intensiv. Unsere Kinder kennen Kräuter, Bäume und Pilze. Sie sehen, wie Tiere geboren werden und sterben. Auf all das möchte ich nie mehr verzichten.

Maria In der Nachbarschaft wohnen zwei gleichaltrige Jungs. Mit denen spiele ich ab und zu. Wenn ich eine Freundin treffen will, geht das nicht einfach so. Wir müssen das planen und Mama fährt mich hin. Wenn ich zuhause bin, ist mir trotzdem nicht langweilig. Ich lese oder streichle unsere Kühe. Jede hat einen Namen. Durch mein Leben in der Natur habe ich sogar in der Schule Vorteile, zum Beispiel in HSU: Als wir das Thema Pflanzen durchgenommen haben, sollten wir sieben verschiedene Blumen benennen. Ich wusste 19!

Elisa Ich habe gemeinsam mit Maria eine Kuh gezähmt, die sich vorher von niemandem hat anfassen lassen. Sie heißt Elli. Und ich habe geholfen, das Kälbchen Caspar mit der Flasche aufzuziehen. In der Stadt zu leben, das kann ich mir nicht vorstellen. Dort sind die Häuser zu hoch, die Wohnungen zu klein und die Luft dreckig.

Stadt: „Hier entscheiden wir, was wir tun möchten“

Familie Geier
Christopher (36) und Lisa Geier (33) leben mit ihrem Sohn Hugo (4) und Katze Sheryl im Nürnberger Stadtteil Gostenhof. Lisa lebt schon immer in der Stadt, aufgewachsen ist sie in Nürnberg St. Leonhard. Raus aufs Land zu ziehen kommt für sie nicht in Frage. Christopher hingegen kennt den ländlichen Raum: Bis vor 12 Jahren hat er bei seiner Familie in Adelsdorf bei Erlangen gewohnt. Nachdem er schon als Jugendlicher oft in Nürnberg unterwegs war, ist er hierher gezogen.

Wohnort
Nürnberg

Einwohner
rund 530.000

Haustiere
1 Katze

Berufe der Eltern
Lehrerin, Project Engineer

SO IST DIE SICHT DER GEIERS AUF DAS STADT- BZW. LANDLEBEN:

Lisa Land gefällt mir schon mal nicht, weil ich da aufs Auto angewiesen wäre. Es ist toll, dass man überall in der Stadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt. Auch mein Sohn soll lernen, diese Verkehrsmittel zu nutzen. So kann er später selbst entscheiden, welche Wege er zurücklegen möchte. An der Stadt liebe ich auch, dass ich eine große Auswahl an Kneipen, Restaurants und kulturellem Angebot habe. Ich kann spontan entscheiden, was ich machen möchte. Ebenso haben wir die Wahl, zu entscheiden, mit wem wir sozial verankert sind. Wenn es zu viel wird, kann man sich in der Stadt zurückziehen. Das stelle ich mir auf dem Dorf schwieriger vor – ich glaube, da sind die Strukturen schon so fest und vorbereitet, dass Veränderungen immer Fragen aufwerfen. 

Christopher Ich würde mir wünschen, dass Nürnberg vom Verkehr her intelligenter organisiert wäre. Dann wäre es ein idealer Ort zum Leben. Die vielen Autos und der Lärm – das nervt manchmal. Ein weiterer Nachteil in der Stadt sind die hohen Lebenshaltungskosten: Aktuell zahlen wir 1300 Euro Miete! Man muss viel Geld ranschaffen, um hier leben zu können. Man ist fast gezwungen, sich irgendwann mal was zu kaufen. Das ist ein Vorteil vom Land: Über ein paar Ecken kennt man immer jemanden, der ein Haus oder Grund zu gutem Preis verkaufen will. Mit meinem Vermieter in der Stadt brauche ich nicht über den Mietpreis verhandeln! Überhaupt ist und war die Vernetzung auf dem Land stärker: Im Wirtshaus oder bei Geburtstagen haben alle Kinder miteinander gespielt. Wir waren oft 20 auf einem Haufen. Das habe ich in der Stadt so noch nicht erlebt. Auch beruflich habe ich in Adelsdorf viel mitgekriegt: Durch Bekanntschaften, Verwandte und Freunde konnte ich Ferienjobs beim Metallbauer, beim Schreiner und beim Elektriker machen. So wusste ich schon bald, in welche Richtung es mal geht. Trotz manchem Nachteil, den die Stadt hat, möchte ich in Nürnberg bleiben. Wir leben gerne in der Wirklichkeit unseres Stadtviertels. Unser Sohn geht in einen „normalen“ Kindergarten, später mal soll er in eine Sprengel-Schule. Das gentrifizierte „Möchte-Gern-Multikulti“, bei dem sich Leute in die Strukturen einkaufen, die ihnen gefallen, ist nicht unser Ding.

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