Das Trainingslager fürs Leben

Jul 14, 2020 | TITELTHEMA

Spielen, das ist doch was für Kinder, Tiere und irgendwelche Nerds! Ganz sicher ist: So richtig ernst nehmen muss man das nicht. Oder kann es sein, dass da ein riesengroßer Irrtum vorliegt? Experten sehen das nämlich ganz anders: „Spielen ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das er befriedigen können muss – sonst verkümmert er!“ Warum das so ist und warum man ein Leben lang viel Zeit zum Spielen haben sollte, erklären wir euch. Spielend einfach! 

Text Katharina Wasmeier

Wir spielen Spiele und Theater, Fußball und Schach. Wir spielen eine Rolle für jemand anderen – oder auch die, die von uns erwartet wird. Wir spielen Verstecken und gute Laune. Wir spielen mit Gedanken und manchmal vielleicht auch mit Gefühlen. Wir spielen ein Instrument und vielleicht sogar die erste Geige. In welchen Lebensbereich auch immer wir schauen: Das Wort „Spiel“ taucht überall auf, in unterschiedlichen Zusammenhängen, mit unterschiedlichen Bedeutungen. Schon die Sprache deutet also auf etwas Wichtiges hin: „Dass Spielen nur ein Zeitvertreib ist, ist ein grobes Vorurteil!“ Das sagt Dr. Jens Junge, und der kennt sich aus: Als echter Spieleforscher leitet er das Berliner Institut für Ludologie (Spieleforschung). Seit langem forscht und lehrt er schon zu diesem Thema, für das Nürnberg sogar ein eigenes Museum bereithält. Dessen Leitung hat 2015 Dr. Karin Falkenberg übernommen. „Spielen ist ein Menschenrecht“, sagt die Kulturwissenschaftlerin. Wie überlebenswichtig diese Spielerei ist, zeige sich schon bei Babys. Die spielen bald mit den eigenen Händen, stundenlang, „be-greifen die Welt spielerisch“, machen „Unsicheres sicher“, so Dr. Jens Junge. 

Diese spielerische Eroberung zieht sich weiter, wird Fantasiespiel, wird Rollenspiel, spricht mit dem Teddy, spielt Mama-Alltag. Nur Kinderei? Mitnichten. „Kinder üben hierbei elementare Grundlagen des Zusammenlebens“, so Dr. Karin Falkenberg, „übernehmen andere Rollen und entwickeln durch das Nachahmen Empathie.“ Arbeitsalltag der Kinder, nennt sie das. Und lebenswichtig: Weniger Spiel bedeutet weniger Synapsenbildung, bedeutet weniger Anpassungsfähigkeit und weniger Handlungsvariationen. Woher soll ich wissen, wie sich mein Gegenüber fühlt, wenn ich nicht ausprobiert habe, was eine bestimmte Situation mit mir so macht? Hierfür brauchen Kinder: Kinder. Erwachsene? Langweilig. Zu viel Logik. Und zu viele Regeln … Dabei sind auch Regelspiele wichtig. „Hierbei lernt man zum einen, sich für andere mitzufreuen. Zum anderen aber auch, Frust auszuhalten, Niederlagen zu akzeptieren.“ Spielverderber will man eigentlich nicht sein – wie man es dann wirklich nicht ist, das muss man lernen. 

Wer spielt,
trainiert das Gehirn 

„Wir lernen fürs Leben – nur die Formen ändern sich“, beschreibt Dr. Karin Falkenberg den Variantenreichtum des Raumes, in dem wir geschützt sind, um Erfahrungen zu sammeln, mal ganz anders zu sein oder es uns einfach nur gutgehen zu lassen. Denn auch später im Leben bleibt das Spiel wichtiger Begleiter. Lässt uns abschalten vom anstrengenden Alltag, das enge Korsett gesellschaftlicher Konventionen abstreifen und die sonst so seriöse Geschäftsfrau ausgelassen im Stadion jubeln. Und auch im dritten Lebensabschnitt ändert sich die Form – doch das „Spiel als Trainingslager fürs Leben“ bleibt erhalten. Im besten Fall. „Wer spielt, trainiert das Gehirn, die Feinmotorik“, erklärt Dr. Jens Junge. „Damit können wir die Vitalität von Körper und Geist aufrechterhalten.“ Längst gibt es eigene Spiele für demente Menschen oder Schlaganfallpatienten, „Health Games“, die spielerisch Zugang zu eigentlich hartem Training ermöglichen. Oder auch Spiele für Menschen mit bestimmten Behinderungen oder motorischen Einschränkungen. 

„Gut sind Spiele, die uns nicht unter- oder überfordern, sondern schlichtweg Lebensfreude bringen“, sagt Dr. Karin Falkenberg und mahnt damit auch Eltern, die vielleicht im Eifer des Förderungsgefechts über die Stränge schlagen. „Eltern müssen darauf achten, welche Impulse sie setzen – und welche sie vielleicht auch wieder entfernen.“ Je nach Entwicklungsstand, aber freilich auch Persönlichkeit des Spielenden sollte sorgfältig ausgewählt werden – oder man lässt ihn einfach an der superextralangen Spieleleine laufen. Meist entstehen hierbei die tollsten Spiele. Wenn das also alles so gut ist für die Menschentwicklung, muss man dann nicht vielleicht Spielzeit verpflichtend einführen? „Fürs Lernen gilt: am besten spielerisch Aufgaben angehen statt funktionieren müssen“, so Dr. Karin Falkenberg. Wenig zielführend hingegen: zum Spiel verpflichten. Als Eltern lieber: vormachen. „Erzogene Kinder erreicht man durch erzogene Eltern“, findet die Museumsdirektorin. Und ein cooles Vorbild wird unbewusst als Strategie erkannt, den Alltag mit Freude zu bewältigen. 

 

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