Lebenslang für kleine Allergiker

Jun 17, 2020 | BLEIBT GESUND

Normalerweise klappt das super: Krankheitserreger greifen unser Immunsystem an, das wehrt sich, bildet Antikörper und beim nächsten Mal hat der Angreifer keine Chance mehr. Manchmal allerdings bekämpft der Körper Substanzen, die gar keine Gefahr darstellen – sei es aus Versehen oder auch aus Langeweile. 

Text Simone Blaß

„Jedes fünfte Schulkind von Allergien betroffen“ 

Solche Schlagzeilen schüren Ängste. 25 Millionen Deutsche leiden unter Allergien. Logisch, dass wir unsere Kinder von Anfang an davor schützen wollen. Das Problem ist nur: Was gestern richtig war, kann heute schon wieder falsch sein. Denn auch Wissenschaftler können sich irren und da kann es schon mal vorkommen, dass das, was beim großen Kind noch galt, beim Nachzügler schon wieder ad acta ist. Legte man zum Beispiel noch vor wenigen Jahren den Frauen nahe, möglichst schon in der Schwangerschaft bestimmte Lebensmittel zu meiden, um Allergien vorzubeugen, sind es heute gerade diese Lebensmittel, die die Schwangere essen soll, um das Kind sozusagen allergisch abzuhärten. Vorausgesetzt natürlich, die werdende Mutter ist nicht selbst darauf allergisch. „Man fördert sozusagen die Toleranz“, so Dr. Karl Gall, selbst zweifacher Vater, und rät dringend von angeblich allergievermeidenden Diäten während einer Schwangerschaft ab. Nährstoffmangel ist ein Grund. „Ein weiterer ist, dass einige Studien gezeigt haben, dass sich zum Beispiel Fischkonsum während der Schwangerschaft positiv bezüglich einer Allergieentwicklung bei den Kindern auswirkt.“ Wirklich negativen Einfluss haben Abgase, Tabakrauch und Schimmelbelastung – also etwas, was grundsätzlich nicht nur ver-, sondern gemieden werden sollte.

Kleine Kinder dürfen alles probieren, was auf den Tisch kommt

Theoretisch lässt sich bereits über das Nabelschnurblut feststellen, ob ein Neugeborenes eine Tendenz zur Allergieentwicklung hat. Das allerdings sagt nichts darüber aus, ob es überhaupt je an einer Allergie erkranken wird und schon gar nicht, an welcher. Ähnlich ist es mit der Veranlagung: Die Wahrscheinlichkeit auf eine Allergieentwicklung steigt, wenn mehrere Familienmitglieder betroffen sind – vererbt wird aber nicht eine bestimmte Allergie, sondern lediglich die Bereitschaft zur allergischen Reaktion. Die nie ausbrechen muss. 

Auch bei der Beikosteinführung ist man heute ein ganzes Stück weiter als noch vor zwei Jahrzehnten. Früher wurde den Eltern dazu geraten, jedes Lebensmittel einzeln zu füttern, um mögliche Anzeichen auf eine Allergie sofort zu erkennen und entsprechend darauf reagieren zu können. Der Speiseplan war entsprechend langweilig und die kindliche Neugier auf das, was die Großen essen, wurde stark eingeschränkt. Heute ist die Sicht viel entspannter. 

Keine Angst vor Rotz

Wir sind von Natur aus darauf gepolt, alles aus dem Weg zu räumen, was unserem Kind schaden könnte. Kein Wunder also, dass es für die Werbung ein Leichtes ist, uns vorzugaukeln, dass ein Bazillen vernichtendes Putzmittel genau das ist, was wir jetzt brauchen.  Doch in einer fast keimfreien Umgebung hat das kindliche Immunsystem keine Chance, sich mit äußerlichen Einflüssen auseinanderzusetzen. Also wird ihm langweilig und es sucht sich Arbeit – die Allergie entsteht. Besser ist es, viel mit dem Baby an die frische Luft zu gehen und es schon früh mit anderen Kindern zusammenzubringen. Denn die tragen alle möglichen Keime und Bakterien mit sich herum und sorgen so dafür, dass das Immunsystem des Babys so richtig beschäftigt wird. Nicht umsonst haben Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, deutlich weniger Allergien als Stadtkinder.  

Gute Alternative: Ziegenmilch

Häufiger als Allergien sind bei Babys die Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die sich in Form von Bauchschmerzen und Durchfall zeigen. Dadurch besteht die Gefahr von Nährstoffmangel und Entwicklungsstörungen. Als Auslöser Nummer eins gilt Kuhmilcheiweiß, das erste Fremdeiweiß, mit dem ein Säugling in der Regel in Kontakt kommt. Der beste Schutz: Stillen. Denn Muttermilch ist von Natur aus allergenarm und die enthaltenen Stoffe stärken die Darmschleimhaut. Und sie schmeckt auch jeden Tag anders. Über den Speiseplan der Mutter lernt der Säugling so eine große Vielfalt kennen. Sechs Monate voll, empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, WHO. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung unterstreicht den positiven Einfluss des Stillens auf die Entwicklung von Allergien. Da aber nicht jede Frau stillen kann oder will, hält der Markt hypoallergene Fertignahrung, sogenannte HA-Nahrung, bereit, bei der die Eiweißbestandteile erhitzt und in Bruchstücke zerlegt werden. Der kindliche Körper wird so ausgetrickst. Seit 2013 die Europäischen Behörden hypoallergene Anfangsnahrung als sichere und geeignete Proteinquelle bezeichnen, gibt es Säuglingsnahrung auch auf Ziegenmilchbasis, da diese in ihrer Zusammensetzung der Muttermilch ähnelt. 

Dem Immunsystem darf nicht langweilig werden

Natürlich schadet es nicht, waschbare Matratzenauflagen zu verwenden, Kuscheltiere ab und zu ins Waschmaschinenkarussell zu schicken, Kleidung am besten schadstoffgeprüft und noch besser gebraucht zu kaufen sowie bei der Körperpflege auf gute Inhaltsstoffe und Parfümfreiheit zu achten. 

Besteht bei  sehr kleinen Kindern der Verdacht auf eine Allergie oder Unverträglichkeit, ist der Arzt auf die Mithilfe der Eltern und ihre Einschätzung der Situation angewiesen. Schließlich gibt es unzählige Stoffe, die in Frage kommen und die Symp-tome ähneln oft denen anderer Erkrankungen. „Nahrungsmittel als mögliche Ursache von Beschwerden sind vor allem dann unwahrscheinlich, wenn sie zeitweise auch immer wieder problemlos vertragen werden. Ein Allergietagebuch kann da sehr hilfreich sein. Auch ist es sinnvoll zu prüfen, ob durch eine Auslassungsdiät oder ein Meiden bestimmter Stoffe die Symptome verschwinden oder sich verbessern lassen“, verdeutlicht Dr. Karl Gall, der in seiner Praxis immer wieder erlebt, dass Patienten sich und ihre Kinder streng nutzlosen Diäten unterziehen. „Nahrungsmittelallergien sind deutlich seltener die Ursache für Beschwerden als von den Betroffenen wahrgenommen wird.“

Eine Reaktion ist noch keine Allergie

Um herauszufinden, ob eine Allergie besteht, sind Bluttests bereits bei Babys möglich. „Dabei möchte ich aber erwähnen, dass gerade von Homöopathen, aber auch Alternativmedizinern teilweise falsche Testungen durchgeführt werden. Insbesondere die Bestimmung von Immunglobulin-G-Antikörpern im Blut ist sinnlos. Diese erhöhten Antikörper sind eine ganz normale Immunreaktion des Organismus auf fremde Eiweiße.“ Hauttests, wie den Pricktest, empfiehlt der Dermatologe erst ab einem Alter von vier Jahren durchzuführen und auch nur dann, wenn das Kind den Test toleriert. „Allergietests, bei denen die gängigen allergieauslösenden Stoffe getestet werden, weisen außerdem lediglich eine Tendenz auf. Man spricht hier von einer stummen Sensibilisierung. Entscheidend ist, ob die positiv getestete Substanz Beschwerden auslöst. Denn nur dann besteht eine Allergie. Etwas im Vorfeld zu meiden, ist also unnötig.“

„Das wächst sich aus“

Lebensmittelunverträglichkeiten können sich wieder in Luft auflösen. Je früher die Reaktion, desto wahrscheinlicher. „Das gilt vor allem für Nahrungsmittelallergien, die zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr auftreten. Es muss also beizeiten – unter ärztlicher Aufsicht – überprüft werden, ob überhaupt noch eine Unverträglichkeit vorliegt, um ein unsinniges lebenslanges Meiden des entsprechenden Lebensmittels zu verhindern.“ Auch andere Allergien, wie zum Beispiel eine Pollen- oder Hausstaubmilbenallergie, können sich im Lauf des Lebens verringern oder sogar verschwinden. Und wie beim Ausbruch auch, weiß man bis heute nicht, warum und warum gerade zu diesem Zeitpunkt. Dass die Seele hier ihre Finger mit im Spiel hat, davon ist man inzwischen überzeugt.

Dr. Karl Gall (Allergologe)

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